Das Problem: Fahrschullehrer reißen sexistische Witze über Fahrschülerinnen; machen sie an, grapschen und greifen, nutzen ihre Machtposition aus … Fahrschule Schwein!

Rotes Auto von Fahrschule sexistischer Fahrlehrer

Die Lösung:

Fahrschwule Schein

Für P. Und E.; bzw. I. Und S.
Sowie K. ein bisschen. Auch F.; A., L. und noch mal S.

Es war die Nacht auf den 26. Dezember, eine Neumondnacht, als ich das erste rote Auto mit einem weißen Querstrich versah, über das Heck hinweg; einem zweiten Strich, vorne, die Haube, und dann einem dritten, über das Dach. Das sollte reichen, fand ich, so sah ich die Markierung von allen Seiten auf den ersten Blick.
Oder auch nicht, dachte ich dann, Sekunden später. Denn apropos Seite: Da brauchte es auch noch was.
Also malte ich noch einen Strich und noch einen, einen links, einen rechts, und trat schnell vom Auto hinweg.
Jetzt aber, dachte ich, und begutachtete es aus der Entfernung – aus der Entfernung, aus der ich rote Auto sonst immer sah: dreißig Meter, dann zwanzig, zehn, fünf, zwei, eins, vorbei. Nach ihnen umdrehen tat ich mich selten; den Strich auf dem Heck hätte ich mir sparen können.
Oder auch nicht, dachte ich erneut, oh ha, ja ja. Denn manche Autos sah ich doch von hinten zuerst, wenn sie mich überholten. Da war zwar die Chance, dass D. mich dann auch sah, im Rückspiegel, zwar eher gering, aber dennoch vorhanden. Und so war das mit mir ja wohl, wenn ich ehrlich war: Höhe der Chance ganz egal. Hauptsache da. Ein Prozent, zwei – das reichte vollkommen. Und viel höher als das – wenn ich ganz ehrlich war – war die Chance ja sowieso nicht, dass eins der roten Autos, die ich so sah, das Auto von D. war. Denn D. wohnte zwar im Nachbardorf und ich war jeden Tag dort unterwegs, aber D. hatte einen Job, der sie nicht im Nachbardorf sein ließ, wenn ich dort unterwegs war.
Trotzdem, dachte ich. Trotzdem! Ich zieh das jetzt durch.
Denn ich wollte nicht mehr den Atem anhalten, jedes Mal, dass ich ein rotes Auto sah. Nicht mehr urplötzlich Schlängellinien fahren mit meinem Rad, ein Lächeln aufsetzen, einen fröhlichen Gesichtsausdruck, wenn mir doch so gar nicht fröhlich zumute war. Und seit Monaten schon war mir gar nicht mehr fröhlich zumute – seit D. und ich nicht mehr zusammen waren.

D.
Wie D. mit vollem Namen hieß, ist unerheblich. Ich nannte sie einfach nur „D.“ in meinen Gedanken. In meinen Gesprächen. In Selbstgesprächen; das gebe ich zu; ich hatte nicht viele Freunde. Und die, die ich hatte, hatten die Schnauze voll von D. als Thema.
„D. schon wieder“, stöhnten sie. „Kapier doch endlich, dass es vorbei ist.“ Und dann sagten sie: „Gibt auch noch andere Titten auf der Welt!“, oder sie sagten: „Guck mal da: Schöner Arsch. Die wär doch was!“, und wiesen auf wer auch immer den schönen Arsch an uns vorbeitrug in diesem Moment, wiesen und lachten und riefen es mitunter auch laut: „Schöner Arsch, du! Komm, setz dich zu uns!“, und ich lachte mit und heulte später alleine im Bett.
So war das mit D.

Als ich dreißig Autos gestrichen hatte, bekam ich Angst. Denn vor mir auf dem Bürgersteig stand plötzlich ein Mann, oder ’ne Frau, so klar war das nicht; aber jedenfalls stand da jemand und schaute mich an. Schaute mir zu.
Ich nickte der Schattenfigur zu, ganz cool, lief dann los, weiter, weg, ebenfalls cool, als wär nichts gewesen, kein Pinsel und Farbeimer in meiner Hand. Cool konnte ich gut; das war schließlich das, was ich so tat, wenn ich rote Autos sah. Immer wieder, jeden Tag, Stunde um Stunde, denn so oft war ich unterwegs auf den Straßen. Das brachte mein Job mit sich, und wenn ich den Job nicht wechseln wollte, was ich zwar ein bisschen, aber nicht vollends wollte, mussten eben die roten Autos herhalten.

Cool sein.
Das war die eine Sache – so cool sein, als juckte es mich nicht, dass D. jetzt ohne mich in ihrem roten Auto unterwegs war, ohne mich an den Baggersee fuhr, ohne mich ins Kino ging, ohne mich zum Essen in Restaurants, und vor allem: ohne mich ins Bett.
Die andere Sache, die ich D. zu bieten suchte, bei diesen Ein-bis-zwei-Prozent-Chance-Blicken von ihr aus ihrem rotem Auto heraus auf mich, war das mit meinem Aussehen.
Am Anfang hatte D. Geliebt, wie ich aussah. Sich deswegen in mich verliebt. „So wie du“, hatte sie gesagt, „sieht sonst kein Mann aus. Weit und breit, nirgendwo.“
„Doch“, hatte ich erwidert. „In den Städten. Da nennt man das ‚schwul‘.“
„Schwul!“ Sie hatte gelacht. „Du siehst doch nicht–“ Dann hatte sie mitten im Satz gestoppt, den Kopf auf die Seite gelegt und mich gemustert. „Du hast recht. Das ist es! Schwul! Du siehst schwul aus!“ Und dann hatte sie gefragt, ob ich das denn auch wäre, und als ich verneinte, hatten wir uns geküsst.

