Das Problem: Die Verwahrlosung. Das Schweigen. Das Alleine-Sein, das Kind, die Verantwortung. Der Tod.

Joey als Kind (Butch, irgendiwe:-)

Die Lösung (diesmal ganz und gar nicht fiktiv):
Erschienen in der Anthologie „Mein Lesbisches Auge 21“

Halle/ Saale (ohne Regen)

Es fühlt sich komisch an, das zu schreiben, was ich hier schreibe. Denn normalerweise schreib ich Fiktion, so als Autor*in. Denk mir Sachen aus; Sachen, die durchaus ihre Wurzeln oder Bezug zu etwas haben, was wirklich passiert ist oder noch immer passiert, aber eben Fiktion. Das hier ist keine Fiktion, aber das soll’s auch nicht sein, denn so war der Aufruf für dieses Lesbische Auge: Schreib was über deine Heimat. Wie es so war da, damals, heute, als Lesbe, Queer, Frau*. Deine Herkunft, Region, Familie.

Ich dachte sofort an diese Geschichte. „Geschichte“ – ein Wort, zwei Bedeutungen. Geschichte, erfunden, Zeitpunkt flexibel; Geschichte, Vergangenheit und real – und doch so präsent, durch Prägung in Gegenwart eingreifend. Fast erzählte ich sie schon, diese Geschichte, vor anderthalb Jahren in einem Restaurant. Da saß ich rund um einen Tisch mit anderen Lesben (oder Frauen, trans*, Queers; zumindest der Tisch war eindeutig rund. Oder war er oval?) Es gab ein Thema beim Sitzen im Rund-Oval: Comingout – erzähl mal: Wie war das bei dir, wie haben deine Eltern so reagiert? Ich sagte einfach: „Gar nicht, weil die waren damals schon tot.“ Und erzählte stattdessen von Schwester und Oma, wie die reagiert hatten: recht bodenständig, ohne großes Drama, willkommen-heißend sogar.

Die eigentliche Geschichte erzählte ich nicht.

Zu Hause dann aber. Sie brach aus mir raus, die Geschichte. Ich erzählte sie, erst den Wänden, dann später auch Menschen, noch später anderen Menschen, die mir halfen zu verstehen, wie und warum und was ich da immer noch suche, teils so verzweifelt (Zugehörigkeit, Familie); wie und warum und was ich stattdessen bekam (Geschichtswiederholung und Familie ganz anders als erhofft), wie und warum und was da so hochkam an diesem Abend vor anderthalb Jahren, Abend des Geschichte-nicht-erzählens, einen Schwerpunkt setzte in meinem Leben für eben anderthalb Jahre, bis ich die Geschichte, Vergangenheit, real, zu so was wie ’ner Erzählung machte, zu einer Geschichte eben, sie bannte, und zwar auf Papier. (Schließlich bin ich Autor*in.) (Und immer noch irritiert, dass ich jetzt so eine Geschichte schreibe, so eine (Achtung: Klischee!) typische Lesben-Geschichte voller Emotionen, Tiefe, Gefühl, und mit recht wenig Sex. (Sonst schreibe ich mehr mit Sex. Siehe Kurzbio am Ende, da gibt’s ’nen Link hin zu den Texten mit Sex.))

Schwester und Oma tauchen übrigens nicht weiter in der Geschichte hier auf. Denn Schwester und Oma lebten nicht in der Stadt, und um die Stadt soll’s ja gehen. Heimat, Herkunft, Region.

Heimat, Herkunft, Region: Halle/ Saale.

300.000 Einwohner*innen, Straßenbahnen fuhren (und fahren) da, ich verbrachte viel Zeit in ihnen, vor allem nachts. Punks gab es da, mit denen zog ich so rum, aß schlechten Döner mit ihnen. Dönerbuden gab es also auch (und gibt es ebenfalls immer noch, nehme ich an) – solche Buden, in denen Döner Seite an Seite mit Pizza und Pommes und chinesisch-asiatisch verkauft wird. Schreckliches Zeugs. Billiges Zeug. Billig gab es viel in Halle/ Saale. Billige Wohnungen, billigen Fusel. Den tranken die Punks; ich trank den nicht; ich trink überhaupt nicht, das tat mein Vater schon zur Genüge.

Hah! Jetzt ist er elegant eingeführt – mein Vater. Das ich wichtig, denn mit ihm geht es los, diese Geschichte. Die Geschichte eines Comingouts in der Provinz. Denn Provinz war Halle auch noch.

