Das Problem: Es gibt nicht genug sexy Geschichten auf der Welt!

Cover "Macht Sex Spaß?"

Die Lösung:

Auf Bestellung

Erschienen in der Anthologie „Macht Sex Spaß?“
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Ich messe die Stufe draußen im Treppenhaus. Vierundzwanzig Zentimeter ist sie hoch. Ich gehe zurück in meine Wohnung, schließe die Tür, setz mich und rechne. 1,69 Meter, so groß bin ich, minus vierundzwanzig. Macht 1,45 Meter. „Ziemlich klein“, denke ich, sage ich. „Einsfünfundvierzig.“
Ich spreche laut vor mich hin. Das tue ich, wenn ich konzentriert arbeite. „Die Beine. Ich fang von unten an.“
Beim Schreiben arbeite ich konzentriert, vor allem beim Schreiben auf Bestellung. „Beinlänge?“, überlege ich. Heute schreibe ich für Andrea.
Aber wie lang meine Beine sind, fällt mir trotzdem nicht ein. Dabei hab ich’s gestern erst gemessen. Und dann aufgeschrieben, eingetippt vielmehr, und gespeichert, in einem Word-Dokument namens… namens… kann mich nicht an den Namen erinnern. Gestern Abend hat der bestimmt noch Sinn gemacht. Ich schau zum Computer. „Tja“, sag ich und greif zum Maßband statt zur Tastatur. Ist schneller.
Das Maßband hab ich vor ein paar Stunden im Baumarkt geholt. Extra hingefahren bin ich, so was hab ich nicht zu Hause. Nur Lineale, und die sind zu kurz, um anständig Beine zu messen. Mösenhöhe vielmehr. Von hinten, um ganz genau zu sein. Jetzt aber hab ich ein Bauhaus-Papiermaßband, das ist lang genug und außerdem praktisch, das passt sich den Formen an.
Ich messe also. Neunundsiebzig. So lang sind meine Beine. Das klingt nicht vertraut, ich messe lieber noch mal. Achtundsiebzig. Das klingt auch nicht vertraut. Aber achtundsiebzig sind es, von Fußboden bis Vaginaeingang.
„Schön, schön“, sage ich erst und denk dann an die Stufe. „Mist“, sage ich. „Vierundzwanzig dazu.“ Oder weg, je nachdem. „Vierundzwanzig ist ganz schön viel.“ Da hängt der Dildo der einen doch mittig vorm Bauch, wenn er in der Möse der anderen landen soll. Das geht so nicht.
Soll aber. Andrea hat’s so bestellt.
Mist, denke ich. Warum will sie’s denn ausgerechnet auf der Treppe von hinten mit Dildo? Mit Händen wär das überhaupt kein Problem, die hängen an Armen, und die kann man ausstrecken, nach vorne, nach oben. Aber die Hüfte, das Becken? Nee du, Andrea, deine Nexia – komischer Name, aber so soll die andere heißen –, deine Nexia steht eindeutig zu tief. Vierundzwanzig Zentimeter zu tief. Da rammt sie dir den Dildo doch gerade mal in die Kniekehle oder so.
Fast geb ich auf. Dummerweise hat Andrea die Geschichte aber nicht nur bestellt, sondern auch schon bezahlt. Eilbestellung, Eilbezahlung. Bis heute Abend soll sie fertig sein.
Zumindest ist die bestellte Nexia drei Zentimeter größer als ich. Das ist schon mal was. Nexia, 1,72 Meter, schlank, blond – so will Andrea sie haben. Die Beschreibung war von einem Foto begleitet, per E-Mail geschickt. Dazu hat sie mir präzise Anweisungen geschrieben. „Die Haare muss sie zurückwerfen, bei allem, was sie so tut. Und die Unterlippe kauen. Aber nicht beim Sex.“
Und der Sex eben sollte auf der Treppe stattfinden. Öfters. Wild. Von hinten. Nexia hinten, unten, eine Stufe niedriger. Vierundzwanzig Zentimeter niedriger. Deswegen hab ich gemessen, die Treppe im Flur. Ich bin eine sehr präzise Autorin.
