Das Problem: Die Masken. Die Pflicht. Die Folgsamkeit. Die Panik, der Tellerrand. Und der Spargel natürlich.

Wutspargel

Die Lösung:

Der Wutspargel von Schniedlka

„Kommen Sie mit!“ Er fasst mich am Arm, ein harter Griff, dann fällt ihm ein, dass es verboten ist, jemanden am Arm anzufassen, ein harter Griff wahrscheinlich auch, aber hauptsächlich das Anfassen eben. Verboten weil Corona, weil Distanz, 1,50m mindestens zwischen zwei Menschen, außer sie sind verheiratet oder vom selben Haushalt.
Der Typ hier jetzt und ich sind nicht verheiratet, und zusammen wohnen tun wir auch nicht.
Ich schüttele den Kopf, gleichzeitig lässt er mich von selber los, tritt einen Schritt zurück. Ich trete auch zurück, bis wir auf 1,50m Entfernung sind, auf zwei Meter gar.
In manchen Supermärkten verlangen sie so viel Abstand. Aber hier bei Schniedlka nur 1,50m; ich hab vorhin am Eingang geschaut. Ich schau immer am Eingang, was die Regeln so sind. Regeln sind nützlich.
Regeln hier: Maske tragen. Einkaufswagen. Den Griff des Wagens desinfizieren lassen vor Eintritt. Nur mit Karte bezahlen, kein Bargeld. Und 1,50m eben.
Ich hasse Regeln, und es widerstrebt mir auch, Regeln zu nutzen, die ich nicht haben will in meinem Leben. Dennoch nutze ich sie jetzt, um mir einen Vorteil zu verschaffen, denn Vorteil muss jetzt sein: Der Sicherheitsmensch meint es ernst.
Er greift zwar nicht mehr nach mir; seine Arme hängen etwas hilflos an seinen Seiten herab, aber doch, oh ja – er meint es ernst. Ich seh es in seinem Blick, vermeine es zu sehen. Der hier ist so einer, der mit seinem Job verheiratet ist; so einer, der alles für seine*n Arbeitgeber*in tut, auch wenn diese*r ihn echt mies bezahlt und sonst nichts zurücktut, außer ihn für sich arbeiten lassen halt.
Er tritt erneut auf mich zu. „Jetzt kommen Sie schon!“ 1,80m. 1,60m. 1,50m.
Sofort leg ich los. „Abstand! Abstand!“, schrei ich. „Sie halten den Abstand nicht ein! Wollen Sie mich umbringen etwa? Das Virus! Die Epidemie! Corona! Covid-19! Sie! Halten Sie den Abstand ein! Zurück mit Ihnen! Sofort!“
Er zuckt zusammen, und nicht nur er – auch die Leute im Markt um uns herum. Plötzlich herrscht Stille, keine*r bewegt sich mehr, alle stehen und starren.
Ich nicke, deute mit der Rechten zum Eingang, dem riesigen Schild da – 1,50m, Maske, Wagen, Desinfektion, nur mit Karte zahlen –; die Linke halte ich hoch, Arm ausgestreckt, Hand nach oben geknickt, zum Stoppschild gemacht.
„Sie da!“, kreische ich weiter wie die voll hysterische Frau im Joggerpark gestern.
Nur ich und sie waren da, frühmorgens um sechs, ich mit Kaffee in der Hand auf einer Bank, allein auf weiter Flur, sie mit Maske vor Nase und Mund vorbeirennend an mir. Plötzlich war sie zurückgerannt, hatte sich aufgebaut vor mir und gekreischt, was von Maske und Schutz und Corona und Tod. Ich hab nicht alles verstanden, weil eben hysterisch gekreischt, und weil eben Maske vor ihrem Mund – aber es ging wohl drum, dass ich kein solches Ding trug und damit höchstpersönlich verantwortlich war für Siechtum und Krankheit und Tod von mindestens ungefähr 80 Millionen Menschen. Ganz Deutschland.