Provinz: Nur eine einzige Disco (ich tanzte wie verrückt), alle zwei Wochen sonntags. Später auch noch eine zweite, öfter, regelmäßiger. Selbstorganisiert, chaotisch. Geil. Ein Café gab’s auch – eins für Schwule, für die älteren Semester. Die saßen da so rum den ganzen Tag, schauten aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Straßenbahnen.

Und ein zweites Café: ein Café für Frauen, für Lesben, das dann später zum Zentrum wurde, Weiberwirtschaft, umzog, an einen anderen, größeren Ort in der Stadt, mit Garten und Platz (und noch immer Café ist, so nebenbei. Oder hauptsächlich Café, je nach Sichtweise und Bedarf).

Halle/ Saale: Straßen. Osten. Kaputt.

Apropos Bedarf: Wenn es nur eine Botschaft gibt mit dieser Geschichte, ein Fazit, ein Anliegen, eben einen Bedarf, dann das: Die Welt braucht braucht braucht braucht braucht braucht braucht braucht BRAUCHT braucht Orte wie diesen. Explizite Orte für Lesben, für Frauen; zeitgemäßer auch für Queers, für trans*, für … ihr versteht schon. Für uns. Die Community. Für uns und von uns und mit uns. Denn dieser Ort, dieses Café, dieses Frauen-/ Lesbencafé in Halle an der Saale … Es rettete mir den Arsch.

Zeit dieser Arschrettung: 1994. Im Mai irgendwann. Ich müsste mal auf den Totenschein schauen, den von meinem Vater. Aber da steht eh nur eine Schätzung, so richtig weiß keine*r, wann er starb, auf den Tag genau. Als ich ihn fand, sah er noch recht frisch aus, die Leiche. Ein paar Flecken im Gesicht und am Hals; den Rest sah ich nicht; der Rest war von einer Bettdecke bedeckt.

Bettdecke, Bett. Vater. Leiche. Hah! Eine Geschichte mit einer Leiche anzufangen, eine Comingout-Story in der Provinz, ist vielleicht nicht gerade ansprechend. Aber so war’s: Da war die Leiche, da war mein Comingout. Zeitgleich in etwa. Leiche zuerst.

Ich wünsch mir manchmal, die Reihenfolge wär andersrum gewesen, erst Comingout, dann Leiche, aber tja. So war’s nicht; also erfuhr mein Vater nicht, dass ich irgendwie auf Mädels stand. Ich glaube, er hätte sich gefreut. Ich denk das, weil ich mir aussuchen kann, was ich denke, was er so denken würde. Und ich denk das, weil ich zu dem Zeitpunkt ganz und gar nicht glücklich war, er das wusste, und er sich gefreut hätte zu sehen, dass ich doch was gefunden habe, das mich glücklicher macht. (Ich denk das, weil ich mir aussuchen kann, was ich denke, was er so denken würde.)

Unglücklich also, in Halle/ Saale. Es lag nicht an der Stadt; von der bekam ich eigentlich nicht so viel mit (außer die Straßen). Ich pendelte in dieser Zeit einfach nur, hin und her, irgendwie an der Stadt als Stadt vorbei. Ich pendelte zwischen drei Punkten: Schule (ich machte mein Abi, ich war gerade 17 geworden), die Wohnung, in der ich da wohnte, mit einem Jungen (der war dann auch der Grund, warum ich nicht glücklich war, aber ich brauchte einen Ort zum Wohnen), denn der dritte Ort des Pendeldreiecks meines Lebens damals war die Wohnung meines Vaters, und da wohnte ich nicht mehr, denn mit meinem Vater zu wohnen war ___ (mir fehlen die Worte).