Später dann mochte sie nicht mehr, dass ich so schwul aussah. Als sie das erste Mal an meiner Seite war, als es ’nen dummen Spruch dafür gab, hatte sie’s noch gelassen genommen: wieder gelacht, wieder geküsst. Beim zweiten Mal nur noch geküsst, beim dritten Mal nicht mal mehr das.
„Könntest du nicht …“, hatte sie stattdessen angefangen zu fragen. „Ich mein – das ist doch gefährlich! Ich mach mir Sorgen um dich!“
Das tat sie wirklich, auch wenn ich sagte, sie müsse das nicht, ich sähe schließlich schon lange so aus, es wäre okay, und den einen oder anderen Spruch vertrüge ich locker. Den einen oder anderen Mehr-als-Spruch erwähnte ich lieber nicht. Das eine Mal Faust ins Gesicht, das eine Mal an die Glaswand der Bushaltestelle drücken, dort halten, Unterarm unterm Kinn, würgen und spucken, mir ins Gesicht, „Scheiß Schwuchtel, ich bringe dich um.“ Im Plauderton.

Jetzt trug ich also die Haare so, wie sie’s mochte: kurz statt Locken, nicht länger blond, sondern braun gefärbt; trug den Mantel, den sie mir gekauft hatte, kurz vor Ende; trug Hosen ohne Schlag; trug schwarz und grau statt pink oder rosa; trug sogar Jeans; trug so und ging so, stand so und lief so und fuhr auch so auf dem Rad, dass es ganz und gar nicht schwul aussah.

Und hoffte.
Auf ihren Blick aus ihrem roten Auto heraus.
Rote Autos gab’s viele, unglaublich viele; dutzende, hunderte, tagtäglich an mir auf meinen Touren vorbei. Sie kamen von hinten (Rückspiegelblick? Sah D. mich im Rückspiegel an?), von vorne (ich musterte Gesichter von weitem, versuchte zu erkennen, ob D. hinterm Steuer saß; musterte aber nicht allzu intensiv, damit – falls D. es war – sie nicht sah, dass ich so aufmerksam musterte, suchte); sie kamen von links und von rechts, an den Kreuzungen; sie kamen von überall her. Rote Autos.
Ich hoffte.

Das Problem war, dass ich nicht mehr ganz genau wusste, wie ihr Auto aussah. Darauf hatte ich nie geachtet. Ich selbst hatte kein Auto, noch nicht mal ’nen Führerschein, auch kein Interesse daran. Die Waren aus dem Tante-Emma-Laden vom Nachbardorf – D.’s Dorf – ließen sich prima per Lastenrad austragen: in mein Dorf, in das daneben, in alle Dörfer im Umkreis ’ner Tagesfahrt. Der Laden, die Waren und nicht zuletzt meine Lieferung dieser waren klimaneutral. Das war Tante Emma wichtig, die logisch nicht wirklich Tante Emma hieß, sich aber – ebenfalls logisch – doch so verhielt. Bis auf den eher modernen Anspruch „klimaneutral“. Um mit der Zeit zu gehen, wie sie sagte.

Ich ging auch mit der Zeit und googelte Automodelle. D.’s Auto war eins mit Stufenheck, so weit kannte ich mich aus, wusste es noch. Aber dann? VW? Citroen? Fiat? Opel? Ich wusste es nicht, erkannte es nicht.

Ich hoffte.

Ein einziges Mal begegneten wir uns so: Ich auf dem Rad, sie im Auto, an mir vorbei. Von hinten. Kein Rückspiegelblick. Kein plötzliches Bremsen, kein Anhalten, aus dem Auto springen, auf mich zurennen, mich umarmen, sagen: „Hey, siehst gut aus. Und gar nicht mehr schwul“, kein Vergeben, kein Vergessen, kein Neuanfang. Nichts.

Nichts.

Bald war ich genervt. Von mir, von den Autos, vom Hoffen.

Und hoffte doch weiter, auf meinen klimaneutralen Fahrten.

D.’s Haus lag am anderen Ende vom Nachbardorf, ein Haus am Rande des Waldes, nicht viele Fahrten führten in diese Richtung; Fahrten, auf denen ich zufällig mal an ihrem Haus vorbeifahren könnte, vielleicht für einen Blick von ihr aus dem Fenster, auf mich, mein neues Braun-grau-schwarz, ohne Locken und Schlag.

Jeden Tag.

Sie wusste, dass ich im Tante-Emma-Laden war. Sie wusste es, jeden Tag. Und kam doch nie vorbei.

Ich hoffte.

Sie hätte es wie ich in meinen Phantasien zufällig machen können, es so erscheinen lassen, und deklarieren: „Ach, Mensch du, so ein Zufall aber auch! Hatte ganz vergessen, dass du hier jeden Tag bist.“

Ich hoffte.
Und hasste das Hoffen allmählich.

Und handelte. In der Neumondnacht, 26.12.
Dreißig Autos markiert mit weißen Strichen; dreißig Autos, bei denen ich nicht mehr hoffen musste. Konnte. Sollte. Wollte. Dreißig.

Am 27.12. gab es viel auszufahren. Weihnachtspause vorbei, Läden wieder geöffnet. Die wenigen, die es halt gab. Fleischer, Bäcker, Tante Emma. Ich und mein Lastenrad, auf den Straßen, rote Autos, nachmittags Regen, die Striche wuschen sich ab.

Ich zog erneut los, strich an, weiße Farbe, Heck, Motorhaube, Dach, die Seiten. Dreißig Autos pro Nacht, dann vierzig, dann fünfzig.
Als ich bei sechzig war, traf ich Monika.

