Das Problem: Der Klimawandel – bereits voll im Gang und doch mit viel zu wenig Geld für Gegenmaßnahmen versehen.

Buchcover der Antholgie "Wortrandale"

Die Lösung:

Hackerhitze

Finalist des Wettbewerbs „Wortrandale“, Sparte „Liebe“

Draußen knallt die Sonne. Drinnen sitze ich. Vorm Computer; mir kleben die Schenkel am Stuhl fest. Aber ich bleibe; ich muss.
Ich ziehe die Vorhänge zu, gegen die Sonne, die Hitze. Sie kommt von links, vom Fenster. Sie schmilzt mich, die Hitze. Schmilzt mich, die Wände, die Welt.
Ich lasse auch noch das Rollo herunter, sitze im Dunkeln. Nur der Bildschirm bringt Licht ins Zimmer.
„Catharina! Das ist un-gesund“, sagt meine Mutter dann immer. Un-gesund, die erste Silbe gedehnt auf gefühlt zehn Minuten.
Un-gesund ist eher die Hitze. Sie strahlt gnadenlos von den Wänden ab; seit Wochen hat es morgens um Acht schon siebenundzwanzig Grad. Das ist un-gesund. Die Hitze, die Welt.
Aber ich mache was gegen die Hitze, nicht nur im Zimmer hier, Vorhang zu, Rollo runter, sondern global. Der Gedanke lässt mich lächeln, die Hitze leichter ertragen. Siebenundzwanzig Grad. Siebenunddreißig mittlerweile, denn es ist kurz vor Zwei. Punkt Zwei bin ich mit Tanja verabredet, im Chat.
Tanja.
Wenn Tanja nicht wär, würde ich hier nicht sitzen. Oder doch hier sitzen, nur anders. Ich würde schießen, ballern, duellieren, erobern und töten, manchmal auch etwas friedlicher sein, Siedlungen bauen, Tauschhandel treiben. Ich würde spielen.
Diese Gamer-Zeit ist vorbei. Ich und Tanja, wir haben Wichtigeres zu tun. Viel, viel Wichtigeres. Weil: Die Hitze. Die Welt.
Ich schwitze. Meine Bluse klebt mir an der Haut. Ich stehe auf, ziehe mir eine andere an. Eigentlich ist das egal: Tanja wird mich nicht sehen; kann auch nicht riechen, ob ich Schweiß verströme. So weit sind die virtuellen Welten dann doch noch nicht. Trotzdem: Tanja = frische Bluse. Die Haare kämme ich mir auch. Trage Lidschatten auf.
Ich glaub, es ist schon klar: Mir ist auch irgendwie heiß wegen Tanja. Ich hab da so ein Flattern im Bauch. Ich denke an sie; ich träume von ihr: von unserem ersten Kuss. Dem ersten Sex. Dem zweiten Sex, dem dritten, dem vierten. Dabei hatte ich noch nie Sex. Erstaunlich, was mir trotzdem so alles einfällt.
Dass ich noch nie Sex hatte, liegt an meinem Alter. Vierzehn. In meiner Klasse hatte erst die Hälfte so was wie Sex, jedenfalls die, die davon erzählen. Ich bin also keine Spätzünderin, mache mir da auch keine Sorgen – es wird schon.
Dann wiederum aber mache ich mir doch etwas Sorgen, weil eben: Tanja. Nur noch an sie denke ich, und Tanja wohnt ziemlich weit weg. 997 Kilometer, 663, 477. Je nachdem.
Aber jetzt ist sie erst einmal hier; sie loggt sich grad ein in den Chat.
„Du hier!“, tippe ich, als wären wir nicht verabredet, als wäre es eine gelungene Überraschung für mich, sie zu sehen. Aber so ist das nun mal mit Tanja: Ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns treffen. Wenn auch nur im Chat, per Buchstaben; getippte Wörter. Und Emoticons, diese Smileys und Zeichen; Emotionen als Icon, als Symbol. Die schicken wir einander ebenfalls.
Videochat haben wir auch mal probiert. Da schnitt ich mit, heimlich. Ich wollte sie nicht nur zwanzig Minuten lang sehen – so lange hatten wir verabredet zu chatten; es wurden dann vier Stunden daraus –; ich wollte für danach ein Bild von ihr. Also nahm ich auf.
Und dann schaute ich, immer wieder, schaute das Video an, schaute Tanja an, wie sie die Lippen bewegte, den Kopf, die Hände, die manchmal in den Bildausschnitt flatterten; ihr Schlüsselbein, das immer im Bildausschnitt war, und aber gar nicht flatterte.