Mit 14 zog ich aus, erst auf die Straßen (viel Kopfsteinpflaster, etwas bergig, Asphalt), die Nächte zumindest. Jede einzelne Nacht, denn die Nächte mit meinem Vater __ (fehlende Worte schon wieder). Straße jedenfalls, Straßen, Straßenbahn, Hauptbahnhof, Bank, Park. Und das VL, Vereinigte Linke, ein besetztes Haus. (Besetzte Häuser sind auch sehr, sehr wichtige Orte, retten Ärsche.) Die Kneipe des VL. Der Platz davor, ein Bauzaun, hin zu einer Grube, einer riesigen Baugrube, wo sich die Stadt schon mal annäherte, das besetzte Haus mit einem Einkaufszentrum bedrohte. Ein anderer Zaun: Schwimmbadzaun. Über Zäune kletterte ich recht viel damals. Ich kletterte, lief, schlief, ab 4 Uhr früh auch mal zu Hause, denn ab 4 Uhr schlief auch mein Vater statt ebenfalls zu laufen, hin und her zwischen seinen drei Pendelpunkten im Leben: Bett, Küche, Klo. Schlafen, nichts essen, sich trotzdem übergeben. Vor Schmerzen stöhnend dabei, beim Laufen, im Dreieck, stundenlang. Jede. Einzelne. Nacht. (Doch Wörter gefunden, hah!).

Ich weiß eigentlich nicht, was er hatte, dass er so stöhnte vor Schmerz. Denn er und ich redeten nicht. Aufgewachsen in Schweigen; vielleicht bin ich auch deshalb Autor*in geworden, um all die Wörter nachzuholen, die es in meiner Kindheit nicht gab. (Wie viele Wörter wechselt mensch so am Tag? Mit nur einem Wort – „Hallo“ zum Beispiel – wären das schon mal 3.650 für die Jahre, die ich allein mit ihm war und nicht sprach. (Dieser Text hat 7.645 Wörter.))

Schweigen also. Als Ausgleich dazu, um doch zu wissen, was so passierte in meinem Leben: beobachten. Jedes kleinste Detail im Blick behalten, weil wenn ich das nicht das tat, explodierte die Welt. Mit 12 zum Beispiel bestand mein Beobachten darin, ob schon wieder jemand gekommen war, an die Haustür, kurz nach der Wende, um Haustürgeschäfte abzuschließen mit meinem Vater. Fernsehzeitschriften zumeist; wir hatten immer so ungefähr zehn gleichzeitig im Abo. Und das bei nur zweieinhalb Programmen (zwei Mal Ost, ein halbes Mal West); der Empfang war voll schlecht in Halle/ Saale. Stadtrand damals noch, bis – ich hatte nicht genug beobachtet, das kam überraschend –, das Haus verkauft war, ein Kneipengeschäft, und mein Vater mir sagte (5 Wörter, die muss ich noch abziehen von den 3.650, aber immerhin sagte er was, er hatte gelernt; ein Jahr zuvor hatte er mir nichts gesagt, als ___ ___ (oh, die fehlenden Worte; ich taste mich ran): „Nächstes Wochenende ziehen wir um.“ Dann tauchte er wieder ab, zurück in Stupor, Depression, Bewusstlosigkeit; schon damals hatte er ein Pendeldreieck in seinem Leben.

Schweigender Vater

Ich tauchte nicht, denn irgendwer musste ja packen, und außer mir war niemand da. Also packte ich, ein ganzes Haus in einer Woche, ich denke, ich war gelinde überfordert. Aber es klappte. Und das mit den Fernsehzeitschriften klappte auch; nebenbei entwickelte ich einen voll praktischen Fetisch fürs Formulieren. (Bin ich deshalb Autor*in? Bürokratische Briefe: Oh, die machen mich an. Eine*r mein* aktuell* Partner*innen ist Steuerfachkraft – wenn die*der loslegt mit was er*sie so gemacht hat auf Arbeit: Ja! Oh ja! Freund*innen bedienen den Fetisch ebenso nur allzu gern, legen mir ihre unverständlich formulierten Behördenschreiben vor, mit ängstlichem Blick. Ich gucke nicht ängstlich, ich lebe auf, stöhne, lache und mach mich ans Werk, helf zu verstehen, die nötigen Antworten zu formulieren. Frühkindliche Prägungen haben auch was Gutes. Oh ja!)

Unterschriften fälschen lernte ich übrigens auch, irgendwann war’s mir zu blöd geworden zu warten, bis mein Vater wieder wach war und selbst unterschreiben konnte, all diese Briefe. Also unterschrieb ich im Alleingang, schrieb, sobald mein ständig beobachtender Blick ein neues Drohschreiben entdeckt hatte (er versteckte die gern unterm Schuhregal, warum, weiß ich nicht), schrieb, rechnete, addierte, konterte Mahnung, Inkasso und Pfändungsanliegen mit Bitten nach Ratenzahlung und vorzeitiger Abo-Beendung.)