„Aha“, hatte ich gemacht. „80 Millionen. So, so. Aha. Und wieso nicht gleich die ganze Welt?“
„Das auch! Das auch!“
„Hör mal, du spinnst. Es ist keine*r außer uns hier.“ Ich hatte mit einer weitausholenden Geste auf die Bäume gewiesen, die Büsche, die Wiese, die Wege. Aber es hatte nichts genutzt; zu sehr saß die Angst in ihren Augen, das konnte ich sehen: Panik in den Pupillen. Panik und Vorwurf und Gutmensch-Mentalität, ein bisschen Blockwart auch; Unverständnis über Menschen wie mich, Menschen, denen all das nicht im Nacken saß, keine Panik; Menschen, die ohne Maske durchs Leben liefen; Menschen, die sich weigerten, ein Leben voller Angst vor ’nem Virus zu führen.
Menschen auch, die sich weigerten, alles gutzuheißen, was verordnet wurde gerade vom Staat. Ausgangssperre. Kontaktsperre. Besuchsverbote. Berufsverbote.
„Berufsverbot?“, hatte mich Tobias letztens gefragt, ein Freund von mir. „Es gibt doch kein Berufsverbot hier. Wir leben in einer Demokratie!“
„Aha“, hatte ich auch da gemacht, „Aha“ als Standardantwort auf unhinterfragte Konzepte, die aus Mündern drangen, ohne zuvor als Gedanken das Hirn durchlaufen zu haben. Und dann hatte ich Tobias einfach angeschaut, ihn aufgefordert mit meinem Blick, doch mal das Hirn anzustrengen.
„Hast recht“, hatte er schließlich gesagt. „Wenn man nicht arbeiten darf, ist das so was wie ein Verbot.“
„Halleluja!“ Ich hatte die Hände gen Himmel gerissen. „Jetzt hat er’s geschnallt.“
Tobias hatte gegrinst, war dann wieder ernst geworden. „Sexarbeit, richtig? Du denkst daran?“
Ich hatte genickt. „Weißt ja, wofür mein Herz schlägt. Und ist verboten.“
„Zurecht“, hatte Tobias gesagt, ich dann gleich noch mal „Aha“ und ihn wieder angeschaut, und so war das noch ein paar Mal hin- und hergegangen, ist Demokratie noch Demokratie, wenn Berufsverbote gelten, Grundrechte eingeschränkt werden vom Staat, aha, ist das noch freiwillig, sich impfen zu lassen, wenn man ohne Impfung keinen Zugang mehr hat zu Jobs, aha, Orten, Events, wo man Immunität vorweisen muss, um eingelassen zu werden, oder raus; ist das noch frei sein überhaupt, wenn vorgeschrieben wird, wie man zu denken hat, aha, zu fühlen, zu sprechen, wenn Einweisung droht in Psychiatrie, wenn man anderer Meinung ist und diese öffentlich kundtut, aha. Wenn Bußgelder drohen, wenn man Menschen näher als 1,50m kommt, keine Maske trägt.
’ne richtig schöne Diskussion war das geworden, wenn auch anstrengend und vor allem lang. Sechs Stunden hatten wir gesessen, geredet, zwischendurch auch mal gestanden, waren gelaufen, durch den Joggerpark, an dem wir beide wohnten, hatten da auf der Bank gesessen, diesmal ohne hysterisch kreischende Personen mit Panik in ihren Augen.
„Oder vielleicht nicht Panik“, hatte Tobias gesagt. „Vielleicht ja einfach …“
Er hörte mitten im Satz auf zu reden, überlegte, ziemlich lange. So lange, dass doch noch eine mittelhysterisch aussehende Person auftauchte vor unserer Bank, uns strafend anblickte, wie wir so saßen, ohne Maske, näher als 1,50m zusammen, dann weiterlief, kopfschüttelnd, zungenschnalzend.