Monika malte nicht; Monika kratzte. Sie zerkratzte den Lack des einzigen Fahrschulautos, das es im Dorf gab, Fahrschule „Schein“. Sie kratzte ein „W“ in den Lack, zwischen dem „Sch“ und dem „ein“.
„Schweine seid ihr. Echte Schweine!“, deklarierte sie beim Kratzen, erst leise, dann laut, und dann stoppte sie mitten im Satz, als sie mich sah. „Ich, ich, ich“, stotterte sie, „hab gar nichts gemacht.“
„Doch“, sagte ich. „Du hast den Schein zum Schwein gemacht. Wieso?“
Ich wollte immer wissen wieso, weshalb und warum, vielleicht hatte ich zu viel Sesamstraße geguckt als Kind. Wieso, weshalb, warum, und das hatte auch das mit den Autos gestartet, mit D. und mir, als D. und ich nicht mehr zusammen waren, denn D. hatte nie erklärt wieso, weshalb, warum eigentlich nicht, und ich wollte es wissen, konnte aber nicht, denn D. hatte nicht nur nichts erklärt, sondern auch noch gesagt: „Wenn du das selbst nicht weißt – tja.“

„Die sind Schweine“, sagte Monika.
„D. auch“, sagte ich.
„Wer ist D.?“

Wir tranken zwei ganze Flaschen Wein an diesem Abend, Monika und ich. Erklärten uns gegenseitig, wer wieso ein Schwein war, tranken, verstanden; verstanden uns prächtig.
„Recht hast du“, sagte sie am Ende. „Zumindest noch mal treffen, reden, erklären, statt dich so hängenzulassen. Mit einem ‚tja‘!“
„Tja“, heulte ich. „Ja.“
„Und dass du nicht anrufen sollst!“ Monika schnaufte. „Nicht vorbeikommen darfst, nicht schreiben, nicht texten, nichts. Unerhört!“
„Ja“, heulte ich.
Sie musterte mich. „Du heulst aber schon viel für einen Mann.“
„Tja“, heulte ich.
Sie reichte mir ein Taschentuch.

Fahrschule Schwein: Hand aufs Knie und aufs Bein, auf Oberschenkel und Nacken, auf Arm und Schulter, helfen beim Gurtanlegen, dann auch auf Brust, weil die Mädchen das ja nicht können, so korrekt mit dem Gurt, und das mit dem Schlüssel in Zündung drehen erst recht nicht, da muss man greifen, hin, rüber, zum Mädel, dabei streifen, aus Versehen die Brust, die Schulter, den Arm, Nacken, Schenkel, Knie, eben alles, was es zu streifen und greifen gab an einem Mädel. Schoß selten, aber auch vorgekommen, bei Fahrschule Schwein, Arsch dagegen recht oft; den auf jeden Fall schon mal streifen mit Blicken, Bemerkungen, Sprüchen, da weiß Mann ja gar nicht, wo man zuerst hingucken soll bei dir, oh Mädel, und du kommst jetzt rein zu mir, setz dich, wird heiß mit dir, dabei ist doch Winter, und soll ich dir zeigen, wo der Anlasser ist? Heizung brauchen wir aber nicht, so heiß, wie mir von ganz allein schon ist mit dir neben mir. Und keine Sorge: Ich zeig dir alles, was du wissen musst, dauert aber ’ne Weile, weil Mädchen und Motoren, oh je, weiß Mann ja; das werden viele Stunden mit mir, hoho, freust du dich auch so darauf wie ich?

„Ich hab dich übrigens schon mal gesehen“, sagte Monika. „Im Dezember. Kurz nach Weihnachten war das. Und daher hatte ich dann die Idee.“
„Ach, du warst das, der Schatten!“ Ich atmete auf, erleichtert irgendwie. „Hast du etwa auch erst Striche gemalt?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber eben gesehen, dass man das machen kann, so was. Autos kaputt.“
„Ich mach doch nichts kaputt. Das ist abwaschbare Farbe!“ Das war mir von Anfang an wichtig gewesen – die mit roten Autos im Dorf konnten schließlich nichts dafür, dass auch Schwein D. ein rotes Auto besaß.
„‚Schwein D.‘“ Monika kicherte, wechselte dann vom Lachen ins Heulen und ich griff nach den Taschentüchern, den wenigen, die übrig waren, reichte ihr eins. „Danke“, sagte sie. „Das tut echt gut.“
„Das Lachen? Das Heulen?“
„Das Kratzen. Der Lack.“
„Ja. Kann ich mir vorstellen.“
„Schade, dass sie nur ein Auto haben. Du hast ja echt massig zur Auswahl.“
„Ja“, sagte ich, und dann: „Aber wir könnten denen noch die Reifen zerstechen.“

Also gingen wir Reifen zerstechen, Monika und ich, als die Nacht schon fast vorbei war und die ersten Dorfhähne krähten. Es wundert mich noch heute, dass uns keiner erwischte. Dass uns keiner sah, die Polizei rief oder so.
Aber vielleicht sah uns ja einer, „eine“ vielmehr, viele eine sogar; sah uns und dachte: „Richtig so, weil Fahrschule Schwein!“

Monika erzählte weiter: von den Mädels in ihrer Klasse, Schulklasse, kurz vor Abschluss, wie sie so saßen und quatschten, berieten vielmehr, einander rieten: „Zu dem Fahrlehrer besser nicht. Der zeigt dir Nacktphotos von seiner Freundin und dann musst du ihn fahren, zum Date mit ihr. Draußen warten, während sie vögeln, und obwohl das drei Stunden dauert, zählt das nur als eine.“ Oder: „Der redet pausenlos. Was Frauen überhaupt wollen am Steuer, sollen sie mal lieber seinen Knüppel in die Hand nehmen statt die Gangschaltung da, aber dir tun tut der nix. Nur der Knüppel in Hand dann eben. Das geht schon.“ Oder: „Der sagt dir nur, wie blöd du dich anstellst. Nicht weiter wild; kennen wir ja schon, sagt auch Wilke in Mathe und Tremmel in Physik.“ Oder: „Bei dem musst du aufpassen. Der hält dir die Tür auf und so, das ist nett, aber dann labert er los, mit dem Arm auf deinem Sitz, um dich zu schützen, falls du mal vor einen Baum fährst, weil er ist ein Held und das erzählt er dir auch, er ein Held, Rest der Welt Pfeifen, und wenn du nicht bei jedem Satz nickst, fällst du durch. Ich zwei Mal jetzt schon, und langsam muss ich doch mal durch die Prüfung kommen!“

Die Jungs in der Schule redeten auch: „Geht zum Heiner, der ist am besten. Kompetent und so. Als zweite Wahl dann der hier.“ Und schon zückten sie Karten, verteilten, schickten Mädels zu Heiner und seinem Knüppel, bekamen von Heiner ’nen Zehner; von der zweiten Wahl – der mit den Nacktphotos – ’nen Fünfer nur, bisschen knausrig zwar, denn Photos brauchten schließlich Betrachter_innen, am besten solche, die vielleicht auch bald auf Photos prangen könnten, und taten sie’s dann, gab’s noch mal ’nen Fünfer, immer noch knausrig, aber immerhin das Photo dann noch dazu, als Großformatdruck auf Hochglanzpapier.