Huch, das hatte jetzt so gar nichts lesbisches an sich. Oder vielleicht doch: Da wuchs ein echt starkes Mädel heran, oder ein Junge, Tomboy, denn Bäume erkletterte ich auch gern mal, wie später die Zäune in Halle-Innenstadt, und ab und zu zündete ich die Bäume auch an. Einen zumindest, um den sich das Auto meines Vaters gewickelt hatte, an einem Samstagvormittag, strahlender Sonnenschein, der auf dem weißen, leicht blutigem Kopfverband reflektierte, den mein Vater trug, von Sanitäter*innen gelegt, die mit ihm neben dem Auto standen, das er gewickelt hatte, als er ins Nachbardorf fahren wollte, mich von der Schule dort abholen (das Dorf war so klein, dass es nur mit zwei anderen Dörfern zusammen genug Kinder für eine Schule ergab, im Nachbardorf eben). Ich fuhr an ihm vorbei, im Auto eines Nachbarn, der statt meines Vaters gekommen war, mich zu holen, mir aber nicht gesagt hatte, warum (irgendwie redeten die alle nicht, da im Dorf; echt mal. Ich fragte aber auch nie, wenn ich spürte, dass da ein neuer Schlag im Anflug war – und das spürte ich schon –, denn ich war schon so am Limit, immer am Limit; Neues konnte und wollte ich einfach nicht hören. Es kam aber trotzdem. Noch ein Schlag ins Herz, in den Leib, ein im Sonnenlicht leuchtender Kopfverband. Der arme Baum, er konnte nichts dafür; ich bitte hiermit nachträglich um Vergebung fürs Zündeln).

Ach, schon wieder abgeschweift. Jetzt aber: Lesben!

Drei gab es im Dorf: mich, die blöde Lesbe, und die mit den Haaren. Nur wussten wir alle drei nicht, dass wir Lesben war. Die blöde Lesbe wusste es nicht, weil sie nur auf dem Papier Lesbe war, und zwar in meinem Tagebuch: „Blöde Lesbe, die!“, hatte ich geschrieben. Ich weiß nicht mehr, warum, was sie gemacht hatte – was Kinder halt so machen, wenn sie einander ärgern. Was blödes eben. Lesbe als Schimpfwort; mehr über/ von Lesben wusste ich nicht. Dorf.

Hinter dem Dorf war die Welt übrigens zu Ende. Da kam nur noch Straße, die nach Leipzig. Leipzig war nicht Dorf; nach Leipzig fuhr ich später recht oft, als ich größer war und wusste, was Lesben wirklich waren: Frauen*, die ihre Hände (und anderes) gern in Vulven (und anderes, zum Beispiel vulven-begleitende Ärsche) steckten. (Ich mag auch Ärsche sehr gern, aber dazu fällt mir jetzt keine frühkindliche Prägung ein.) In Leipzig traf ich neben Lesben auch trans* Männer; meine erste Freundin war auch einer. Ich selbst ebenso irgendwie, dann wiederum aber auch nicht, jedenfalls anders als er und sie, nicht so zweigeschlechtlich beugend, dafür Kontraste haltend, umarmend und lebend – wie das mit den Briefen, der massiven Ratenzahlungformulierungsjonglage (oh, diese Zahlen!). Ursprünglich miese Sache, jetzt Turn-on. Widersprüche, Vulven und Ärsche, lesbisch sein, aber auch schwul (oh! Lesbische Schwänze!), trans*, somit irgendwie queer. Und überhaupt.

Die Lesbe jetzt aber erst mal, die mit den Haaren. Die mit den Haaren war Lesbe, weil ich das so dachte von ihr. Nicht damals im Dorf, da kannte ich ja nur das Schimpfwort, sondern im Rückblick. Und Lesbe war sie zudem, weil ich in sie verknallt war. (Werden alle Frauen* zu Lesben, in die sich Lesben verknallen, auch wenn die praktische Umsetzung des Verknallens in Form von zum Beispiel möslichen Knallens – Möse auf Möse, dieses (Achtung: Klischee!) typisch lesbische Scheren-Ding, zwei Paar gespreizte Beine, ineinander gelegt – nie erfolgt? Und hab ich das jemals gemacht, dieses Scheren-Ding?)