„Wut?“, fragte ich. „Verzweiflung?“
Tobias zuckte mit den Schultern. „Ja. Nein. Oder–“ Er war voll aufgeregt, kam ins Stottern, stieß schließlich hervor: „Ich mein … Das ist doch wirklich krass schwer! Keine Angst zu haben, wenn alle um dich herum welche haben! Wenn du nichts anderes liest in der Zeitung als immer nur Corona, Corona, Ansteckungsgefahr, R-Faktor, positiv getestet, Gefahr, Gefahr, Corona, Corona!“
„Dann lies mal ’ne andere Zeitung“, sagte ich.
Tobias schnaufte.
„Na doch. Und andere Probleme. Gibt echt genug auf der Welt, was auch mal ein bisschen Aufmerksamkeit verdiente. Tellerrand, Tobias, Tellerrand. Erheb mal den Blick über den Corona-Teller!“
Jetzt kam ich mir doch ein bisschen belehrend vor, aber das war okay. Tobias und ich kannten uns schon ’ne ganze Weile; er konnte gut damit, wenn ich ab und an mal die*den Lehrer*in rauskehrte.
Dennoch schnaufte er erneut, aber dann sagte er es: dieses eine Wort; das Wort, das ich selbst noch nicht erblickt hatte über den Corona-Tellerrand hinweg, das Wort, das mich das anfingen ließ mit dem Spargel, dem Schmuggeln, raus und wieder rein in Märkte, dem Anmalen zwischendurch, zu Hause, dann Flugblätter schreiben dazu; das Wort, das letztendlich verantwortlich dafür war, dass ich gerade bei Schniedlka stehe und mich wohl lieber darauf konzentrieren sollte, auf den Sicherheitsmenschen vor mir, darauf, dass er mich anstarrt wie ein wild gewordenes Tier, statt an das eine Wort zu denken, das Tobias gesagt hatte vor drei Wochen.
„Erntehelfer*innen.“
Erntehelfer*innen.
Urplötzlich hatte ich es gehabt, das Gefühl, etwas gefunden zu haben im Leben, nach dem ich lange gesucht hatte und doch nicht wusste, was es war, das ich da suchte. Doch dann eben war es da, das Wort, ein Ziel, ein Ziel zumindest für die Corona-Zeit, ein Ziel der Gerechtigkeit, und zwar Gerechtigkeit für die mit dem Spargel. Die, die den ernteten, in Flugzeugen rangeschafft zu den Feldern, wo der Spargel eben so wuchs, wenn Flugzeuge rar waren für die, die sie viel dringender brauchten, die Menschen in Moria zum Beispiel, Flüchtlinge, Flüchtende, Gestrandete in Lagern, die unmenschlich waren. Warum waren für die keine Flugzeuge da? Warum mussten die ausharren in ihrer Situation? Und wir hier, in Deutschland, wir 80 Millionen, sahen zu, sahen weg, protestierten hie und da, konnten aber selbst das nicht so richtig, weil Ausgangssperre und so, Demonstrationsverbot, begründet mit Corona-Gefahr, Kontaktverbot, Alles-Verbot. Corona, Corona – aber da waren sie, die Erntehelfer*innen, ohne Mindestabstand eingeflogen, ohne Schutzmaßnahmen in Hütten untergebracht, um unseren deutschen Spargel zu ernten.
Was für ein Scheiß.
„Was für ein Scheiß!“, brülle ich.
Der Sicherheitsmensch weicht zurück. Alle weichen zurück vor mir. Ich selbst wär auch vor mir zurückgewichen, denn mittlerweile deute ich nicht mehr nur auf die Tür vom Supermarkt – 1,50m, Maske, Wagen, Desinfektion, nur mit Karte zahlen –; mittlerweile deute ich überall hin: auf den Spargel, auf die Kartoffeln, Erdbeeren, Pilze, auf das Gemüse, in Spanien angebaut, und in Spanien, das wissen wir doch auch alle, sieht es nicht viel besser aus mit den Bedingungen für die, die das Gemüse dort für uns aus den Gewächshäusern holen. Ich deute, ich winke, ich gestikuliere; ich schreie dabei, nur versteht keine Sau, was ich da schreie, denn ich trage Maske, wir alle tragen hier eine, weil ohne kommt man nicht rein in den Laden. Was für ein Scheiß.