Dafür flatterte es bei mir um so mehr. Ich hatte Gefühle für Tanja auf einmal, Gefühle, für die es kein Emoticon gab: fahrige Hände, kribbelndes Hirn, zerhackte Gedanken, klopfendes Herz.
Klopfendes Herz gab’s doch als Emoticon.
Ich schickte es ihr, eine Woche nach dem Videochat. Klickte und schickte und dann saß ich da vor dem Bildschirm und dachte: Scheiße. Und wenn sie nicht will? Nicht auch ein klopfendes Herz für mich hat?
Sie hatte kein klopfendes Herz für mich. „Null“, sagte sie und schaute mich an, ganz lange. Wieder Videochat. „Leider nicht.“
Diesmal schnitt ich nicht heimlich mit. Oder doch, nur drückte ich auf „Aufnahme abbrechen“, als ihr „Leider nicht“ durch den Lautsprecher drang.
„Oh“, sagte ich.
„Tut mir leid“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich. Und dann zuckte ich mit den Schultern, als mache mir das nichts aus.
Und es machte mir wirklich nichts aus, so lange Tanja in meinem Leben blieb. Und das tat sie.
Immer öfter chatteten wir – nie mehr per Video; das war zu unsicher für das, was wir bald besprachen –, aber eben wieder per Buchstaben, Wörtern, Smileys, Emoticons.
Auf dem Bildschirm prangt jetzt ein Smiley: Tanja winkt.
Ich winke zurück. „Bin da!“, tippe ich.
„Schon klar.“ Noch mal ein Smiley, zum Text hinzu: Du spinnst! Mit Lächeln.
„Ja“, tippe ich, und dann wechseln wir über zum Geschäft. Das muss so sein, denn das ist das, was uns verbindet. Was uns jeden Tag chatten lässt. Jeden Tag Kontakt haben lässt. Stundenlang sprechen lässt: gemeinsam planen, getrennt die Aufgaben erfüllen, dann wieder zusammenkommen, weiter planen, weiter besprechen.
Ohne Tanja wäre mein Tag ganz schön trüb.
Also Geschäft.
„Hier, lies mal“, tippe ich und kopiere dann in den Chat hinein, was ich gefunden hab am frühen Morgen, als die Hitze – siebenundzwanzig Grad – mich aus dem Bett trieb: „Zweck der Stiftung ist die Förderung von Kultur, und sobald die Erträge aus dem Stiftungsvermögen es erlauben, die Förderung des Umwelt- und Naturschutzes.“
„Hmm“, tippt Tanja. „Die brauchen also Geld.“
„Oder ’ne neue Satzung.“
„Nee, Geld. Ist schon okay, dass sie auch Kultur fördern. Denkst du nicht?“
„Doch, schon. Also okay: Geld. Machst du das?“
Tanja schickt ein Daumen-Hoch-Emoticon.
„Wie viel?“, frage ich, antworte aber gleich selbst. Schließlich habe ich recherchiert, wie gut diese Stiftung Gelder verteilt. Was für Projekte sie fördert, und wie. „Zwei Millionen vielleicht? Ich glaub, die sind fit.“
„’nen Versuch ist es wert. Mach ich. Bis morgen. Locker.“
„Jetzt übertreibst du“, sag ich, auch wenn ich weiß, dass sie nicht übertreibt.
Tanja lacht als Antwort, Smileys im Dreierpack.
Sie ist ein Ass mit Banken, mit Geldanlagen, Wertpapieren, Aktien und so, hackt sich da rein in Nullkommanichts und dann wieder raus, hin und her, und am Ende des Tages liegen hunderttausende Euro ganz woanders als noch am Morgen. Liegen parat. Spuren verwischt. Bereit zum Weiterverteilen. Umverteilen auf Stiftungen.
Das ist unser Geschäft. Stiftungen Gelder zuschießen, wenn sie’s verdienen. Verdienen tun sie es, unserer Meinung nach, wenn in ihrem Stiftungszweck was von Umweltschutz steht, Klimaschutz. Wegen der Hitze. Wegen den siebenundzwanzig Grad am frühen Morgen, sogar hoch im Norden ist’s nicht viel besser; da schmelzen die Pole, das Eis.
„Da schmilzt das Licht“, schrieb Tanja dazu mal.
„Das Eis“, korrigierte ich.