Ich überlege eine Weile, und plötzlich hab ich ’ne Lösung: fette Schuhe! Nichts leichter als das. Hoher Absatz. Und der Dildo kann ja auch mal etwas höher sitzen als sonst. Ich komme ins Grübeln, hoher Absatz okay, aber der Dildo bittesehr, der muss doch auf die Klitoris drücken, doch schon, das muss er, selbst wenn’s nur in einer Geschichte ist. Also ganz hohe Schuhe, Riesenabsatz. Dann aber am besten Plateaus, die sind stabiler. Aber war da nicht was? Da war doch was. Ich schaue nach.
„Nexia ist sehr feminin, sie mag Stilettos“, das war. Sogar unterstrichen ist das auf dem Bestellformular, scheint wichtig zu sein. Na dann, Stilettos. Aber damit beim Ficken auf ’ner Treppe balancieren? Ich hab so meine Zweifel, besonders, wenn ich dran denke, dass sie den Dildo ja irgendwie auch noch nach oben richten muss. Wegen dem Höhenunterschied.
Ich trödele herum, weiß nicht mehr weiter – es soll doch auch durchführbar sein, was ich so schreibe.
Vielleicht kann die Stufe ja etwas niedriger sein. Und die Andrea vielleicht … Ich schaue nach, und Tatsache, da steht’s: Andrea ist klein, kleiner als ich: 1,65 Meter.
„Wenn man kleiner ist, sind die Beine auch kürzer.“ Mit Überzeugung spreche ich Richtung Computer. Der wartet. „Vielleicht hat sie ganz extrem kurze Beine. Bestimmt.“ Muss so sein. Meine achtundsiebzig Zentimeter sind doch schon viel, denke ich. Nicht, dass ich vorher je Beinlängen gemessen hätte, so auf den Zentimeter genau. Also, so siebzig vielleicht? Siebzig plus niedrige Stufe, also zweiundzwanzig statt vierundzwanzig vielleicht, macht zweiundneunzig. Und das dann minus Höhe Stilettos.
Ich mach mir lieber eine Zeichnung: Strichmännchen, Strichweibchen mit Dildo. Ob ich die mitschicken soll, als Bonus mit der fertigen Geschichte? Ich weiß nicht. Ich zeichne erst mal weiter und rechne. Wenn die Stilettos acht Zentimeter hoch sind … Wenn die Stilettos acht Zentimeter hoch sind, gibt’s ein Problem, dann wird’s nämlich wackelig.
Manchmal wünsch ich mir echt, ich wär nicht so superpenibel.
Aber echt mal: Balancieren auf acht Zentimetern Pfennigabsätzen? Und das gut genug, um die Hüfte, das Becken, in einem – was heißt in einem? in vielen – Schwüngen und Stößen kräftig vor und zurück zu bewegen? Vor, zurück, vor, zurück, wackeln, kräftig stoßen, balancieren, Dildo. Ausprobieren! Wo ist meine Freundin, wenn ich sie brauche?
Dann probier ich eben alleine. Besser als Strichweibchen ist das allemal. Ich schnall mir den Dildo um, balancier, Hüfte vor und zurück, probiere, dauert ’ne Weile, klappt aber ganz gut.
Als ich zurück zum Computer komme, schwebt Nexias Foto quer über den Monitor. Das ist seit gestern mein neuer Bildschirmschoner, seit ich den Auftrag gekriegt hab. Nexia, Andrea, Dildo und Treppe, jetzt aber mal los. Nexia, Andrea; im Rhythmus der beiden fang ich an zu atmen.
Die Nexia, die Schöne, kriegt knallrote Nägel. Die kann sie ruhig haben, ganz lang; sie kriegt sogar einen Schmuckdiamanten am kleinen Finger, voll schick, weil ist ja eh nix mit Fingerspielen, sondern viel mit dem Dildo, jawoll. Wie bestellt, so geschrieben.
Ich schau kurz auf meine eigenen Nägel, geschnitten, gefeilt und ganz ohne Lack, ganz wie die meiner Freundin. „Ach“, seufze ich und erinnere mich: heute vorm Losgehen hat sie sich vor mich hingekniet. „Du drückst schon wieder die Knie durch“, hat sie gesagt. „Lieber leicht beugen, ist besser fürs Knie.“ Dann hat sie mir ihre Hand aufs Knie gelegt. Und gleich darauf ganz woanders hin.