„Was für ein Scheiß!“, brüll ich erneut, dann reiß ich sie mir runter, die Maske. „Scheiß-Ding! Ich mach das nicht mit!“
„Ich mach das auch nicht mehr mit.“ Ganz leise sagt das ’ne Stimme neben mir, so leise, dass es ein Wunder ist, dass ich’s überhaupt höre mit all meiner Rumbrüllerei. Aber sie hat Gewicht, diese Stimme, so leise sie auch ist.
Und sie kommt mir bekannt vor.
Ich dreh den Kopf, schaue. Der Sicherheitsmensch.
„Ich mach das auch nicht mehr mit“, sagt er noch mal. „Und überhaupt: Wofür soll ich den denn festnehmen hier?“ Er zeigt auf mich.
„Wofür? Er trägt keine Maske!“ Ein Mann sagt das, ein Mann mit Karo-Hut, ich kenn ihn, er kauft hier öfters mal ein. Ein Rentner, und sofort denke ich: Auch das mit der Rente läuft verdammt schief hier im Land. Jeden Tag seh ich Omas und Opas Flaschen einsammeln, 8 Cent, 15 Cent, 25 Cent, weil die Rente nicht reicht.
„Also–“, sag ich. Weiter komme ich nicht, mein Gehirn streikt. Ich schau weg vom Karo-Rentner, wieder zum Sicherheitsmenschen. Er? Ausgerechnet er stellt sich auf meine Seite? Ich bin verblüfft.
Er nickt, reißt sich jetzt ebenfalls die Maske vom Gesicht, und fasziniert schau ich zu, wie er reißt, die Maske runter, wie er sie hält, betrachtet, knüllt, schmeißt, ab auf den Boden, dann auch noch darauf tritt.
Ausgerechnet er?
„Weißt du, wie beschissen das ist?“ Er nickt mir abermals zu, dann in die Traube von Menschen um uns herum, nickt und redet zugleich. „Wisst ihr, wie beschissen das eigentlich ist? Jeden Tag was zu machen, an das du nicht glaubst?“ Er deutet zur Tür, hinaus. „Diese Scheiß-Einkaufswagen! Desinfizieren! Hah! Null bringt das, null! Ihr fasst die alle doch undesinfiziert an! Schiebt die hier raus, zurück in die Reihe da draußen, holt euren Euro raus, der nächste steckt einen rein, fasst die Griffe an, alles – und dann erst desinfizier ich die Dinger. Hah!“
„Ist mir auch schon aufgefallen“, murmelt ’ne Frau, die ich ebenfalls kenne vom Sehen, orangene Hemden hat die stets an; ’ne andere sagt: „Recht hat er!“, ein Mann nickt einfach nur, mehrmals, auf und nieder der Kopf. Auf und nieder.
Und dann nickt nicht nur er, dann nicken alle im Markt eigentlich.
„Recht hat er!“
„Die Griffe da, am Tiefkühlfach – die desinfiziert keine*r!“
„Sowieso Desinfektion: Das bringt gar nichts!“
„Na na, junger Mann. Etwas bringt das schon.“
„Ja: Hautreizungen und Resistenz!“
„Atemnot bei mir“, schiebt ein Junge ein, grad mal zehn Jahre alt, vielleicht elf, maximal zwölf. „Ich kann da nicht atmen. Und die sprühen jetzt überall. Ich halt mir immer die Nase zu.“
„Hab ich gesehen. Hab ich gesehen.“ Der Sicherheitsmensch nickt ihm zu, und irgendwie bricht das das Durcheinander von Worten ringsum. Alle Augen ruhen auf ihm. Stille Augen, fragende Augen. „Sag-was!“-sagende Augen.