„Oh“, sagte ich.
„Schweine“, sagte Monika
Ich nickte, überlegte. „Aber warum geht ihr dann trotzdem da hin?“
„Wohin sonst? Hat ja nicht jeder ein Lastenrad. Und so Muskeln wie du. Bist du eigentlich schwul?“
„Was?“
„Ich bin lesbisch“, sagte Monika. „Willst du noch Wein?“

„Neue Fahrschulen braucht das Land“, sagte ich am nächsten Morgen, ein Morgen, der schon ein Nachmittag war, so spät erst waren wir eingeschlafen. Es war die erste Nacht seit langem, die ich nicht allein im Bett verbracht hatte, im eigenen, sondern eben bei Monika, und dann auch noch gleich um die Ecke von D. Doofer Zufall, dass Monika auch am Waldesrand wohnte, aber so war’s. Ich stand auf. „Darf ich mal aus dem Fenster sehen?“
„Was?“
„Darf ich mal–“
„Hab ich doch richtig gehört. Wieso fragst’n du so was? Klar darfst du.“
„Find ich nicht so klar“; sagte ich und dann erklärte ich: Wie ich mich trotz allen Hoffens auf Waldrand-Fahrten nie hierhin getraut hatte, weil D. ja nicht wollte, dass ich zu ihr kam, sie besuchte, sie anrief, schrieb, Kontaktsperre und so, und ich D. demonstrieren wollte, dass ich mich daran hielt. „Nur so hab ich ’ne Chance.“
„Du willst immer noch ’ne Chance bei ihr? Mann-oh-Mann! Und dabei sagen alle, Männer wären schlauer als wir.“ Monika verdrehte die Augen, sprang plötzlich auf, warf mir meine Jacke zu und zerrte mich am Arm aus dem Haus, auf die Straße, die Straße rüber zu D.’s Haus. „Klar darfst du! Du kannst tun und lassen, was du willst.“
„Aber“, sagte ich und zitterte am ganzen Leib. Das lag nicht an der Jacke, zu dünn oder so – da hatte D. schon aufgepasst, die Jacke nicht nur modisch passend gewählt, sondern auch passend zum grausigen Wind auf dem Land –, sondern an … Ich durfte doch nicht! Daran.
„Klar darfst du. Jetzt stell dich hier hin.“
„Nein.“
„Doch. Ich steh ja mit dir.“
„Nein“, sagte ich noch mal, aber das ließ Monika nicht gelten. Sie hielt mich fest, im wahrsten Sinne des Wortes: hielt mich an Ort und Stelle, ließ mich nicht zurück, flüchten in ihr Haus, und ließ mich auch nicht fallen, auf den Boden. Denn fallen wollte ich und tat ich auch fast – so schlecht war mir auf einmal.
„Das wird“, sagte Monika immer wieder. „Das wird. Du darfst.“
„Hier sein?“, fragte ich schließlich.
Sie nickte. „Und jetzt sag es mir nach: ‚Ich darf hier sein.‘ Oder denk es zumindest.“
Ich dachte.

Zwei Stunden später dachte ich noch immer, jetzt nicht mehr „Ich darf hier sein“ mit Blick auf D.’s Haus, sondern: „Schwein. Schein. Schwein. Schein.“ Das wandernde „W“ hatte es mir angetan: Einfach rein zwischen „sch“ und „ein“ und schon … „Das ist genial!“
„Was jetzt?“ Monika schaute auf.
„Wir machen ’ne eigene Fahrschule auf!“
„Aha“, sagte Monika. Sie war müde, lag im Bett, drapiert wie eins der Nacktphotos der Fahrschule Sch(w)ein. Das irritierte mich.
„Hör mal: Kannst du dich nicht anders legen? Ich krieg gleich ’nen Ständer.“
„Echt? Zeig!“
„Ich dachte, du bist lesbisch!“
„Bin ich auch. Nur deswegen aber seh ich selten Schwänze.“
„Aha“, sagte ich.
„Außer die vom Schwein. Fahrschule Schwein!“ Sie lachte, ein Lachen, das kurz wie ein Heulen klang, aber geheult hatten wir schon genug letzte Nacht; auch waren die Taschentücher alle. „Jetzt zeig schon! Ist doch voll interessant. Und so entspannt mit dir!“
Ich fand’s nicht entspannt – dass Monika lesbisch war, hieß ja nicht automatisch, dass mir keiner abging beim Anblick von ihr da so auf dem Bett. „Nun deck dich schon zu.“
„Erst zeigen.“

Ich zeigte nicht, und ich glaub, das war besser so, auch wenn wir uns echt gut verstanden.
„Unglaublich!“ Monika lächelte. „So chillig mit dir. Ich glaub, du bist doch irgendwie schwul. Ich spür das!“
„Du spürst meine Idee“, sagte ich. „Das Wander-W.“
„Wonder-W? Wie Wonder Woman?“
„Nicht ‚Wonder’“, sagte ich. „Wander! Aber vom Prinzip her dasselbe: Es geht um Helden. Wir als Helden.“
„Wie jetzt?“, fragte Monika. „’Heldin‘ übrigens, bitte sehr. Weibliche Form für mich.“
„Oh“, sagte ich. „Sorry, ja.“ Und dann erklärte ich: Fahrschwule Schein.