Mit der Dorflesbe jedenfalls knallte ich keine Mösen im Scherenschritt; ich kämmte Haare. Stundenlang. Immer wieder. Jeden Abend. Jeden Abend rief meine Schwester bei den Eltern dieser Lesbe an und mich nach Hause. (Es gab nur zwei Telefone im Dorf, Telefone waren rar im Osten. Warum die da eins hatten, wusste ich nicht; wir hatten eins für die Spenderniere, falls die mal kam, für meine Mutter. Die Niere kam aber nicht; dafür ging die Mutter, sprich: starb. Da war ich vier.)

Haare kämmen! Fokus darauf! (Ich selbst hab übrigens kaum Haare, ganz kurze nur, rasiert. Und um so mehr Faszination mit langen. Ich heb die gern mal an bei Partner*innen, ziehe daran, ganz sanft, frage: „Spürst du das?“ Bin verwundert, dass ja, leg wieder ab, schaue und staune, hebe erneut. Ich spiele gern. Mit Haaren, unter anderem. Kindheit prägt.)

Prägende Haare also. Und Fußboden. Sonnenlicht. Nicht das auf dem Kopfverband vorm Baum, sondern Sonnenlicht, in dem ich lag mit der mit den Haaren. Nackt. An viel mehr erinnere ich mich nicht, aber irgendwas Tolles muss da passiert sein (vielleicht doch dieses Scheren-Ding?), denn ich denk gern daran zurück. (Und liebe Fußböden seitdem, lieg gern auf welchen herum, entspannt. Mein Vater übrigens auch, nur anders: er lag bewusstlos, umgekippt im Rausch. (Und ich liebe Fußböden trotzdem; oh, der Kontrast. Widerspruch; Widersprüche halten können im Leben.) Bewusstlose urinieren oft einfach mal los. (Und ich liebe Fußböden trotzdem.) Und … Ach, egal. Ich liebe Fußböden. Und Haare. Und Sonnenlicht.)

Mehr vom Dorf gibt’s eigentlich nicht zu erzählen, nicht in lesbischer Hinsicht. Die beiden Lesben waren dann irgendwann mal keine Lesben mehr, und vor allem nicht mehr meine Freundinnen, weil ___ (später. Ich suche die Worte.)

Halle/ Saale: Straßen.

Als das Dorf passé war (Haus verkauft): Innenstadt. Erst Internat, obwohl das Internat nur für Schüler*innen war, die nicht in Halle wohnten. Ich wohnte in Halle, aber ich hatte darauf bestanden – Internat! –, war hinmarschiert zum Elternabend vor Schulstart, das einzige Kind unter all den Erwachsenen, das allein zog die Aufmerksamkeit, die ich brauchte, um meinen Wunsch durchzusetzen, mein Überleben: Internat eben. Drei Monate durfte ich, drei Monate Ruhe vor zu Hause, dann flog ich da raus, hochkant, ohne Ankündigung.

Ich flog viel raus im Leben, hochkant, ohne Ankündigung. Aus dem Internat, weil mein Vater die Miete nicht gezahlt hatte, kurz darauf war ich vierzehn und konnte ein eigenes Konto eröffnen, Ämter (ich konnte ja gut mit Ämtern, mit Offiziellem) überreden, Gelder dorthin zu zahlen statt auf das Konto meines Vaters; das bewahrte vor weiteren Rausschmissen aus Räumen, aus Mietgründen zumindest, denn die Miete für Räume zahlte nun ich. Und kaufte auch Essen, besonders am Monatsende. Was anderes als Brötchen und Ketchup. Brötchen mit Ketchup. Brötchen mit Ketchup. Jeden Monat bis dahin, immer am Ende, die letzte Woche, die ganze, ausschließlich. Brötchen mit Ketchup. Brötchen mit Ketchup. Brötchen für etwas im Magen, Ketchup für den Geschmack. Für mehr gab’s kein Geld, aber keine Sorge: wird alles gut, mit mir, mit dem Essen, mit Geld, und überhaupt. Versprochen! (Und Frauenpower, die kommt auch.)

Ich aß auch viel Pizzaränder, nachts an den Buden. Rechteckige Bleche, rechteckige Pizzen, die Ränder abgeschnitten für mich. Sonst aß ich nicht viel, mein Vater ebenfalls nicht. Ich ess auch jetzt nicht viel im Leben, Hunger gibt Energie. Energie zum Rumziehen auf Straßen, das hab ich beibehalten. Berliner Straßen, und ich such immer noch dasselbe: Menschen, Verbindung, Anschluss, Austausch. Einen Ort such ich auch noch, obwohl ich einen habe, eine Basis. Eine Wohnung, nur für mich. Eine Wohnung ohne Geräusche von anderen, aber dann doch manchmal gerade dadurch zu still (ach, diese Widersprüche).

