Das Problem: Die Pandemie ist vorbei. Das an sich scheint ein Problem für einige zu sein, die einfach nicht loslassen wollen. Für andere wiederum: Wie seid ihr mit uns umgegangen währenddessen?

Maske tragen als Befehl - diese Geste!

Die Lösung (Teil 1):

Diese Geste

Es juckt mir in den Fingern. Und wie!
Tu ich es? Tu ich es? TU ICH ES?
Ich tu es.
Ich tippe der Frau vor mir auf die Schulter.
Sie zuckt zusammen, wie nicht anders erwartet; sie hat ja schon ziemlich Abstand zu mir gehalten.
„Eh“, sage ich, ganz sanft. „Eh.“
Nicht die beste Eröffnung, ich weiß. Aber ich bin etwas ungeübt – so was habe ich schließlich noch nie getan. Ich hab nur immer geschaut, wie andere das machten. Mit mir machten, ganz oft mit mir sogar: Sie tippten mir auf die Schulter, griffen mich, redeten los; Menschen, die ich nie zuvor gesehen hatte im Leben, sie traten auf mich zu, rannten mir in den Weg, stürmten mitunter hinter mir her – und manche aber auch waren ganz sanft wie ich hier jetzt mit der Dame am Kassenband.
Eigentlich müsste ich es gut können, dieses Ansprechen, Tippen, Losreden. Ist mir ein Rätsel, wieso nicht; aber nee: Ich kann das nicht. Und ich weiß auch nicht, wie weiter jetzt hier mit der Dame am Band. Die Kassiererin schielt schon rüber zu mir, irritiert.
Also … also … einfach noch mal einfach ein „Eh“? Und dann „Hallo“?
„Eh. Hallo!“
Jetzt reagiert sie doch, die Dame vor mir am Band, und schüttelt den Kopf.
„Also“, sag ich dennoch. „Also, Sie … Also, ich …“
Sie schüttelt jetzt auch die Schultern. Besonders die linke, und ganz besonders die eine Stelle, an der mein Finger sie antippte – die kommt mächtig ins Schütteln, diese Stelle, in einem Lästige-Fliege-abschütteln-Schütteln.
„Okay“, sag ich. Ich weich zurück. „Okay.“ Und jetzt?
Die Dame bewegt jetzt auch die Hände, fegt die Einkäufe vom Band, Flaschen und Dosen und noch mehr Flaschen in ihren Korb, dass es kracht.
Vorsicht!, will ich fast rufen, und: Ich hab doch nichts Böses vor.
Aber dann denke ich, dass es für sie doch etwas Böses ist, und ich sollte schleunigst was anderes sagen als nur „Eh“ und „Hallo“, als „Also“, „Also, Sie“, „Also, ich“ und „Okay“, „Okay“. Nur irgendwie hakt es eben in mir, und ich find es ja auch verständlich, dass die Schüttel-Dame nicht reagiert. Ich hab ja auch nie reagiert, als die alle mich ansprachen. Ich hab ignoriert, alle und jede und jeden, so sehr die alle und jede und jeder auch darauf bestand, dass ich doch reagierte. Und manchmal explodierte ich. Schrie zurück.
Kein Wunder also eigentlich, dass ich nun ein paar Anlaufschwierigkeiten habe beim Fremde-Menschen-Ansprechen. Aber verdammt: So viel hat dieser fremde Mensch, die Dame hier, jetzt nicht mehr einzusammeln vom Band. Alle Flaschen im Korb, alle Dosen, nur noch eine Tüte Haferflocken, und zwei Packungen Zucker. Gleich zückt sie das Portemonnaie. Jetzt oder nie!
Ja, denk ich, ja, und dann: Oh Mann!, und dann denk ich noch was und noch was und noch was – aber sagen tu ich nichts. Nur ein Seufzer dringt aus meinem Mund, ein so lauter, dass die Kassiererin jetzt nicht nur heimlich rüberschielt zu mir, sondern ganz offen schaut, den Kopf dreht.
Nur die Schüttel-Dame schaut immer noch nicht. Sie ignoriert, und wirklich kein Wunder: Genau so hab ich doch auch reagiert, wenn mir da eine*r zu sehr auf die Pelle rückte, mich ansprach in Märkten.
Nur: verdammt, eben. Verdammt!
Verdammt, schimpf ich mich erneut, so wird das nie was, und ein anderer Teil von mir sagt, dass so eine Dame mit Hafer und zwei Mal Zucker sowieso keine Dame ist, die ich ansprechen will, und dann vermeldet ein dritter Teil: Es geht doch sowieso um etwas ganz anderes, also los! Und Recht hat er, dieser dritte Teil.
Also heb ich den Blick vom Hafer, vom Zucker, von den Händen der Dame, vom gezückten Portemonnaie, und sag klar und deutlich … wieder nichts. Noch nicht mal ein Seufzen diesmal.
Dafür seufzt die Kassiererin, enttäuscht, etwas mitleidig auch, wie mir scheint, und das endlich macht was, verschiebt was in mir, und ich räuspere mich so dermaßen laut, dass sie erst zuckt und dann grinst, und der Dame mit dem Hafer, dem Zucker und dem Portemonnaie das Portemonnaie aus der Hand fällt vor Schreck.
„Sorry“, sag ich sofort, flüstere ich, und „Sorry“, genau: So wird das wirklich nie was! Flüsterton? Oh je. Kraft muss da rein! In mich, meinen Mund – und vor allem: da raus. Raus! Power! Elan! Worte! Eine Ansprache am besten, direkt zum Punkt kommen, sofort! Nix zögern, nix Sorry, sondern zack raus damit. So haben es schließlich all die Mich-Ansprecher*innen gemacht.