Fahrschwule Schein: Keine grapschenden Hände auf Frauenkörper, da Fahrlehrer schwul. Ganz einfach.
„Aha“, sagte Monika. „Du willst also Fahrlehrer werden.“
„Sieht so aus“, sagte ich. „Keine Lust mehr auf Lastenrad.“
Das stimmte nicht so ganz, und so richtig ausgegoren war die Idee von Fahrschule Schwein jetzt auch nicht unbedingt, aber irgendwas musste sich ändern in meinem Leben. Striche auf rote Autos malen gut und schön – aber irgendwas …
„Irgendwas“, sagte ich. „Irgendwas neues.“
„Gut so.“ Monika nickte. „Bringt dich auf andere Gedanken. Von wegen D.“
„Ach die.“ Ich winkte ab. „Erledigt.“
„Noch nicht“, sagte Monika und lächelte traurig, „So schnell geht das nicht.“ Sie strich mir Haar aus der Stirn. „So schnell nicht. Du siehst übrigens nicht besonders schwul aus.“
„Das“, sagte ich, „ist überhaupt kein Problem. Vertrau mir!“

Monika vertraute mir. Ich weiß nicht, warum; so wie ich auch nicht weiß, warum ich ihr vertraute so schnell. Irgendwas mit der Chemie. Ihre, meine, hetero, lesbisch, Mann, Frau, was weiß denn ich. Ich wusste nur: Es stimmte. Schäumte, brodelte, kochte über mit guten Ideen.
„Und dann zahlen wir den Jungs in der Schule einfach fünfzehn Euro.“
„Damit sie die Mädels zu uns schicken statt zu Heiner und Schwein!“
„Wenn’s dann aber keine Nacktphotos mehr für sie gibt?“
„Nacktphotos gibt’s überall. Und außerdem kannst du auch posen: der sexy Lehrer.“
„Ich bin nicht sexy.“
„Doch“, sagte Monika und schaute mir auf den Schritt; ich weiß auch nicht, was das war, diese Obsession der Lesbe mit meinem besten Stück. „Hast ja auch schon fast den Führerschein jetzt.“
„Ausgerechnet von Fahrschule Schwein.“
„Wirst dessen letzter Schüler sein.“ Monika nickte. „Dichtmachen können die bald.“
„Ja“, sagte ich, denn Räume hatten wir schon, Werbeplakate, Visitenkarten. Und ein Auto bestellt. Ein rotes. Natürlich.
„Ist ein VW übrigens, das von D. Solltest du jetzt langsam wirklich mal lernen, die Marken, wie sie sich unterscheiden. VW, Citroen, Renault, Peugeot, ist nicht so schwer.“
„Hmm“, machte ich, als wär ich höchst interessiert an Automarken, Modellen.
„Tu doch nicht so.“ Monika gab mir einen Klaps auf den Kopf. „Wächst übrigens recht schnell, dein Haar. Und schön. Die Locken. Blond!“
Sie seufzte, und ich seufzte auch.
Es tat gut, jemanden zu haben, der mich so mochte, wie ich nun mal war: Locken, blond, schwul. Vom Aussehen her zumindest, aber das reichte ja. Für unsere Idee.

Dass Monika Lesbe war, war allerdings dann doch ein Problem.
„Weißte ja“, sagte sie. „Wie Frauen dann immer denken, ich fall gleich über sie her.“
„Nee, weiß ich nicht“, sagte ich.
„Stimmt. Bist ja nicht schwul.“
„Hmm“, machte ich und überlegte, ob ich’s nicht doch war. Könnte ja sein, wenn ich schon so aussah. Endlich wieder – mein alter Mantel, Hosen mit Schlag, Hemden in bunt. War ja nicht auszuhalten gewesen, so in braun-grau-schwarz.
So dachte ich jetzt, nach drei Monaten mit Monika.
Nach drei Wochen mit ihr hatte ich noch nicht so gedacht. Monika hatte Recht gehabt und mich noch ein paar Mal auf den Weg stellen müssen, den Weg hin zu D.’s Haus. Ein Mal – so war mir – hatte D. auch aus dem Fenster geschaut. Ich hatte gewinkt. Innerlich.
„Tja“, sagte ich. „Und was machen wir jetzt, mit dir als Lesbe? Ich glaub, du musst das verschweigen.“
„Kommt nicht in Frage.“ Monika schüttelte den Kopf. „Hab ja gesehen, was das mit dir macht. Braun-grau-schwarz! Ich dachte, du bist voll der Spießer, langweilig hoch drei. Bis auf das Auto-Bemalen; das hat null ins Bild gepasst.“
„Wir könnten übrigens bald mal wieder“, sagte ich.
„Heute nicht mehr. Bin müde.“
„Ach, komm!“
„Hast recht.“ Monika schlug sich auf die Schenkel, stand auf. „Macht Spaß.“