Aber es war kein Tippfehler; sie meinte wirklich das Licht. „Für mich ist Eis Licht. Hast du noch nie in einen Eiswürfel geschaut? Erst weiß, und dann Farben. Weil Farben sind Licht. Lichtwellen, Partikel; hab ich in Physik gelernt.“
Ich hatte das auch gelernt, aber noch nie so darüber gedacht. „Schön!“, sagte ich und meinte es auch. „Also Licht – wir machen was, damit das Licht nicht noch mehr schmilzt. Gegen die Hitze!“
„Gegen die Hitze!“
Es wurde zu unserem Schlachtruf. Ein guter Schlachtruf, weil die Hitze war da. Ständig. Von links, dem Fenster, trotz Rollo, von überall, den Wänden. Siebenunddreißig Grad.
Zuerst demonstrierten wir gegen die Hitze, Schulstreik und so, alles hinlänglich bekannt. Aber das nützte nicht viel; die Erwachsenen änderten nichts. Und wir selbst konnten nichts ändern – bis wir auf die Idee mit den Stiftungen kamen.
Meine Tante arbeitete bei einer.
„Warum gebt ihr eigentlich kein Geld für das Klima? Immer nur Sport!“, fragte ich sie eines Tages.
„Weil das so festgeschrieben ist in der Satzung. Hier, ich zeig’s dir.“ Und schon öffnete sie den Safe im Büro, in dem ich sie manchmal besuchte. Sie zog einen Stapel Papiere heraus. „Lies!“
Ich las. Ich las alles, was mir meine Tante zu lesen gab. Meine Tante ist schlau.
„Zweck der Stiftung ist …“, fing das Dokument an; ein Satz, den Tanja und ich noch zur Genüge zu sehen bekommen würden, wenn auch nicht auf Papier, sondern rein digital. In virtuellen Safes, wo digitale Papiere ganz sicher lagerten, vor Zugriff geschützt.
Nicht vor unserem Zugriff jedoch.
Wir hackten uns rein in die Safes, änderten Satzungen in Nullkommanichts, schneller noch als Tanja Kontostände verschob. Und dann änderten wir weiter: geförderte Projekte, zu fördernde Projekte. Wir hackten, verschoben, fälschten und verwischten unsere Spuren, bis in den Papieren nicht mehr zu erkennen war, was die Stiftung einst mal gemacht hat. Alles wichtige Sachen, so ist es nicht; aber Klima ist wichtiger. Viel, viel wichtiger. Weil ohne Klima kein Sport, keine Kultur, keine Forschung und Wissenschaft und auch nichts von den anderen tausend Zwecken, für die Stiftungen einst angelegt wurden.
Denn so ist das mit Stiftungen; meine Tante erklärte es mir: Ist der Zweck einmal festgeschrieben, ist’s nicht mehr zu ändern. Nicht selten gehen Stiftungen aus Erbschaften hervor, und damit das Geld auch wirklich im Sinne der Toten investiert wird, schreiben diese es fest – eben im Zweck einer Stiftung.
„Ach“, sagte ich.
„Ja“, sagte meine Tante. „Tut mir leid. Ich – das heißt die Stiftung hier – kann die Umwelt nicht retten.“
Zumindest sah sie, dass da was zu retten war. Dass ein Bedarf bestand, ein dringender, unaufschiebbarer. Die meisten anderen Erwachsenen sahen das nicht. Dabei müssten doch gerade die das erkennen, viel deutlicher als wir Teens. Die sind aufgewachsen in Sommern, die noch erträglich heiß waren und auch nur drei Monate dauerten, so wie eine Jahreszeit eben. In Wintern, in denen noch Schnee vom Himmel fiel und nicht sofort wieder schmolz. Sie hatten den Vergleich – wir hatten den nicht.
Aber wir sind es, die sich kümmern. Wir.
Irgendwie macht mich das stolz.
„Wenn wir mal auffliegen, stehen wir dazu“, tippe ich an Tanja.
„Find ich auch. Wie die Whistleblower und so.“
Ich nicke, virtuell; schicke ein entsprechendes Smiley. Und dann tippe ich: „Ist dir auch so heiß wie mir?“
Sie schickt ein Ja.
Aber ich weiß: Ihr ist anders heiß als mir. Ihr ist nur heiß aufgrund der Temperatur. Und so sehr ich auch will, dass sie bei dem bloßen Gedanken an mich Schweiß über Haut rinnen fühlt – so wie ich bei dem Gedanken an sie; aufgeregten Schweiß, angeregten Schweiß –, tut sie das nicht.