Ich atme tief ein für das Viel-Raus aus meinem Mund. Ich kann das, ich kann das, denk ich; genauso wie die das konnten, jawoll!, ich öffne den Mund und – ich kann es doch nicht, verdammt. So tief ich auch atme, ein aus – da kommt nix raus aus mir, noch nicht mal nochmal ein „Sorry“ oder „Eh“, „Hallo!“ Nur Atem eben. Atem, Luft, und auch das: verdammt!; Atemluft ist ganz und gar nicht förderlich hier. Im Gegenteil: Die Hafer-Zucker-Portemonnaie-Dame weicht so weit zurück vor mir wie sie kann, so weit wie der Korb, die Kasse, das Band, der Hafer, der Zucker es erlauben, und ich denke: Mist! Mist, Mist, Mist, das ist jetzt echt mau von mir.
Erneut denke ich an die zurück, die mich ansprachen, zwei Jahre lang, in Supermärkten, in anderen Läden, und auch mitten auf der Straße manchmal, im Park. Was haben die, verdammt noch mal, anders gemacht? Die waren doch null um Worte verlegen gewesen, und auch nicht um Gesten. Null.
Und dann denk ich: Gesten?!, und dann: Gesten!, und dann: Gesten, genau!
Ich kann doch mit Gesten kommunizieren, wenn sonst nur Atem rauswill aus mir, sonst nichts. Gesten, genau! Und was für Gesten! Mir fällt da auch gleich eine ein, eine sehr prominente gab es da, so was von prominent, und so was von deutlich, und so oft, und so direkt in mein Gesicht hinein gestikuliert … die kann ich 100%-ig prima nachahmen!
Und das kann ich tatsächlich, ich kann es, ich kann es, ich jubiliere – ich kann sie vom Sehen, von Ziel für sie sein, und jetzt ist die Dame das Ziel; meins; und ich krümme die Hand und führe die Finger zum Daumen, als wolle ich etwas greifen, und greife dann auch: mir an die Nase, kurz vor die Nase, vor den Mund, und dann rüttele ich. Rüttele und rüttele und rüttele, und das muss sie doch kennen, diese Geste, und vor allem kapieren, das ist doch deutlich.
Diese Geste!
Aber sie kapiert nicht; noch immer steht sie vor mir mit diesem Ding im Gesicht, das niemand mehr tragen muss, seit Tagen schon nicht, seit Wochen schon nicht, dieses FFP2-Ding, an das ich mich jetzt luft-greife. Sie steht und steht und rührt sich nicht; dabei rüttele ich doch echt deutlich, prominent, und überhaupt: diese Geste eben! Die mit der Maske! Dieses Krümmen von Fingern und Fassen und Fordern: Maske!
Maske!! Setz sie verdammt noch mal auf, ’ne Maske, sonst schmeißen wir dich hier raus aus dem Zug, aus dem Markt, dem Café, dem Laden, überhaupt aus allem im Leben …
… das fordere ich nicht.
Ich fordere das Gegenteil: Ab damit! Das fordere ich.
Ich rüttele und rüttele und rüttele die Maske, die nicht da ist in meinem Gesicht, aber die braucht es auch nicht. Diese Maske-Rüttel-Schüttel-Geste ist eingegangen ins Gestenrepertoire der Welt. Jede*r kennt sie, die Geste, in Deutschland zumindest: Maske, Maske!
Also: Wieso reagiert sie nicht, diese in Deutschland Dame hier? Maske! Maske! Wieso trägt sie das Ding noch? Ich rüttele doch; das sieht sie doch! Diese Geste! Ich rüttele doch, ich schüttele doch, ich tret einen Schritt näher zu ihr, zwei, drei, es knirscht, der Zucker, der ihr vor Schreck aus der Hand fällt, zum schon gefallenen Portemonnaie auf dem Boden hinzu, ich trete, es knirscht, es rüttelt, es schüttelt, ich rüttele, ich schüttele – und noch immer nichts.
Nur die Augen reißt sie auf, ganz weit, steht und schaut mich an wie alle mich angeschaut haben, zwei Jahre lang, große Augen über Maske hinweg; geschaut, als wär ich ihr Todesengel, Gift, Teufel, Hölle, der mit der Sense, schlimmster Feind, Todesurteil.
So starrt sie, über ihre Maske hinweg, und so hab wohl auch ich geschaut, als ich angerüttelt wurde, als sie starrten, über ihre Rüttel-Gesten hinweg, als sie starrten und rüttelten und forderten, lauthals, per Schrei, so wie ich jetzt: „Maske! Maske!“
„Wird’s endlich? Setz sie auf!“, schrien sie mich an, und genau das fordere ich jetzt auch, nur genau andersherum; ich schreie: „Wird’s endlich? Setz sie ab!“ – und noch immer tut sie es nicht. Tut es nicht – und, verdammt, ich rüttele einfach weiter, immer weiter, und werde so lange weiter rütteln, bis sie macht, was ich will. Maske ab! Was ich für richtig erachte. Maske ab!
„Vorbei! Hörst du?“, sag ich. „Zwei Jahre lang war; jetzt ist nicht mehr; kapiert? Vorbei“, sag ich noch mal, und denke: Verdammt.