Wir besprachen das mit dem Lesbe-Sein in Fahrschwule Schein weiter, als wir fertig waren mit dem Auto von Fahrschule Schwein. Es war jetzt immer versteckt geparkt; Fahrschule Schwein hatte Angst. Zurecht. Ich war zwar bei abwaschbarer Farbe geblieben, beschränkte mich jedoch nicht länger auf Striche. Kreuz und quer schrieb ich es über alle verfügbaren Flächen: Heck, Haube, Dach, Seiten, und auch über die Scheiben: „Schwein!“
Monika dagegen hatte ihr Repertoire erweitert, von Lack zerkratzen über Reifen zerstechen hin zu Lichter einschlagen, Tankdeckel lösen und Tank mit Zucker befüllen.
„Hab ich mal gesehen in so ’nem Film“, sagte sie.
„So ’n Männerhasser-Lesbenfilm?“
„Eher so ’n Frauenhasser-Männerfilm. Heteromänner. Ist dir übrigens schon mal aufgefallen, wie viele Männer Frauen eigentlich ganz schön mies behandeln?“
„Ja“, sagte ich und dachte an meine Ex-Freunde, die mit den Titten- und Arschsprüchen, deren Tonfall dabei, dachte dann auch an D.
D.
Ein schmerzhafter Punkt auf meiner Seelenlandkarte, zwar einer, der immer kleiner wurde, in den Hintergrund rückte, aber noch da. In den Vordergrund rückte mein Erstaunen über mich selbst, über meine Touren auf dem Lastenrad, mein Kopfverrenken nach roten Autos dabei.
„Unglaublich“, sagte ich. „Wie war ich denn da drauf?“
„D. wieder?“, fragte Monika. Sie kannte mein Seufzen jetzt schon zur Genüge.
„Ja“, sagte ich. „Weißt du eigentlich, dass ich Greenwheels mal angeschrieben hab? Wenn sie schon Carsharing machen, hab ich gebettelt, könnten sie bitte sehr grüne Autos nutzen? Oder irgend ’ne andere Farbe, aber nicht rot, verdammt. Damit ich mir den Kopf etwas weniger verrenken muss. Ein paar weniger rote Autos auf der Welt. Greenwheels in rot.“ Ich lachte auf. „Das hab ich natürlich nicht geschrieben, das mit dem Kopf. Oh je, was war ich verrückt.“
„Im Gegenteil. Ich find das ziemlich gesund.“ Und dann erklärte sie mir, wie sie das meinte; erklärte und rammte gleichzeitig ’nen Meißel ins Blech vom Fahrschulauto Fahrschule Schwein. „Gesund ist, wenn man sich um sich selbst kümmert. Aufpasst, dass man nicht mehr getriggert wird.“
„Getriggert?“
„Frauenwort. Erklär ich dir später.“
„Nee, jetzt.“
„Später. Ich muss mich hier konzentrieren.“ Sie wies auf das halbe W, das als Lochmuster prangte zwischen „sch“ und „ei“. „Meinst du übrigens, das ist zu auffällig? Wenn wir dann ‚Fahrschwule Schein‘ sind? Dann weiß Schwein doch, das wir das waren hier.“ Sie setzte den Meißel neu an.
„Das weiß er doch schon lange.“
Monika hielt inne. „Und warum macht er dann nichts?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Beweise.“
„Und die Überwachungskamera?“ Monika wies auf die neuerdings auf dem Dach des Autos installierte Kamera, immer das Erste, was sie mit ihrem Meißel rammte.
„Schon“, sagte ich. „Aber …“ Ich tippte auf unsere Gesichter, die Masken, die wir trugen: Schweineköpfe aus Pappmaché, handgefertigt von den Schülerinnen aus Monikas Klasse.
„Ja“, sagte Monika und hielt sich den Meißel an ihre Pappmaché-Schweineschnauze, hob ihn dann hoch in die Luft, schwenkte ihn kreisförmig über dem Kopf, stieß einen Amazonenschrei aus und setzte zum finalen W-Bogen an.

„Trigger“, erklärte sie mir später. „Das ist, wenn du plötzlich voll komisch reagierst und nicht weißt, warum.“
„Aber ich wusste es doch: rotes Auto, wie das von D.“
„Du hast überreagiert. Voll verrückt.“
„Vorhin hast du noch gesagt, das war nicht verrückt.“
„Als du aufgehört hast damit. Wege gesucht hast, nicht mehr getriggert zu werden.“
„Ach so.“

Wir hatten viele solche Gespräche, Monika und ich. Sie erklärte mir so einiges, Frauensachen zumeist, feministisches Zeugs, auch speziell was zu Lesben.
„Ist eh alles verbunden“, sagte sie. „Weil sobald du nicht mehr tust, was Typen so wollen, bist du eh ’ne Lesbe für die. So als Schimpfwort zumindest. Als ihre Erklärung, warum du deinen eigenen Kopf hast. Ihn durchsetzt. Das dürfen Heten nicht.“
„Heten“, sagte ich. „Typen.“ So ganz wohl war mir nicht dabei, wenn Monika so redete. Ich war doch schließlich einer: ein Typ, eine Hete.
„Krieg dich wieder ein. Im Übrigen glaub ich immer noch, dass du vielleicht schwul bist.“
„Ich nicht mehr“, sagte ich und dachte an Monikas Körper im Bett, auf der Decke, sich lasziv räkelnd, ganz im Hetero-Porno-Stil. Das sagte ich auch und fragte dann: „Wieso machst du das denn?“
„Darf ich das nicht? Nur weil ich Lesbe bin?“ Sie verdrehte die Augen. „Außerdem muss ich üben, wie sich Heten benehmen.“
„Willst du dich auf der Motorhaube so räkeln?“ Ich lachte, schaute aus unserem Fenster – ich wohnte jetzt bei Monika; das war viel schöner als alleine im Nachbardorf – auf unser brandneues Fahrschwul-Auto, dann wieder zu Monika. „Da hätte ich nichts dagegen. Gar nichts.“
„Hör auf. Ich räkele mich nicht auf Motorhauben.“
„Willst du nun einen auf hetero machen, oder nicht?“
„Aber du wolltest doch einen auf hetero machen.“
„Hetera“, korrigierte Monika. „Weibliche Form.“
„Egal“, sagte ich.
„Nicht egal.“ Sie schob sich die Kissen im Bett zurecht, räkelte weiter, wortlos, ewig lang, wie mir schien. Dann seufzte sie, setzte sich auf. „Vielleicht hast du recht: doch Motorhaube. Damit die Damen nicht auf die Idee kommen, ich sei ’ne Lesbe und grapsche sie an. Motorhaube. Nun gut.“
„Hab ich gar nichts dagegen“, sagte ich und grinste. „Aber sag mal: Verlieren wir dann nicht Lesben als Kundinnen? Wenn du so hetero rüberkommst?“
„Hetera“, korrigierte Monika erneut. Sie seufzte. „Aber nee: Lesben schnallen das schon. Lesben sind clever.“ Sie lehnte sich zurück im Bett, fing wieder mit Räkeln an. „Übrigens“, sie wies auf den Film, der gerade lief, einer von vielen, den wir ausgeborgt hatten für mich, um Schwul-Sein zu üben. Es war nicht schwer, Inspiration zu finden; die Filme waren voller Klischees. „Du dann aber auch! Dich räkeln. Auf Hauben.“
„Huch“, sagte ich; es klang unverhofft schwul. „Ich?“
„Ja“, sagte Monika und musterte mich. „Mach schon, leg los!“ Sie schob Kissen zur Seite, klopfte auf den freigewordenen Platz. „Üb schon mal. Hier.“