Er sagt was, der Sicherheitsmensch: „Was sollte ich denn machen?“ Hilflos hebt er die Arme, so hilflos wie vor grade mal zehn Minuten mir gegenüber, als er da stand und nicht wusste, wie er mich abführen sollte in den Raum mit den Einwegspiegeln gleich neben der Kasse. „Es ist doch mein Job!“
„Hmm“, murmelt es ringsum. „Ja. Doch, schon. Sein Job.“
Nur der Junge, der Zehn-elf-zwölfjährige schüttelt den Kopf. „Job.“ Er stemmt die Hände in die Hüften, schnaubt. „’Mein Job‘! Na und?“
„Du hast gut reden! Du hast doch keine Ahnung vom Leben! Wie es ist, arbeiten zu gehen.“ Das ist der Rentner. Er schiebt den Hut hoch, wischt sich Schweiß von der Stirn „Du weißt doch gar nicht, was das überhaupt ist! Arbeite–“
„Doch“, sagt der Junge, und so, wie er es sagt, ist klar: Er weiß es fürwahr. Er ist wohl so einer wie ich: Mit zehn, elf, zwölf schon längst für den Familienunterhalt sorgen, Vater ernähren, Mutter ernähren, oder vielleicht nur eine*n davon, weil nur eine*r davon noch am Leben, vielleicht auch keine*r, vielleicht nur Geschwister, um die er sich kümmert, und vielleicht noch nicht mal das; vielleicht kümmert er sich nur um sich selbst. Straßenkind. Heimkind. Das sind die besten, find ich. Denn die haben keine*n, der*die ihnen Regeln vor den Kopf knallt von klein auf, und ohne früh geknallte Regeln denkt man einfach besser im Leben. Denkt selbst.
Der Rentner denkt nicht selbst. Als er merkt, dass keine*r einsteigt auf seinen Arbeiten-gehen-Sermon, weist er auf das Schild an der Tür, 1,50m, Maske, Wagen, Desinfektion, nur mit Karte zahlen; langsam kenn ich’s auswendig, alle anderen garantiert auch.
„Abstand!“, sagt er. „Und Maske! Wo ist deine Maske, junger Mann?“
Der junge Mann, der Zehn-elf-zwölfjährige, zuckt mit den Schultern. „Ich muss keine tragen. Kinder müssen das nicht.“ Er grinst; ein Grinsen, das ich kenne von mir: das Grinsen über Regeln, die man bricht, die man beugt, die man kennt, oder auch nicht, aber wenn schon: zu seinen Gunsten auslegt. „Und nützen tun die sowieso nichts.“
Zack – auf einmal geht’s wieder los mit Rufen von links und rechts, Mitte und vorne und hinten, von überall.
Einige sind äußerst gut informiert sogar, haben Berichte gelesen, können Statistiken aus dem Gedächtnis zitieren – eine Frau fällt mir auf, die etwas abseits steht und aus deren Mund die Zahlen quellen, die Zahlen, die besagen: Maskenpflicht macht kaum Sinn.
„Schweden?“, wirft jemand ein.
Schweden. Ich seufze, nordisches Modell, ein neues, gutes, im Gegensatz zum nordischen Modell für Sexarbeit.
„Schweden? Was ist damit?“
„Also …“ Die Statistik-Zahlen-Frau hat auch dazu was zu sagen und sagt auch was, bis ihr auffällt, mitten im Satz, dass sie nicht mehr am Rande steht, unbemerkt, sondern dass alle zu ihr schauen. Ihr Mund klappt hörbar zu, die Zähne rattern.
Dann fasst sie sich, fasst einen Entschluss, fasst nach einer Kiste, Bananen, fast leer, hebt das letzte Bündel da raus, stellt die Kiste auf den Boden und sich da drauf.
„Also!“, sagt sie noch mal, atmet tief ein, wieder aus, und mit dem Atem strömen die Wörter wieder, Schweden, Maske, Pflicht, Zahlen, Statistiken, Viruslast und -konzentration, Todesfälle, Optionen, ’ne andere Art zu leben, mit der Epidemie umzugehen.
