Das Problem: Die Straßen der Stadt stinken nach Urin. Überall pinkeln sie hin – an Bäume, an Häuser, an Wände, in Ecken und Gassen, auf Plätzen und Wegen …

Silhouette einer im Stehen pinkelnden Person

Die Lösung:

Die langen Nächte der Stefanie Hain

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Das neue Gesetz trat vor vier Wochen in Kraft. Seitdem habe ich damit schon 20.000 Euro verdient. Ich gehe systematisch vor.
Mein Name ist Stefanie Hain. Von Beruf bin ich Übersetzerin – ich übersetze Gesetzestexte in Allgemeinverständlichkeit. Ich bin Autorin der Reihe „Neue Gesetze des Jahres verständlich erklärt“.
Ich verfolge die Nachrichten. Ich verbringe viel Zeit mit Staatssekretärinnen. Ich verhandle. Das neue Gesetz stammt auch aus meiner Feder. Ich hatte nicht mit einem solchen Erfolg gerechnet. Nun ja.
Ich agiere meist an den Wochenenden, und nachts. Besonders die Freitage sind ergiebig. Ich liebe die frühen Morgenstunden, mein Geldbeutel liebt diese Zeit – kurz vor Sonnenaufgang, Freitagnachts, samstags früh.
Wie gesagt: Ich gehe systematisch vor. Ich verlasse das Haus gegen Mitternacht. Ich nehme drei Sachen mit: mein Buch in der neusten Ausgabe, keine zwei Wochen alt; meine Geldbörse; einen Stempel. Ich habe den Stempel eigens anfertigen lassen: „Stefanie Hain bestätigt den Erhalt der Strafe.“
Ich stelle mich auf: unter Brücken, an Pfeilern, in Ecken, hinter Bäumen. Ich fange an zu warten. Ich schaue leicht gelangweilt, desinteressiert. Ich nehme die Schultern zurück, sobald ein Opfer sich nähert. Ich fange an, leicht zu schwanken. Ich rülpse. Ich fummele an meinem Hosenstall rum, rülpse noch mal. Ich wirke männlich. Ich kann das; ich bin schließlich trans*.
Meine Opfer kommen. Immer sind sie allein. Sie stellen sich neben mich. Ich spüre ihren Blick auf mir, kurz, prüfend; ich schaue nicht auf. Ich nicke. Meine Opfer nicken zurück. Wir sind Kameraden.
Meine Opfer sind oft betrunken. Meine Opfer pinkeln überall hin. Das neue Gesetz stellt das unter Strafe. Ich warte auf einen guten Moment.
Meine Opfer öffnen den Hosenstall. Sie holen ihren Penis heraus. Sie zielen. Das ist der gute Moment.
„Entschuldigung“, sagte ich bei meinen ersten Versuchen. Jetzt sage ich nichts; ich räuspere mich. Ziehe ein bisschen Rotz durch die Nase. Ich spucke in ihre Pfütze, auf ihre Pfütze – an den Baum, die Häuserwand, den Sand, die Erde – dahin, wohin sie pinkeln. Ich wiederhole den Vorgang, so oft wie nötig, bis sie aufschauen. Ich grinse. Sage: „Hey! Pinkeln verboten.“ Rotze nochmal.
Meine Opfer schauen irritiert, aber sie schauen. Nicht selten vergessen sie, weiter zu zielen, und pinkeln sich auf die Schuhe.
Ich hole mein Buch hervor. Ich halte es wie eine Waffe. Ich gebe ihnen einige Sekunden, die Kraft dieser Waffe zu verstehen. Jedes Jahr gibt es viele neue Gesetze; das Buch ist dick. Ich schlage es auf. Ich zitiere: „Wenn du hier pinkelst, musst du mindestens 5 Euro bezahlen.“
Im Original lautet der Text: „Wer seine Notdurft in öffentlichen Plätzen verrichtet, soll mit einer Geldstrafe nicht unter 5 Euro bestraft werden.“ Das lese ich auch vor. Ich kenne den Text auswendig, natürlich. Den nächsten Abschnitt zitiere ich aus dem Gedächtnis. Ich brauche eine freie Hand. Ich ergreife die Missetäter an der Schulter.
„Die genaue Höhe des Bußgeldes ist frei festsetzbar durch den Vollstrecker des Gesetzes, sollte jedoch 100 Euro nicht überschreiten. In Klammern: Kann-Regelung.“
Ich pausiere kurz. Nehme Anlauf zum wichtigsten Punkt: „Zum Vollstrecker ist berufen ein jeglicher, der die Tat verfolgte und sich dergleichen zum Handeln berufen fühlt.“
Diese Stelle muss ich meist wiederholen. Ich übersetze: „Du pinkelst. Mich stört das. Ich darf dir gleich hier Geld abkassieren. Wie viel hast du mit?“ Ich schwenke das Buch vor ihren Augen. Das Gewicht des Buches zieht meinen Arm nach unten. Ihre Augen folgen dem fasziniert.
Ich wiederhole die Frage: „Wie viel?“
Kommt keine Antwort – meistens nicht; sie sind zu verblüfft – bestimme ich selbst. „Zwanzig Euro“, sage ich dann. Oder: „Dreihundert.“
Ich erkläre „Kann-Bestimmung“ nochmal: „Kann“, sage ich, betone ich, „Kann! … Darf ich bitten?“ Ich halte die Hand auf, halte Wechselgeld bereit, Wechselgeld für ’nen Fünfhundert-Euro-Schein, ’nen Tausender gar. Es gibt Leute, die laufen ständig mit so viel herum; ich seh’s ihnen an. Auch die pinkeln in Parks.
Ich bin höflich, lächle sie an. „Nichts für ungut“, zwinkere ich – ihre Ehefrau, ihr Ehemann wird von nichts erfahren, nicht von mir. „Dein Geheimnis ist sicher bei mir“, signalisiere ich. Oft wollen sie mir die Hand schütteln dann, zum Abschied, als Dank. Ich lehne ab, höflich, bestimmt.
Zu den anderen sage ich: „Pass auf, ich erklär’s dir: mindestens fünf Euro und nicht mehr als hundert. – Nur ’n Zwanni, verstehste? Es könnten hundert sein. Gib schon her. Okay. Hau ab. Nee, warte! Du kriegst noch ’nen Stempel.“
Mein Name ist Stefanie Hain. Ich bin unterwegs. Ich habe drei Dinge mit mir: Stempel, viel Wechselgeld und mein Buch – die Kraft des Gesetzes.

 


 

„Die langen Nächte der Stefanie Hain“ zum Hören

Link zum Audio (Auszug eines Radiointerviews mit Radio Corax, in dem ich über Weltverbesserungen Auskunft gab; dabei im Folgenden nur die telefonisch eingelesene Geschichte)


 

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