Also verdränge ich solche schweißtreibenden Gedanken aus meinem Kopf, aus meinem Körper, und wende mich dem zu, was uns beiden gleichermaßen Hitzewallungen beschert: das Klima.
Wir hacken weiter, Tag für Tag, besprechen Aufgaben, Ziele – Tanja hat sich so eine uralte, verknöcherte Stiftung rausgesucht, die noch nie was zum Klimaschutz beigetragen hat und will deren Satzung knacken; und ich will mich an die Stiftung meiner Tante wagen.
„Bist du dir sicher?“, fragt Tanja.
„Nein“, sage ich. „Aber das Klima braucht jeden Cent, den es gibt.“
„Hmm“, macht Tanja per Emoticon, und ich kann nicht widerstehen, noch mal was zu der Hitze zu sagen, die ich spüre.
„Ist doch wirklich voll heiß. Mir. Immer. Dir nicht?“, frage ich und lausche in ihrer Antwort nach Nuancen, die in Richtung Hitze wegen mir gehen, statt nur in Richtung Hitze wegen Sonne und Klima im Arsch.
Es gibt keine Nuancen.
Also hacke ich weiter, hacke und hacke, lenke mich ab von fehlenden Nuancen, von fehlender Hitze auf der anderen Seite des Bildschirms, bei Tanja. Ich hacke, schreibe „fördert Klima-Projekte, saubere Energie, Bio-Anbau, Natur, keine Chemie, Windkraftwerke, Wasserkraftwerke, Solarenergie“ und ähnliches in hunderte Satzungen.
Und wenn ich ihr dann die Ergebnisse schicke, von meinen Erfolgen berichte, lausche ich wieder, in ihrem Lob. Ist da nicht mehr als nur Anerkennung für das, was ich tue?
Immer noch nicht.
Also hacke ich wieder, wieder und weiter, schiebe Gelder bald so gekonnt hin und her wie sie, hacke und hacke, rein und raus, rein in digitale Unterlagen, raus mit Bravour und ohne Spur.
Ich hacke.
Aus Hitze.
Ich hacke.
Gegen die Hitze.
Die Hitze der Welt, die Hitze beim Gedanken an Tanja.
Ich hacke.
„Wir machen das so lange“, schreib ich an Tanja, „bis das Klima nicht mehr im Arsch ist, sondern …“
Mir fällt das Gegenteil von „im Arsch sein“ nicht ein. Aber Tanja versteht das schon; Tanja versteht alles.
Ich glaub, sie versteht auch das mit der Hitze in mir wegen ihr, meinem Mittel dagegen. Denn ab und zu kommt da doch eine Nuance übers Internet zu mir auf den Schirm, reizt an, weiterzumachen. Eine klitzekleine Nuance nur, und wenn ich sie danach fragen würde, würde sie sie alles abstreiten. Oder sagen: Das ist nur ein Anreiz, nicht echt.
Aber es ist echt; ich weiß es. Nuance, flatterndes Herz.
Ein kleines Flattern nur, denke ich, so klein wie Babyvogel im Nest. Und dennoch ein Flattern.
„Tanja“, tippe ich schließlich, als ich ihr Herz mehrmals klein flattern gehört habe. Ich tippe es, auch wenn es das Klima erneut in Gefahr bringt, wenn ich und Tanja … Falls ich und Tanja; falls ich dann nicht mehr hacken muss, um meine Hitze so zu kühlen.
Aber ich tippe, tippe an Tanja, flatterndes Herz, Babyvogel im Nest, voll ausgewachsener Adler. „Es sind jetzt bald Ferien. Soll ich dich nicht mal besuchen?“ Ich tippe. „Meine Mutter hat schon Ja gesagt. Bahn: 997 Kilometer, Auto 663, Flug 477.“
Sie antwortet nicht.
„Ich nehme die Bahn. Wegen des Klimas.“
Sie antwortet immer noch nicht.
„Okay?“, tippe ich. „Ja, nein, vielleicht?“
Ja, antwortet sie. Nein, antwortet sie. Vielleicht, antwortet sie.
Ich weiß es nicht. Ich habe den Bildschirm ausgemacht, als nicht gleich ein erhobener Daumen durchs Internet kam.
Ja, nein, vielleicht?
Tanja.
Hitze.
Das Klima.
Die Welt.
Ja. Nein. Vielleicht.
Ich weiß es nicht.

 


 

„Hackerhitze“ in der Anthologie „Wortrandale“:

Link zur Anthologie

 


 

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