„Speakers‘ Corner? Im Supermarkt?“ Ein Mädchen lacht plötzlich laut auf. Oder eher: ’ne junge Frau. Fünfzehn vielleicht ist sie, und sie tut, was Fünfzehnjährige so eben tun im Leben: Sie zückt ihr Handy und filmt. Stellt sich kurz ins Bild, kreischt: „Das hatten wir grad in Englisch! Ey, wie cool ist das denn! Hier grad im Supermarkt! Wie heißt der noch mal? Schniedlka!“, dann tritt sie zur Seite und zielt mit der Kamera auf die Bananenkistenfrau.
Die ist erneut kurz irritiert, fängt sich aber schnell wieder, redet weiter.
Ich bin auch irritiert, fang mich aber nicht so schnell wieder. Ich schaue, staune, denke: Dabei wollt ich doch nur den Spargel auswechseln, immer wieder diesen Satz: Ich wollt doch nur den Spargel auswechseln. Und jetzt das.
Unglücklich darüber bin ich nicht, wie sich das alles so wendet. Ich wollte doch Aufmerksamkeit, für den Spargel, die Helfer*innen, die Ernte, den Unsinn mit den Flugzeugen, die Gesetze gerade, die Masken, Verbote, Desinfektion, Panik, Gehorsam, Verzweiflung. Aber das hier – das hier hätt ich ganz und gar nicht erwartet.
„Nee.“ Ich schüttele den Kopf.
Der Sicherheitsmensch schaut mich an. „Alles klar bei dir?“
„Ja“, sage ich.
Er nickt, zögert, kommt dann doch auf mich zu, langsamer als vorhin; ganz vorsichtig nähert er sich an. 1,80m, 1,60m. Bei 1,50m zögert er wieder, grinst dann, legt den Kopf schief. „Jetzt schreist du nicht mehr rum, oder?“
„Nee“, sag ich noch mal.
„Na dann.“ Ganz nah steht er jetzt an mir dran, legt mir ’ne Hand auf den Arm.
Kurz zuck ich zusammen, war die Hand doch vorhin noch dazu da, mich in den Raum hinter der Spiegelwand zu schleppen, dort meine Taschen zu leeren, Diebesgut zu finden. Den Spargel. Doch diesmal ist es eine freundliche Geste. Hand auf meinem Arm.
„Tut mir leid wegen vorhin“, sagt er dann auch noch.
„Ja“, sag ich erneut und wundere mich, dass ich anscheinend nur noch „Ja“ und „Nein“ rauskrieg. Aber vielleicht ist das ja so, wenn man ’ne Revolution angezettelt hat, so halb aus Versehen. Die dann zündet, lodert, Feuer fängt, lichterloh brennt. Und das tut sie hier im Supermarkt.
Ich schau mich um; alle stehen, hören der Frau da oben auf der Kiste zu, einander.
„Ja“, sag ich noch mal und leg meine Hand auf seine.
Diesmal zuckt er kurz zusammen. Aber nur wirklich kurz; ich glaub, er ist schwul; er kennt Hand auf Hand mit einem Mann.
Ich fass unwillkürlich an meine Hose, auf meine Beule. Auf meine Stange darin, vielmehr: die vielen Stangen darin. Spargel. Oh Mann, denk ich. Schwul.
Dann lass ich die Hand sinken und wir stehen still, er und ich und dreiundzwanzig andere Leute. Fünfundzwanzig; die zwei Kassier*innen sind rübergekommen zu uns, zur Bananenkistenfrau. Es ist ein kleiner Supermarkt.
Ich frag mich, wie das in ’nem großen gelaufen wäre. Aber das ist müßig; ich bin jetzt hier, an diesem Ort, und hier ist es passiert, passiert immer noch: Die Revolution, gegen die Maske. Denn von all den Leuten trägt jetzt kein*e einzige*r mehr eine. Selbst der Rentner nicht; ich such sein Gesicht. Ich find es nicht. Vielleicht ist er gegangen, geflüchtet, steht jetzt vorn an der Straße und winkt ’nen Polizeiwagen ran. 500 Euro glaube, das ist die Strafe momentan.