Mit 14 hatte ich keine Wohnung, ich hatte zwar ein Zimmer, aber nebenan … eben diese Geräusche. Das trieb mich raus. Straßen also, Nacht für Nacht, und als ich nicht mehr konnte, oder halt einfach weil’s passierte, wie das so passiert im Leben manchmal, hatte ich einen Freund. Ganz unlesbisch; das Konzept Lesbisch-sein und Freundin statt Freund als Option war noch nicht durchgedrungen zu mir. Aber Freund eben, wir fickten ungefähr eine Woche lang, ich brach mir den kleinen Zeh dabei (wie, weiß ich nicht mehr), dann hatte ich so ziemlich alles probiert, was zu probieren war (außer anal, das kam später), und nebenbei hatte ich jetzt einen Ort.

Hanoi, Ha-Neu, Halle-Neustadt, Nazi-Teil der Stadt. Ich mit Iro als Haarschnitt; nett war das nicht. Vom Fenster der Wohnung aus schauen: Da kommt die Bahn. Runtersprinten zu ihr, denn standen wir zu lang an der Haltestelle, kamen sie, die Nazis. Kamen und drückten uns gegen das Glas, drückten und schlugen und würgten ein bisschen. Mich weniger, weil ich ein Mädel war; ich fand das unfair.

In der nächsten Wohnung sprintete ich hoch statt runter. 20 Stockwerke; ich war unglücklich und dick (aß also doch etwas, ganz schön viel sogar). Blick aus dem Fenster nicht auf Bahnen, sondern auf Nonnen, die im Kloster nebenan das Klosterdach erklommen, auf diesem Wäsche auf Leinen hingen zum Trocknen. Ornate, Hauben, Kutten. (Heißen die Kutten, die Teile, die die tragen? Diese schwarzen Dinger halt, mit Weiß oben auf Kopf, den Hauben.)

Ich weiß nicht, ob’s die Nonnen waren, aber da so ungefähr, mit 16, hatte ich dann doch so langsam Lesben-Gedanken. In der Schule gab’s eine und irgendwie hielten auch mich alle für eine. Dabei hatte ich nur kurze Haare, schon da abrasiert, und tanzte Breakdance, statt Boygroups hinterherzuhimmeln, wie die Mädchen das taten. Ich war auf der anderen Seite, selbst Boy statt Boy-Bewunderer. Tomboy. Lesbe.

Lesbe. Aha. Na dann.

Halle/ Saale: Nonnen auf Dach

Bei meinem Vater unterdessen häuften sich andere Anzeichen. Zettel und Schimmel vor allem. Auf den Zetteln standen Bitten an mich, eigentlich immer dieselbe, alle zwei Wochen, wenn ich ihn besuchte und er nicht da war: Lass etwas Geld da, ja? (Zumindest schrieb er Zettel und klaute nicht mehr aus meinen Taschen.) Der Schimmel war nicht immer derselbe; er wuchs im Schrank (Kleidung, ein ungewaschener Haufen, der immer größer und ungewaschener wurde; ich schlug die Tür zu, stand und schüttelte den Kopf); Schimmel im Bett (das war wie mit dem Fußboden und der Bewusstlosigkeit, selbes Prinzip; ich stand und schüttelte den Kopf und erinnerte mich an das eine einzige Mal, als ich ausgerastet war, ihm gegenüber: ein Glas Wein geschleudert hatte, den Inhalt, quer durch den Raum, ein paar Tropfen trafen ihn, er saß auf dem Bett und schlug die Hände vors Gesicht. Ich auch.) Und der Schimmel auch auf, in, an Kühlschrank und Herd. (Wäre weiter Brötchen mit Ketchup besser, schimmelresistenter gewesen?)

Irgendwann mal, 2003 oder, so sah ich einen Film, eine Doku über Halle/ Saale, über die Arbeitslosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, Stadt und Menschen gleichermaßen, Menschen, die zu Hause hockten und warteten, auf irgendwas. Auf Leben vielleicht, auf jemanden, der anklopfte, sie da rausholte. Warten, sitzen; eine ganze Stadt in Depression, massiv. Mein Kinofreund war entsetzt. „Ist das echt so da?“, fragte er. Ich zuckte mit den Schultern, wusste nicht, was ihn da so entsetzte. Es war doch normal; so lebte man eben; so war das Leben. Das Leben in dieser doch recht großen Provinzstadt kurz nach der Wende, Osten, alles zerfallen, Gesellschaft, Gemeinschaft, Zusammenhänge, Jobs, Verbindungen. So war das eben – genauso wie da im Film. „Das ist schrecklich“, sagte mein Kinofreund, und nur, weil er das sagte, fiel es mir auf: schrecklich war das. Nicht normal.