Kurz ist mir wie weinen, aber ich schluck die Tränen, ich wein hier jetzt nicht; ich rüttele lieber. Ich mag keine Trauer, ich hab lieber Wut, und das ist gut, das macht das Rütteln gewaltiger. Diese Geste! Die kennt sie doch: „Da ist was mit deiner Maske!“ Und so langsam muss sie doch echt mal kapieren, was ich hier will! Es tun! Tun, was ich sage, was ich ihr rüttele.
Aber sie tut’s nicht, kapiert’s nicht, die Geste nicht, die Botschaft nicht, und diese Sturheit!, denk ich, unglaublich. Stur an einer Pandemie festzuhalten, wie’s vorgeschrieben ist daran festzuhalten in den Nachrichten, Fernsehen, TV, Zeitungen, den Medien, den großen; „einzig wahren“, „echten“ – ach, ich sollte gar nicht erst davon anfangen, sonst …
Mir ist wieder nach weinen, und plötzlich hör ich auch ein Schluchzen. Die Kassiererin.
Ich schau hin zu ihr; sie trägt keine Maske mehr, schon sofort seit Tag 1 Ende der Maskenpflicht nicht mehr. Und sie rüttelte nicht, vorher, als noch Maskenpflicht war, schüttelte nicht, schrie nicht, schmiss mich nicht raus, war überhaupt sehr unrüttelig nett zu mir in den letzten zwei Jahren, und ich halte einen Moment inne, seufze: nett!
Nur dann denke ich: Also … Nee, oder? Dafür dankbar sein, für nicht angerüttelt werden, nicht angeschrien, nicht rausgeschmissen? Dafür?
Dankbar für nicht wandelnde Hölle sein, Todesengel, Todesurteil, Gift, schlimmster Feind, und ich rüttele weiter, schau weg von der Kassiererin hin zur Erstarrt-Stehen-Dame, und rüttele sie an mit dieser Rüttel-Geste, haargenau so wie sie und ihresgleichen mich angerüttelt haben, zwei Jahre lang, zwei Jahre non-stop.
„Maske! Maske! Maske!“
Ah: wie toll das ist, jemanden anzuschreien!
„Maske! Maske! Sie haben da ’ne Maske auf!“
Immer noch. Sie nimmt sie nicht ab.
Ist sie taub, blind, dumm, doof? Irgendwas davon auf jeden Fall, dumm und doof, denn sie macht nicht das, was ich will, das sie macht. Dumm! Doof! Idiot!
„Maske! Maske!“ Irgendwann muss sie’s doch mal kapieren, ich geb nicht auf. „Maske!“ Ich schreie sie an, ganz laut, obwohl mein Gesicht nun direkt vor ihrem ist, zwei Zentimeter. Nix Abstand mehr. „Nix Abstand mehr, genau!“
Und ich denk wieder an die, die vor mir standen und rüttelten, genau so wie ich jetzt vor der Dame, zwei Zentimeter vor meinem Gesicht; standen, sich beugten, noch näher, rüttelten, schüttelten, schrien, so nah an mir dran, dass wir uns hätten küssen können. So nah. Nix Abstand mehr, und nix mehr Virenatemluft nicht teilen, sondern zwei Zentimeter und schreien. Es machte keinen Sinn, es war brutal, und ich kapierte es nicht, so wie die Dame hier jetzt nicht kapiert. Die mit dem Zucker, und ich tret noch immer drauf rum, es knirscht, und ich schreie.
„Kapierst du nicht? Taub? Blind? Doof? Was bist du? Maske, Maske! Vorbei! Nix Maske mehr!“
Oh, wie ich rüttele, oh, wie ich schüttele, oh, direkt in ihr Gesicht! Und oh, verdammt: Tut das gut! Es erschreckt mich; so gut.
Schreie auf mich, Schreie in meinem Gesicht. „Taub? Stumm? Idiot? Covidiot!“ Zwei Jahre lang abgefeuert auf mich. „Willst du mich umbringen? Ich bring dich um, wenn du das Ding nicht endlich aufsetzt!“
All das zurückgeschrien nun, geschleudert.
Auf die Dame.
Oh, tut das gut.
„MASKE! MASKE!! MASKE!!!“
Auf die Dame?
Egal, denk ich, und schrei, denn das war denen doch auch allen egal, allen, die mich anschrien. Egal, dass ich so stand wie jetzt hier die Dame, erstarrt-geschreckt über Schreie im Gesicht, zwei Zentimeter. Erstarrt über Finger zur Pistole geformt, Zeigefinger Abzug-gekrümmt, geschockt von der wummernden Faust, aufs Maskenpflicht-Schild hauend; über das Desinfektionsspray wie noch ’ne Pistole auf mich gerichtet, in echt abgezogen, sprüh-sprüh, und das Handy gezückt, Polizei rufen, Schaffner, Sicherheitsdienst; und die Polizei selbst, „Maskenpflicht! Anzeige, Ausweis her, Sie hören von uns. Strafe. Klage.“ Autorität, die dafür sorgt, dass ich tu, was verlangt wird zu tun … ach, so viel, denk ich.
Jawoll, denk ich. Ich mach das jetzt auch so. Ich hau das jetzt alles zurück.
Und kann sein, denk ich auch, dass sie, die Dame hier, nie jemanden anschrie, rausschmiss, nach Polizei rief, drohte, wummerte, rüttelte, schüttelte, Tür wies, nie sprühte … Kann sein.
Kann gut sein, denk ich, dass sie nie.
Und dann denk ich, während ich sie so mustere, ihr schreck-erstarrtes Gesicht: Soll ich weiterschreien, oder sie fragen? Und macht das einen Unterschied?
Soll ich?
Schreien?
Fragen?
Fragen, ob sie …?
Hast du auch gerüttelt, geschrien?
Hast du …?
Fragen?