„Die Lesben“, fing Monika dann noch ein letztes Mal an, „sind nur wieder mitgemeint.“
„Wie jetzt?“
„Mitgemeint.“
„Sind sie. Ja. Ist doch toll. Sie sollen ruhig kommen. Wenn sie alle so räkeln wie du.“ Ich grinste.
Monika grinste nicht. Darum geht’s nicht. Sondern … Wo steht das denn? Ich mein: ‚Fahrschwule‘ – und wo sind die Lesben? Mitgemeint.“ Sie seufzte.
„Haben sich Lesben nicht mal ’schwul‘ genannt, früher? Hast du mir doch letztens erzählt. Und mitgemeint ist doch toll.“
„Ist es nicht. Explizit muss das sein, von wegen lesbischer Sichtbarkeit. Überall Schwule nur.“
„Ehm, ja, okay“, sagte ich. „Aber ‚Fahrlesbenschwule Schein‘ bringt’s nicht als Name. Oder ‚Fahrhomo Schein‘. Oder–“
„Nee“, sagte Monika, und dann probierten wir noch ein paar andere, obwohl wir das Auto schon hatten, mit „Fahrschwule Schein“ als Logo aufgemalt, und das nicht abwaschbar. Ich wär bereit gewesen, noch mal für ’nen Schriftzug zu zahlen, das nennt sich Solidarität, nur fiel uns nichts ein, kein Name, kein Slogan, kein Nichts.
Schließlich gaben wir auf.
„Wir bleiben bei ‚Fahrschwule Schein’“, sagte Monika. „Gibt eh kaum Lesben auf dem Land.“ Sie seufzte, ein schwerer Seufzer, von ganz tief innen. „Fahrschwule Schein. Lesben mitgemeint.“
„Also–“, sagte ich.
„Schon gut. Bin ich gewöhnt.“
„Also …“
„Schon gut!“

„Fahrschwule Schein“, sagte D. „Das hätte ich nicht erwartet von dir.“ Sie schüttelte den Kopf, schluckte, öffnete den Mund, setzte an zu „Das ist doch gefährlich!“ (ich sah es ihr an, wir waren nicht umsonst vier Jahre lang zusammen gewesen), fragte dann aber nur: „Und diese Monika? Ist sie … Also, ich mein …“
„Perfekt!“
„Wie bitte? Was?“
„Perfekt“, sagte ich noch mal und kurz überlegte ich, ihr zu erklären, was perfekt daran war, dass sie dachte, Monika wäre ’ne ganz normale Heterofrau. Aber dann tat ich es nicht; ein bisschen Rache durfte ruhig sein. Denn dass D. jetzt doch mit mir sprach – es war unhaltbar geworden, als Nachbarn zu leben und nicht miteinander zu sprechen – war noch lange nicht Grund genug, ihr ganz und gar zu vergeben. Noch nicht. Sollte sie ruhig eine Weile lang denken, dass ich und Monika mehr im Bett taten als nur räkeln, ganz hetera, voll schwul.

