Das Problem: Fehlende Zivilcourage. In der Tram wird jemand doof angemacht, aber du traust dich nicht, einzuschreiten, aus Angst, selbst Ziel des Angriffs zu werden.

Tram fährt durch die Straßen Berlins

Die Lösung:

Bimmel App

Jetzt endlich weiß ich, wie sich eine Autorin fühlt, die zufällig sieht, wie jemand ihr Buch liest – und es nicht nur einfach so liest, sondern mit Begeisterung liest. Großartig fühlt sie sich, die Autorin; einfach fabelhaft!
Nun, ich bin keine Autorin, ich habe kein Buch verfasst, aber ich weiß es trotzdem, wie sie sich fühlt. Denn ich habe eine Erfindung gemacht, und am Mittwoch, den 1. Juli 2020, sah ich, wie sie angewendet wurde, diese meine Erfindung. Wie gesagt: ein großartiges, ganz fabelhaftes Gefühl! Doch langsam, der Reihe nach.
Am Mittwoch, den 1. Juli, um Viertel nach Fünf, saß ich in der Straßenbahn, wie immer mittwochs um diese Zeit. Linie M6, Richtung Marzahn. Dort wohne ich, seit zweiundfünfzig Jahren bereits – doch das nur nebenbei. Die Bimmel, wie man so sagte in meiner Jugend, war voll. Nicht nur war Berufsverkehrszeit, sondern auch noch Monatsanfang. Frisches Gehalt war eingegangen auf den Konten den Berlinerinnen und Berliner, Gehalt oder Bezüge anderer Art – weltfremd bin ich nun nicht, ich weiß um die Arbeitslosenquote der Stadt. Die Berlinerinnen und Berliner wollten es ausgeben, das Geld, so lange sie es noch hatten. In meinem Teil der Stadt wollten sie das bei IKEA, Filiale Berlin-Lichtenberg.
Ich halte nicht viel von IKEA, doch auch das nur nebenbei. Ich baue nicht gern nach vorgegebenen Plänen; im Gegenteil: Ich bin eine, die Pläne macht, erstellt. Nun nicht Pläne für Möbel und anderes IKEA-Gerät, sondern Pläne für Computer, Laptops und Handys. Da heißen Pläne „Programme“, aber das Prinzip ist dasselbe: Eine Idee sucht ihre Umsetzung. Plan. Programm.
Ein ungewöhnlicher Job für eine Frau in meinem Alter, sagen viele. Ich sage das nicht. Zudem ist „Job“ so ein neumodisches Wort. Ich bevorzuge „Beruf“ – Beruf, Berufung, Bestimmung, eine Lebensaufgabe, vorgezeichnet durch Neigung und Fähigkeit – so steht es im Duden. Ich bin nicht nur mit Programmiersprachen vertraut, sondern auch mit der deutschen, im Detail.
Doch ich sollte zurückkehren an den Ausgangspunkt meines Berichts. Ja, so nenne ich es: Bericht. Ich schreibe viele Berichte, auch und besonders über meine Erfindungen, Berichte an Geldgeber*innen und Institute. So ein Forscherinnendasein wie meins will finanziert sein. Nun denn – zurück zu den Ereignissen des 1. Juli 2020.
An der Haltestelle „Schalkauer Straße“ – dort war IKEA – füllte sich die Straßenbahn, die Bimmel, auf einen Schlag. Leer war sie zuvor auch nicht gerade gewesen, aber es hatten doch alle einen Sitzplatz gefunden – ich einen ganz vorne, entgegen der Fahrtrichtung, mit Blick nach hinten. Aber jetzt war es mit Sitzplätzen vorbei. Und noch ärger kam es: all die sperrigen Möbelstücke! Die sind nicht sehr geeignet für den Transport in der Bahn, selbst nicht in Kartonformat. Voll war es, eng, dazu noch heiß. Sehr heiß, schwitzig und stickig.
Ein Mann am Ende des Wagens machte sich als Erster Luft. „Voll Scheiße, ey!“, rief er, noch an niemand Besonderen gerichtet.
Sein Kumpel stimmte ihm zu. „Ja, Mann, ey!“, rief auch er quer durch die Bahn, so laut, dass selbst ich es hörte, ganz vorne.
Dann entdeckten die beiden die Dame mit dem Bügelbrett.
Die Dame mit dem Bügelbrett blockierte den Gang. Sie tat das nicht mit Absicht; es war einfach so. Das Bügelbrett lehnte an einer Haltestange. Stabil war das nicht. Immer wieder griff die Dame nach ihrem Brett und sicherte es, wobei sie selbst jedes Mal fast den Halt verlor. So war an Platz machen gar nicht zu denken. Doch die beiden Herren vom Ende des Wagens sahen das anders.
„Ey, du Vettel da vorne“, rief der Erste. „Mach Platz!“
„Ja“, rief der Zweite. „Stell dein blödes Brett woanders hin.“