„Krass“, sag ich, und hab ich mir grad noch Sorgen gemacht, ob das das Richtige hier war, dieser Umschwung hier, denk ich das jetzt nicht mehr. Weil echt mal: 500 Euro! Dafür, dass man ’ner Regel nicht folgt, die keine Regel sein dürfte, wie ich find. „Krass!“
„Was ist krass?“ Der Sicherheitsmensch flüstert, beugt sich zu mir, schaut mich fragend an. Interessiert-fragend; ich glaub, er ist sehr, sehr schwul. Ich muss ihn wohl aufklären langsam über die Ursache der Riesenbeule in meiner Hose.
„Spargel“, sag ich. „Ich wollt doch nur den Spargel platzieren.“
„Ach das. Ich weiß.“
Die Frau im orangenen Hemd dreht sich kurz zu uns rum. „Sh! Ich will das hier hören.“
Wir nicken, der Sicherheitsmensch und ich. „Okay.“
„Wenn du reden willst“, flüstert er dann wieder, „wir können da rein.“ Er deutet auf den Spiegelraum neben der Kasse.
„Also …“, sag ich.
„Oder mehr als reden. Das können wir auch.“ Er lächelt, senkt den Blick. Auf meine Hose. Die Beule, die Stange. Den Spargel.
„Tja …“, sag ich.
„Ach, komm schon. Ich hab den Schlüssel!“ Er holt ihn aus der Tasche, klimpert damit.
„Sh!“, macht die Frau vor uns noch mal. „Diese Zahlen – die sind äußerst interessant!“
Der Sicherheitsmensch nickt ihr beschwichtigend zu, dann flüstert er erneut, direkt in mein Ohr: „’Äußerst interessant.‘ Ich find dich äußerst interessant.“
Und was soll ich sagen: Ich steh nun mal auf ins Ohr flüsternde Stimmen, auf den Atem, das Kitzeln. Und auf platte Anmachsprüche steh ich auch.
Ein bisschen klopft mein Herz schon, als ich ihm folge hin zum Spiegelraum, dann in den Raum hinein. Wie soll ich das den bitte sehr erklären, das mit dem Spargel? Das mit den bunten Stangen in meiner Hose? In Regenbogenfarben angemalt, das zumindest würde passen für erwartete Schwulitäten. Und trans* Farben aber auch, Stangen in blau-weiß-rosa, vielleicht kennt er das und weiß dann sofort, was Sache ist.
Dennoch, Regenbogen-blau-weiß-rosa egal: Unter den Stangen steckt bei mir ’ne Vulva – und spätestens da hört’s doch dann auf mit dem schwulen Sexdrive bei ihm.
Tut’s aber nicht.
Als er mir die Stangen aus der Hose fummelt, nickt er einfach nur und sagt: „Aha.“
Sein „Aha“ klingt ganz anders als meins, das „Aha“, das ich so sage, wenn ich Welten durcheinander wirbele, Fragen aufwerfe, Zweifel anmelde. Hier gibt’s keine Zweifel, Fragen, Wirbel; hier gibt’s nur Wissen.
„Ich hab dich beobachtet“, erklärt er dann auch. „Seit drei Wochen machst du das nun schon.“
Ich sage nichts; ich zittere.
„Ist das Lebensmittelfarbe?“
Ich zittere immer noch, krieg aber zumindest ein Wort raus. „Nein.“
„Mist. Weil ich hab das gegessen.“
„Was?“, frag ich. Noch ein Wort, und ein bisschen weniger zittern. Zittern vor Anspannung, weil auch wenn er „Aha“ in ’nem ganz anderen Tonfall sagt als ich: Spargel ist nun mal kein echter Schwanz.
„Ich hab deinen Spargel gegessen.“ Er grinst. „Deine Stange. Würd ich jetzt übrigens auch gern. Such dir mal eine aus.“
Schon wieder so ein platter Anmachspruch. Langsam entspann ich mich wirklich, Ende des Zitterns.
