Das Problem: Die Drei-Sitze-Beleger in Bus und Bahn

Breitbeinig Sitzender in der U-Bahn

Die Lösung:

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„Whoa, da sitzen sechzig Euro!“ Uwe Banitzki ergriff meinen Arm. Er war aufgeregt. „Da-da drüben!“, stotterte er.
Uwe Banitzki fing an zu stottern, wenn er an Geld dachte, und Uwe Banitzki war ständig pleite. Soviel wusste ich schon, auch wenn wir erst seit heute morgen zusammenarbeiteten.
„Komm!“, drängte er.
Ich mag mich eigentlich nicht drängen lassen, aber Banitzki hatte ja Recht: Sechzig Euro waren nicht zu verachten, auch wenn mich selbst eher etwas anderes an diesem Job interessierte.
„Sechzig Euro!“, sagte Banitzki noch mal und hob schon den Arm, um mit den Fingern zu deuten, überlegte es sich dann aber doch anders. So ein Fingerdeuten-Armheben war viel zu auffällig. Stattdessen drehte er den Kopf und wies mit dem Kinn.
Ich schaute und sah es auch gleich: In der U2 Richtung Pankow, ausgebreitet über die Bank gleich neben der hinteren Tür, saßen wirklich sechzig Euro. Sechzig gut aussehende Euro, muss ich mal sagen.
„Jetzt komm schon, Jürgen!“, rief Banitzki. Er zog mich am Arm.
Wir rannten los, quer über den Bahnsteig, gerade noch rechtzeitig in die sich schließende Tür. Als die Bahn anfuhr, lächelte Banitzki. Jetzt gab es kein Entkommen mehr; die sechzig Euro waren uns sicher.
Ich lächelte ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen. Der Schwarzfahrer sah wirklich gut aus: Seine Schultern waren so breit, wie ich es mochte; er trug ein Netz-Shirt und durch den Stoff hindurch konnte ich auch seine Brustmuskeln sehen. Seine Hüften dagegen waren eher schmal, und wie, um dafür zu kompensieren, hatte er die Beine so weit geöffnet, dass er zwei ganze Sitze belegte, fast sogar drei.
Ich ließ mich auf der Bank ihm gegenüber nieder, zückte die Kamera.
Banitzki unterdessen baute sich neben ihm auf.
„De-den Fahrschein!“, sagte er und versuchte, nicht allzu arg zu stottern und größer auszusehen, als er eigentlich war. Es gelang ihm nicht sehr gut. Er räusperte sich, wiederholte: „Den Fahrschein!“, diesmal schon etwas fordernder.
Doch der junge Mann beachtete ihn immer noch nicht.
„Was machst’n da für’n Bild?“, wollte er vielmehr von mir wissen. Er grinste mich an. „Von mir?“
Ich grinste zurück. Ich mag junge, sportliche Männer, besonders solche mit eng geschnittenen Hosen, die den Schritt extra betonten. Und die Beule in seiner Hose war extra betont; ich zoomte mich rein.
Meist konnte ich Geschlechtsteile nicht einfach so offen abfotografieren, und meist waren die breitbeinig sitzenden Männer in der U-Bahn nicht schwul.
Das hier war anders. Das hier war klasse.
Mein Gegenüber spreizte die Beine noch etwas mehr.
Ich stöhnte vor Wonne und knipste los.
„Den Fahrschein!“, fuhr Banitzki plötzlich dazwischen. Auf einmal sprach er ganz laut.
Ach, Banitzki. Der musste noch so einiges lernen. Ich atmete aus, enttäuscht. Der spannendste Teil meines Jobs war vorbei.
Mein Gegenüber schaute auf, Banitzki an. „Ich hab ’nen Fahrschein. Hier.“ Er hielt ein Tagesticket hoch.
„Gilt nicht“, sagte Banitzki kurz angebunden.
„Klar gilt das. Ist von heute.“
„Ja, ist von heute“, stimmte Banitzki ihm zu. „Gilt aber trotzdem nicht.“
Der Junge verstand nicht, worum es ging. „Was?“, fragte er. „Also-“
„Neue Beförderungsbedingungen“, sagte Banitzki zu ihm, und zu mir: „Foto?“
Ich nickte. Fotos hatte ich einige gemacht.
„Gehört ihr etwa zusammen?“ Mein Gegenüber schaute mich an, enttäuscht, wie mir schien.
Ich nickte wieder, ganz langsam, senkte den Kopf.
„Seit wann macht ihr denn Fotos?“
Ich sagte nichts, zuckte nur leicht mit den Schultern und wies auf Banitzki.
Der war bereit. „Sie müssen zwei Fahrscheine lösen, wenn Sie so sitzen, wie Sie jetzt sitzen“, sagte er und schaute dem Jungen dabei gezielt auf den Schritt. Da war ich mir sicher. Ach, Banitzki.