Die Dame mit dem Bügelbrett reagierte nicht. Vielleicht hatte sie die Rufe überhört – aber das war nicht sehr wahrscheinlich. Selbst ich hatte sie vernommen, und ich muss gestehen: Ich höre allmählich schwer auf dem rechten Ohr. Ich vermutete also, dass die Dame so dachte wie ich: Unfreundliches Duzen durch Fremde gehört ignoriert.
„Die hört nicht“, rief der eine Mann von hinten. „Voll oberfotzig, ey.“ Er lachte dröhnend und wiederholte – anscheinend gefiel ihm das Wort – „Oberfotzig!“
Dieses Wort mag ich nicht. „Oberfotzig“. Ich habe Schimpfwörter ausgiebig recherchiert, für meine Sammlung bester Beleidigungen – doch dieses hat es nicht auf meine Hitliste geschafft. Dafür viele andere; von denen wird noch die Rede sein. Nur Geduld.
Die Dame mit dem Bügelbrett rührte sich immer noch nicht. Ich fand das nur allzu verständlich. Die beiden Herren hinten jedoch offenbar nicht. Sie gaben nicht auf.
„Haste nicht gehört?“, rief der eine erneut. „Du alte Schlampe!“
„Ja, Schlampe!“, stimmte auch der zweite ein.
Das war der Dame mit dem Bügelbrett dann doch zu viel. „Entschuldigen Sie mal“, sagte sie und drehte den Kopf.
„Ha, hört sie doch, die alte Schlampe!“
An dieser Stelle wäre es wohl möglich, auf die Reaktionen der anderen Fahrgäste einzugehen, gäbe es denn welche. Es gab aber keine. Wohl ging den meisten ein Szenario durch den Kopf, in dem sie die Dame verteidigten – und dann selber Ziel der Beschimpfungen wurden. Also ignorierten sie das Geschehen, sahen aus dem Fenster, auf den Boden, oder spielten vermehrt an ihren iPads und Handys herum. Dieses Verhalten verwunderte mich nicht. Ich hatte es tausendfach beobachtet – und es mir dann mit einer Erfindung…
Ah, meine Erfindung. Zu der kommen wir sogleich.
Erst einmal drehte die Dame mit dem Bügelbrett ihren Kopf wieder nach vorn. Sie war sichtlich erschüttert, biss die Zähne zusammen, schluckte. Ich sah, wie ihr Kehlkopf sich auf und nieder bewegte. Ich lächelte ihr aufmunternd zu, aber sie bemerkte es nicht. Also zückte ich mein Handy, um ihr auf eine andere Weise zu helfen. Schnell öffnete ich die App, die ich erfunden hatte – und hier kommt sie nun ins Spiel, meine Innovation.
„Bimmel App“, begrüßte mich der Screen. „Bitte geben Sie ein paar Stichworte ein zur Situation.“
„Straßenbahn“, tippte ich. „Zwei Männer, ganz hinten.“ Ich schaute kurz zu ihnen hin. „Einer unrasiert, rotes Shirt; zweiter Brille. Beide Basecaps.“
Ich tippte schnell. Ich konnte schnell tippen, das hatte ich als junge Frau gelernt. Als Sekretärin hatte ich damals angefangen an der Universität, bis ich dann selbst studieren konnte. Ich allein unter vielen Männern, die schimpften, als ob ich nicht da wäre, als ob ich nicht direkt neben ihnen stünde. Was für Ausdrücke ich hörte! Ich habe sie mir alle gemerkt. Vielleicht, denke ich heute, nahm meine Erfindung da ihren Ursprung. Wer weiß.
„Benutzte Beleidigung?“, fragte mich meine App und schlug gleich ein paar typische vor. „Schlampe“ war typisch; ich musste es nur anklicken und fügte dann noch von Hand „alt“ und „oberfotzig“ hinzu. „Alte“ und „oberfotzig“ – so hatten die beiden Herren die Dame mit dem Bügelbrett genannt.
„Das für Ihre Situation passende Schimpfwort ist ‚Schimmelpimmel’“, informierte mich die App nach wenigen Sekunden. „Alternative: ‚Käsepenis‘. Möchten Sie, dass ‚Schimmelpimmel‘ jetzt laut gesprochen wird? Die dafür geeignete Stimme können Sie im nächsten Schritt aussuchen. Unsere Empfehlung: keifende Alte.“
Ich nahm nicht „keifende Alte“, und das aus einem ganz guten Grund – ich war die keifende Alte. Ja, ich hatte es mir nicht nehmen lassen, selbst mal ordentlich loszuschimpfen. Drei Tage hatte ich im Tonstudio gesessen und gekeift, was das Zeug hielt. Die besten Aufnahmen fanden ihren Weg in die App. Keifende Alte.
Ich nahm lieber „brummelnder Opa“ oder „bellender Bauarbeiter“. So einer saß nicht in meiner Nähe. Auch darauf wurde hingewiesen von der App: „Nehmen Sie möglichst keine Stimme, die zu jemanden in ihrer Nähe passt. Sonst akute Schlägereigefahr.“ Schon als Sekretärin war ich äußerst gründlich gewesen, dann als Studentin, Dozentin, Doktorin, Professorin – meine Gründlichkeit schlug manchmal in Pingeligkeit um; das gebe ich zu.