 

Ich frage.

 

    1. Hast du ...?

    2. Wieso?

    3. Und jetzt?

    4. ____

    Dein Name:

    Deine E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

     

    PS: Ich hab übrigens nicht. Ich hab’s versucht, ich wollte: auch mal schreien, auch mal rütteln, anderen sagen, was zu tun ist. Aber ich konnte nicht. Stand im Supermarkt und schaute da so eine Frau an, die nach Ende der Maskenpflicht (in Berlin: Mai 2022) weiterhin Maske trug, stand und überlegte, auf sie zuzugehen, ihr zu sagen: Hey, nimm das Ding ab! – aber es ging nicht. Ich konnte nicht.

    Und ich fand’s voll faszinierend: Wieso konnten andere das, umgekehrt („Maske auf!“), so vehement? Menschen anschreien, mit Polizei drohen, rausschmeißen, all das, was in der Geschichte erwähnt ist, und mir in echt passierte? Was geht da ab, im Hirn, und überhaupt, bei Menschen, die so unbedingt, gewaltvoll, vermitteln und bestimmen wollen, wie andere sich zu verhalten haben? Das fragte ich mich. Auf dem Papier, via Geschichte – dieser hier.

    Das empfehle ich sehr, übrigens: Wenn du so einen Drang verspürst, andere zu maßregeln, einzugreifen, anzuschreien etc.: Tu’s auf dem Papier oder sonstwo kreativ. Lenk um & hau anderswo raus, so dass es nicht in echt passiert.

    Danke.

     


    Das Problem noch mal, wie’s war, bevor ich’s gelöst habe: Die Pandemie ist vorbei. Das an sich scheint ein Problem für einige zu sein, die einfach nicht loslassen wollen. Für andere wiederum: Wie seid ihr mit uns umgegangen währenddessen?

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    Danke.

     


     

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