„Sie ist Lesbe“, sagte ich dann aber doch, einige Wochen später. Jetzt war es unhaltbar geworden, mich ausschließlich zu räkeln mit Monika. Ich war eindeutig nicht schwul, auch wenn ich das Bild aufrecht erhielt für unsere Fahrschülerinnen. Von dreißig Dörfern kamen sie mittlerweile; vielleicht auch vierzig, fünfzig, sechzig. Wir hatten es geschafft, Monika und ich, Fahrschwule Schein. „Wirklich!“
„Aber ich dachte …“ D. stotterte. „Also, ich dachte … Du und sie …“
„Nee“, sagte ich. „Du und ich.“
Ich nahm ihre Hand, über das Restaurantessen hinweg – zuvor waren wir im Kino gewesen, und bald fuhren wir auch wieder an den Baggersee; es musste nur noch ein bisschen Sonne scheinen –; nahm ihre Hand und hielt sie ganz sanft. „Ich vergeb dir übrigens. Nur Mäntel kaufst du mir nicht mehr. Versprochen?“
„Ja“, sagte D.
Ich nannte sie immer noch D. Ich fand’s irgendwie sexy, und sexy brauchte ich doch im Leben, nach so viel sexy Räkelei auf Decken und Hauben mit Monika. Räkeleien, aus denen nie mehr wurde als eben nur das. Oder doch: Wir kuschelten, massierten, umarmten, gaben uns Wärme und Halt, rieben einander die Rücken in der Wanne ab. An all das müsste sich D. gewöhnen; ich hatte nicht vor, damit aufzuhören, nur weil wir jetzt vielleicht bald wieder zusammen an den Baggersee fuhren.
„Was hältst du von einem Wannenbad nach dem Essen?“
„Das ist jetzt schon etwas schnell“, sagte D.
„Find ich nicht“, sagte ich. „Schnell wäre, wenn Monika gleich mit dabei wär.“
„Wie bitte? Was?“
„Hast du denn deine Wanne mit keinem geteilt, das ganze Jahr?“ Ein Jahr war jetzt rum seit dem 26.12., dieser denkwürdigen Neumondnacht des ersten weißen Strichs auf rotem Blech.
D. lächelte. „Na ja.“
„Also schon“, sagte ich und war doch etwas überrascht. Ich hatte nie einen Mann in D.’s Haus gehen sehen. Ich trank einen Schluck Wein. „Und“, fragte ich dann, und jetzt stotterte ich, „und willst du, also, weiter mit ihm deine Wanne … teilen?“
Auch D. trank einen Schluck Wein, leerte ihr fast noch volles Glas in einem Zug. „Ja“, sagte sie dann. „Nur ist es kein ‚er‘. Es ist eine ‚sie‘.“
„Eine ’sie‘?“ Gab es doch mehr Lesben als gedacht auf dem Land; das musste ich Monika erzählen. Aber erst mal noch Wein; die Flasche leerte sich schnell. Dann fiel es mir ein: die Blondine! Die mit den Locken. „Die Blondine?“, fragte ich. „Lockige Haare?“
„Hast du spioniert?“ D. stellte ihr Glas ab. Es schepperte.
„Ein bisschen geguckt nur. Wie man halt so guckt unter Nachbarn.“
„Spioniert hast du.“
„Geguckt!“
„Spio–“
„Ge–“ Ich brach ab. „Okay. Vielleicht spioniert. Ein bisschen.“
„Und Autos bemalt.“
„Was? Wo? Wie? Ich doch nicht!“
„Tu nicht so.“
„Aber–“
„Tu nicht so“, wiederholte D. „Das war mir ziemlich schnell klar, dass du das warst. Alle im Dorf redeten drüber, war ja auch nicht zu übersehen.“
„Alle redeten drüber, dass ich das war?“
„Das nicht. Das wusste nur ich. Weil mein Auto das einzige war, das nie, aber auch wirklich nie, einen Strich abbekam.“
„Clever“, sagte ich.
„War ich schon immer.“
„Ja“, sagte ich.
D. nahm ihr Glas vorsichtig wieder zur Hand; wir prosteten uns zu.
„Du aber nicht“, sagte sie dann. „Clever. Sonst hättest du das mit Jaqueline geschnallt. Sie kommt ja nun wirklich fast jeden Tag.“
„Aber sie ist doch ’ne Frau!“, protestierte ich. „Wie soll ich denn darauf kommen, dass ’ne Frau–?“
„Jetzt mach mal halblang. Frauen haben auch Sex. Miteinander.“
„Weiß ich doch. Nur …“
„Was ’nur‘?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Denkt man nur nicht“, sagte ich dann, etwas lahm.
„Nein“, sagte D. „Mein Glück. Sonst hätte Jaquelines Auto wohl auch bald Stanzlöcher gehabt.“
„Das war nun wirklich nicht ich“, rief ich. „Das weißt du auch?“
„Das weiß ja wohl jeder hier im Dorf.“
„Aha“, sagte ich, schluckte, ergänzte dann aber einfach nur „jede“ zu „jeder“, ganz feministisch, der Inklusion und geschlechtergerechten Sprache bewusst, dank Monika.
D. war weniger beeindruckt als ich mir erhoffte. „Männer! Immer dasselbe mit euch“, sagte sie dann auch. „Wollt Lob für jedes kleine bisschen weniger egoman sein.“
„Jetzt hör mal“, setzte ich an. „Ich geb mir echt Mühe!“
D. lächelte. Sie füllte uns Wein nach, den letzten der Flasche. „Schon gut“, sagte sie. „Los. Stoß an. Das mit Fahrschwule Schein ist brillant.“
Ich nickte, traute mich kaum, „Danke“ zu sagen, sagte es dann aber doch. „Danke.“
„Und jetzt“, sagte D., „lass uns gehen. Wanne ist eine hervorragende Idee. Bleibt nur zu entscheiden, welche. Und mit wem.“
„Unsere ist größer“, sagte ich.
„Falsch. Das hast du anscheinend auch verpasst: die Whirlpool-Lieferung. Mieser Spion.“ Sie lächelte noch mal.
Ich lächelte zurück, nahm ihre Hand, half ihr hoch vom Sitz, führte zur Kasse, bezahlte, siebzig Prozent, Geschlechtergerechtigkeit, Männer verdienen noch immer mehr als Frauen, und dann gingen wir aus dem Restaurant. Zum Parkplatz, zum Auto, zu ihrem, dem roten. Zu meinem, dem roten. Die zwei VWs parkten nebeneinander, als hätten sie geahnt, wohin der Abend führen würde.
„Steig ein“, sagte D. und wies auf ihren.
„Hab jetzt meinen eigenen“, sagte ich und wies darauf. „Ich fahr lieber damit.“
D. strich mit der Hand übers Heck, zog den Fahrschwule Schein-Schriftzug nach, das W besonders. „Nun gut“, sagte sie dann.
„Besser so“, sagte ich und meinte es auch. Nicht gleich wieder mein eigenes Gefährt verlieren, meinen Halt unterm Hintern, im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen. „Besser so. Aber eine Runde zum Baggersee würd ich jetzt doch gern mit dir fahren.“
„Jetzt?“
„Nur hin und wieder zurück. Ich auf deinem Beifahrersitz, wie früher.“ Ich nahm ihre Hand. „Und dann: Wanne. Was sagst du dazu?“
„Oder Pool“, sagte D.
„Mal sehen.“ Ich ließ ihre Hand los, sie holte den Schlüssel raus, ließ ihn piepen, die Tür entriegeln; ich hielt sie ihr auf. „Mal sehen.“ Mein Herz klopfte ganz laut. „Mal sehen. So oder so“, sagte ich, „wir sind jetzt wieder zusammen, oder?“
„Mal sehen“, sagte D. „Mal sehen.“
„Ja. Mal sehen“, sagte auch ich, dann stiegen wir ein, in das Auto, ihres, das rote, und fuhren zum Baggersee.

 


 

Weitere Weltverbesserungen lesen: Was schon besser ist, als es mal war

Mitmachen und Weltverbesserungsheld*in werden

Newsletter abonnieren

Nach oben