„Der Text wird jetzt ausgesprochen!“, warnte die App. „Stellen Sie Ihren Lautsprecher auf ‚maximal‘ und vergessen Sie nicht, überrascht auszusehen. Okay?“
Bevor ich „Okay“ klicken konnte, schrie es plötzlich durch den Waggon, keifende Alte, von direkt neben mir: „Schimmelpimmel! Ja, du mit dem Basecap – du bist ein Schimmelpimmel!“
Ich musste die Überraschung nicht spielen. Mein Kopf schnellte nach oben; ich sah auf den jungen Mann im Sitz neben meinem. Der grinste und hielt den Blick gesenkt, auf sein Handy.
Sein Handy, meine App!
So also fühlt sich eine Autorin, neben der einer sitzt, der ihr Buch mit Begeisterung liest!
Aber es wurde noch besser.
„Der Herr im roten Shirt ganz hinten: Aufgepasst!“, keifte es erneut, diesmal von einer anderen Stelle im Wagen. „Schauen Sie hin, liebe Fahrgäste – dort steht ein Käsepenis!“
Und fast zeitgleich rief es an einer dritten Stelle, nur ein Wort, doch so gekeift, wie nur ich es keifen kann: „Schimmelpimmel!“
Meine App in Aktion! Ich in Aktion! Schimmelpimmel und Käsepenis und keifende Alte – offenbar hatten sich alle an die Empfehlung gehalten, außer an die mit der Schlägereigefahr. Köpfe drehten sich überall in der Bahn. Die Frau mit dem Bügelbrett fing unverhofft an zu lachen, eine zweite stimmte ein, eine dritte, ein Mann.
Die zwei Käsepenis-Schimmelpimmel ganz hinten dagegen waren nicht amüsiert. „Ich bin kein Schimmelpimmel!“, rief einer von ihnen. „Wer war das?“
Jetzt lachte die ganze Bahn, auch ich. Und bevor ich darüber nachdenken konnte, kreischte ich ganz laut, in meiner besten Version der keifenden Alten: „Ich war’s! Und du bist ein stinkender Käsepenis! Ein alter Schimmelpimmel!“
Plötzlich herrschte Ruhe in der Bahn. Selbst das Quietschen der Räder in der nächsten Kurve schien leiser als sonst. Alle schauten mich an.
„Schimmelpimmel!“, rief ich noch mal, in die Stille hinein; ich war nicht zu bremsen.
„Wow“, sagte der junge Mann neben mir. „Das können Sie aber gut! Diese Stimme! Ich dachte fast-“
„Ja?“, fragte ich.
„Die ist genau… wie in der App!“
„Ja“, sagte ich. „Wie in der App.“ Ich hob das Kinn, ein Anflug von Stolz, das gestehe ich gern. „Und nicht nur ‚wie‘. Es ist meine Stimme. Meine Stimme. Meine App.“
Er runzelte die Stirn, hob an zu sprechen, doch da rührten sich die zwei Herren ganz hinten noch mal.
„Käsepenis“, schnaufte der eine. „Ich bin doch kein Käsepenis.“
„Richtig“, sagte der zweite.
„Ach, seid doch ruhig“, rief die Frau, die mir gegenüber saß, über ihre Schulter zurück. Sie drehte sich kaum um dazu. Stattdessen schaute sie interessiert auf mich. „Ihre App?“, fragte sie. „Sie müssen wissen, ich habe sie auch. Beta-Version.“
„Holen Sie sich die richtige“, sagte ich. „Die ist viel besser, erweiterte Schimpfwortliste. Haben Sie ja gehört.“
„Ja“, sagte sie.
„Gut“, sagte ich und wandte mich wieder dem jungen Mann zu. „Sie haben die Vollversion, nicht wahr? Die für 5,49 Euro.“
Er nickte. Ich nickte zurück, zufrieden.
Die Bahn fuhr jetzt langsamer, hielt an. Hinten drängten die zwei Schimmelherren zur Tür. Sie schubsten ein bisschen dabei und fluchten, aber wirklich ernst meinten sie’s nicht. Ihr Ego hatte gelitten.
Auch ich musste eigentlich raus. Aber dann blieb ich doch einfach sitzen, öffnete meine Handtasche. Die war etwas groß geraten vielleicht, das gebe ich zu, und auch Visitenkarten sind wohl eher altmodisch – doch durchaus praktisch. Ich reichte eine der Karten dem jungen Mann neben mir, eine zweite der Frau mit der Beta-Version meiner App, hielt weitere aufgefächert bereit.
„Meine App“, sagte ich dann, schaute mich um, fing Blicke ein. „Und wissen Sie was? Ich habe viele gute Ideen für weitere Apps. Und ich suche immer Sponsor*innen.“ Ich zückte Notizbuch und Stift. „Wen also darf ich aufnehmen als Interessenten?“
Nicht wenige Fahrgäste meldeten sich.
„Wunderbar!“, sagte ich. „Dann, bitte, verraten sie’s mir: Ihren Namen, Kontaktdaten, angestrebten Unterstützungsbetrag – und natürlich: Ihr absolut liebstes Schimpfwort auf Erden.“

 


 

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