Knie beugen! Das ist es. Logik diktiert: Gebeugte Knie verkürzen die Beine, bringen das Becken weiter nach unten, weiter nach unten Richtung eine Stufe tiefer wartenden Dildo. Das muss ich testen. Ich stehe auf, beuge, strecke, beuge. Guck an mir runter. Geh rüber zum Spiegel, beuge noch mal. Sieht gut aus, doch, doch. „Ja, ja!“, jubele ich. „Kniebeugen ist gut!“
Gesundsheitsbewusst, denke ich, gesundheitsbewusst werden sie sein, Andrea und Nexia, zumindest in meiner Geschichte, also, zumindest die eine, die oben, Andrea, die wird die Knie beugen, ziemlich doll sogar, ganz gesundheitsbewusst, ja ja, die Andrea, das wird sie freuen.
Die Nexia leider wird ihre Knie äußerst durchdrücken müssen, um größer zu sein. „Ein paar Zentimeter nur“, denk ich. „Ist nicht so wild. Dafür sitzt der Dildo dann aber genau da, wo er soll.“
Ich hol die Strichweibchen raus, zeichne und rechne, die finale Berechnung, um sicherzugehen. Stufe zweiundzwanzig, 1,80 Meter die Nexia, inklusive Stilettos. Ganz lange Beine, aber wirklich ganz lang, bestimmt fünfundachtzig Zentimeter sind die, so durchgedrückt. Plus acht für die Stilettos macht zweiundneunzig.
Nun zu Andrea, dem Kurzbein. Die läuft barfuß herum, schließlich sind sie doch kuschelig zu Hause, Wendeltreppe nach oben, mit Kerzen und Rotwein. Barfuß steht sie da also auf ihren siebzig Zentimetern, Stufe dazu, zweiundzwanzig, macht auch zweiundneunzig. Zweiundneunzig, zweiundneunzig. Vielleicht nenn ich die Geschichte gleich so.
Ich bin begeistert, zweiundneunzig, da flutscht der Dildo, aber so was von gut. Ich fang wie wild an zu tippen, so wild wie der Sex der beiden gleich wird.
Andrea lehnt sich vornüber, die Knie brav gebeugt. Und Nexia fummelt, erst mit den Händen – Vorsicht, die Nägel! – dann auch mit Dildo. Sie schwingt ihre Hüften, und auch die Haare, na klar, sehr blond sind diese Haare, und lang. Und ihre Beine erst, die sind aber mal lang, so was von lang, das muss man betonen. Also, sehr lang – hier unten ganz lange Beine, und da oben sehr kurze. Das passt, sie schaffen’s, ich jubele – jetzt ist er drin, der Dildo, und drückt auch ordentlich da, wo er soll, nämlich auf die Klitoris. Nexia schwankt auf den Stufen, hält sich fest an Andrea, sie kaut ihre Lippen (zumindest denke ich das), aber Andrea, die Kurze, die Gesundsheitsbewusste, die weiß das nicht, die steht schließlich vorne, und das ziemlich stabil, auf ihren ganz kurzen Beinen.
Wow, bin ich begeistert.
Aber fast zwanzig Stunden zwischen gestern und jetzt, für diese Geschichte? Das ergibt einen mageren Durchschnittslohn, einpaarhundert durch zwanzig. Die Hälfte der Zeit für Baumarkt und Messen, Messen und Rechnen, Probieren, Strichmännchen, Strichweibchen, ich vor dem Spiegel, immer wieder, noch mal, so viel Recherche. Erschöpft klick ich auf „Senden“.
„Jetzt aber ich!“, sag ich dann und meine Sekt zur Belohnung, und da fällt es mir ein: Unter „Ich“ hab ich gestern meine Beinlänge abgespeichert. Ich.doc, das interessiert mich dann doch, ich schaue nach: „Achtzig“ steht da, also länger als heute; ich bin geschrumpft. Ich hole trotzdem den Sekt.
„Schrumpfen Beine bei Stress?“, frage ich laut vor mich hin ins Zimmer hinein. „Also echt mal!“ Dann fall ich vornüber aufs Bett und bleib auch so liegen. Bald kommt meine Freundin nach Hause, die küsst mich wach und wenn sie mich fickt, soll sie das heute mit ihren Händen tun. Ich verstecke den Dildo, Dildoverbot, und auch keine Stilettos, und Stufen gibt’s eh nur im Treppenhaus. Beruhigt schlafe ich ein.

 


„Auf Bestellung“ zum Hören


 

„Auf Bestellung“ in der Anthologie „Macht Sex Spaß?“:

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