„Häh?“
„Sie belegen zwei Sitze, sehen Sie doch!“
Eigentlich belegte er drei. Sehr weit geöffnete Beine, eindeutig betonte Beule. Ich lächelte in mich hinein, hielt die Kamera fest an mich gedrückt. Alles gespeichert hier drin. Mein Schatz.
Banitzki schluckte, sah abrupt weg.
„Zwei Sitze!“, sagte er dann noch mal. „Zwei Sitze: zwei Fahrscheine. Neue Bedingung, eine Ergänzung von Paragraph elf. Das ist der mit den Fahrrädern.“
Er bekam keine Antwort.
„Pro Fahrschein ein Sitz. Und wer zwei Sitze belegt …“
Der Junge fing an, sich im Abteil umzusehen, ob ihm jemand half mit uns zwei Verrückten hier. Fast tat er mir leid.
„… die Übergewichtigen im Flugzeug; die müssen auch zwei Sitze kaufen“, schloss Banitzki seine Rede ab. Das war ein guter Vergleich; den hatte ich noch nie gehört. Vielleicht sollte ich ihn mir merken.
Der Junge sah uns jetzt doch an; seine Muskeln spielten unterm Hemd. „Ihr spinnt ja!“, sagte er und protestierte dann: „Außerdem bin ich nicht übergewichtig!“
Da hatte er Recht. Er war ganz und gar nicht übergewichtig. Im Gegenteil, ich sah ihm das tägliche Training an. Ich ging auch öfters ins Fitnessstudio, aber ohne einen solchen Erfolg.
Banitzki schien dieser Aspekt plötzlich nicht mehr zu kümmern; jetzt ging es ihm nur noch ums Geld. „Den Ausweis!“, verlangte er.
„Nee. Erstmal deinen!“
„Ihren“, korrigierte Banitzki und seufzte. Dann hielt er dem Schwarzfahrer sein eingeschweißtes Stück BVG-Plastik hin. „Ist echt.“
Seit die neuen Bedingungen in Kraft waren, mussten wir Kontrolleure ständig unsere Ausweise zeigen. Die Leute glaubten nicht, dass wir echt waren. Nicht, wenn sie doch einen Fahrschein hatten. Aber eben nur einen.
Mein Gegenüber jedoch nahm uns jetzt ernst. Er überlegte. „Ihr habt keine Beweise!“, rief er dann plötzlich und schloss schnell die Beine.
„Doch“, antwortete Banitzki und zeigte auf mich und die Kamera.
Ich fühlte mich mies, sofort. Das war eindeutig der schlimmste Teil meines Jobs. Ich hatte auch schon mal überlegt, deswegen zu kündigen. Ich mochte mein Gegenüber jetzt nicht mehr anschauen, sah stattdessen stur zu Banitzki.
„Jetzt mal, sechzig Euro“, sagte der. „Seien Sie froh, dass Sie nicht auch noch für den dritten Sitz zahlen müssen. Dann wären es hundertzwanzig.“
„Hundertzwanzig!“ Der Junge schnaufte.
Die U-Bahn lief ein in die nächste Station, hielt an. Er sprang plötzlich auf, rannte los, zur Tür, hinaus, über den Bahnsteig. Weg.
Wir rannten hinterher: zwei Treppen, ein Tunnel, ein Gang, eine Unterführung. Banitzki machte als Erster schlapp.
„Aber du! Hol ihn dir!“, feuerte er mich an. „Mensch, sechzig Euro“, schnaufte er dann. Er klang ganz traurig.
Ich blieb stehen.
„Was denn? Mach mal!“ Banitzki verstand nicht, warum ich nicht weiterlief.
Ich schaute dem Flüchtenden hinterher, dann runter auf meine Kamera.
In meinem Vertrag stand, dass die Bilder in ihr sofort zu löschen wären, sobald das „Erhöhte Beförderungsentgelt“ bezahlt worden war, oder nicht einzutreiben. Aber das hatte ich nie getan. Ich liebte doch diese weit geöffneten Beine, diese sich durch die Hosen abzeichnenden Beulen. Ich hatte mittlerweile eine ganz ansehnliche Sammlung. Die schaute ich zu Hause immer an, abends, fuhr den Beamer hoch, zog die Vorhänge zu, und dann …
Und was machte Banitzki so nach Dienstschluss?
Ich drehte mich zu ihm.
„Banitzki?“, fragte ich. „Sag mal: Bist du eigentlich schwul?“
Banitzki lief rot an. „Na. Nun. Na.“
„Alles klar.“ Ich grinste, ergriff seinen Arm. Dann schwenkte ich die Kamera vor seiner Nase. „Komm“, sagte ich. „Ich hab hier was Tolles. Geld ist nicht alles; glaub mir – Beulen sind um einiges besser.“

 


 

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