„Jetzt mach schon. Oder ich such eine aus.“ Und dann sucht er auch aus, greift den blau-weiß-rosa angemalten Stick und hält ihn mir an den Schritt.
„Oh“, sag ich und greife zu.
„Oh“, sagt auch er und geht in die Knie.
„Okay“, sag ich und dann erst mal nichts mehr, halt nur die Stange, die er lutscht, überleg dafür um so mehr, überleg trotz er auf Knien vor mir. Ich überleg, ob er den Spargel wirklich gegessen hat, den angemalten, den ich erst geklaut hab aus seinem Markt, dann wiedergebracht, Regenbogen-bemalt, weil Pride Month gerade; so ’n bisschen Intersektionalität bei Revolutionen ist nie verkehrt. Revolution gegen die Maske, überleg ich, aha, und dann denk ich und frag das dann auch – weil Revolution geht vor; erst die Revolution, dann der Sex –; ich frag: „Und die Zettel? Die Flugblätter?“ Ich halt seinen Kopf fest, zieh seinen Mund weg von mir, vom blau-weiß-rosa Stück. „Ich hab mir echt Mühe gegeben mit denen! Was hast du mit denen gemacht?“
„Gelassen, wo sie waren. Die waren echt gut.“
„Ja“, sag ich, denn das waren sie auch: auf kleinstem Raum erklärt, wie das so ist mit den Erntehelfer*innen im Land, mit dem Spargel, den Masken, Gesetzen und so, mit allem; und dann zum bunt gemalten Spargel hinzu in die Kisten gelegt.
„Ich glaub, die haben so Einige gelesen.“
„Meinst du?“
„Sonst wär das heut hier nicht so passiert.“ Er weist zur Wand, Einwegspiegel, durch sie hindurch. Auf der Bananenkiste steht jetzt die im orangenen Hemd, steht und redet, erklärt, gestikuliert.
„Ah“, sag ich.
„Ah“, sagt auch er, und dann schiebt er sich wieder blau-weiß-rosa in den Mund und sagt nichts mehr.
Ich sag auch nichts mehr; ich hör diesmal sogar auf zu denken, lehn mich zurück und schau auf diesen Mund, der ’ne Spargelstange zur Fleisch-und-Blut-Stange macht irgendwie, schaue und schaue und fühle und komme. Komme. Und komme. Denn das ist der Vorteil von Spargel: Das geht open end. Sex nach der Revolution.
Oder davor? Wie weit sind die da draußen?
Ich schaue auf, schaue und seh doch nichts so richtig, mein Hirn vernebelt vom Sex. Sex und Revolution.
Sex und Revolution, denk ich, Revolution und Sex, gab’s da nicht auch ’nen Spruch irgendwie? Plötzlich fällt er mir ein: „It’s not my revolution if I can’t dance.“ Emma Goldman hat das gesagt, ’ne Anarchistin. Tanzen, nicht ficken.
Egal, denk ich. Sprüche sind wie Regeln: angepasst besser.
Also pass ich an und sag es auch laut, als der Sicherheitsmensch seinen Schwanz auspackt, seine Stange, seinen Spargel, nicht angemalt, aber sofort nach dem Auspacken mit einem Kondom bestückt, ein golden schimmerndes Kondom; ich sage: „It’s not my revolution if I can’t–“
Dann breche ich ab, denn er schiebt mir den Schwanz in den Arsch, und ich beiß erst mal die Zähne zusammen, weil so schnell, wie er das tut, schmerzt das. Ich halte die Luft an, halt alles an, die Muskeln in meinem Arsch, im Darm, halte und stoppe; er stoppt auch. Dann atme ich aus, entspanne, entspanne, und er schiebt weiter rein, seinen Goldschwanzspargel in meinen Arsch, und ich sage: „–fuck“, das noch fehlende Wort.
„It’s not my revolution if I can’t fuck.“

 


 

Weitere Weltverbesserungen lesen: Was schon besser ist, als es mal war

Mitmachen und Weltverbesserungsheld*in werden

Newsletter abonnieren

Nach oben