„Normal“. Alles, was es gibt, ist normal. Normal. Norm, geläufig. Mehrheitlich so gehandhabt. Dass reden normal war, geläufig, mehrheitlich so gehandhabt, reden mit Menschen, fand ich erst raus, als ich Anfang dreißig war. Da überreichte ich einer Noch-nicht-aber-bald-Partnerin ein Buch, eins, das ich geschrieben hatte, hielt es ihr hin und sagte: „Hier.“ (Nicht total ohne reden, aber doch nur ein einziges Wort. Dennoch, immerhin: ein Wort!) Sie gab mir das Buch zurück, etwas später; ich war verletzt, fand sie’s nicht gut?, fragte, sie sagte: „Oh, du hast nicht gesagt, dass ich es behalten konnte, als Geschenk.“ – „Nicht?“, fragte ich. – „Nee“, sagte sie. „Du hast nur gesagt: ‚Hier.’“

Kommunikation: Mir fehlen noch immer die Worte, wenn ich mit Menschen kommuniziere, mit denen ich Nähe teile, Gefühle, Sex, die Mischung, Intimität, Herz. Oder ich habe viel zu viele Wörter, weiß nicht zu stoppen, wenn stoppen angesagt wär. Rede mich um Kopf und Kragen, rede und rede, 3.650 Wörter am Tag, Hallo Hallo Hallo. Ich klammere, mit Wörtern, an Menschen, an Orten (Menschen als Ort; und sind Orte auch Menschen, lebendig?); ich klammere, halte fest – endlich ein Ort (ein Mensch), wo ich mich zu Hause fühle. So viel klammern erträgt keine*r; also gehen die Menschen, verschwinden die Orte, und dann steh ich da, wortlos wieder, Wortlosigkeit von der schlechten Sorte: stehen und starren (erstarren) wie vor dem Schrank, dem Herd, dem Bett meines Vaters. Ungläubig schauen und staunen und Ohnmacht fühlen: geht der (der*die) wirklich? Stirbt er (er*sie) jetzt echt? Und ich kann nichts machen?

Vater - Sohn (Tochter)

Abstand schärft den Blick, heute, damals. Das machte es nicht unbedingt besser. Eigentlich schlimmer, denke ich heute: alle zwei Wochen stehen und schauen bei meinem Besuch bei meinem Vater. Der Schimmel, das Bett, der Schrank, das Essen. Die Zettel. Jedes einzelne Mal ein neues Zeichen. Er starb, ich wusste das, und die Doku im Kino über das Leben in Halle/ Saale war wirklich hervorragend gewesen: sitzen und warten, liegen und warten, warten und warten, auf irgendwas. Auf das Leben. Oder den Tod? (Ist es dasselbe? Warteten alle im Film eigentlich auf den Tod?)

Ich jedenfalls wartete auf den Tod. (Auf seinen, nicht meinen.) (Oder doch irgendwie meinen; ich hab noch immer Probleme, daran zu glauben, dass ich nicht auch ziemlich schnell und so weiter. Langfristige Planungen krieg ich kaum hin; und fühlt sich etwas dringend an, will ich es sofort lösen; sofort. Weil morgen … Eine Woche, zwei … ich weiß nicht – Zeit ist mir suspekt.)

Zeit.

Ich wartete, vorerst auf 4 Uhr früh, damit ich nach Hause konnte, schlafen, vor der Schule (die mit dem Internat, in dem ich nicht mehr war). Landesgymnasium, Schwerpunkt: Sprachen (Wörter!) Ich glänzte in Deutsch und Englisch, kurz auch in Physik, glänzte auch durch Einiges an Abwesenheit, aber meine Klassenlehrerin hatte Mitleid mit mir; ich glaub, sie war Lesbe, zumindest recht burschikos. Kraftvoll. (Sind alle Lesben kraftvoll? Alle kraftvollen Frauen Lesben?) Sie sah mir Vieles an Abwesenheit nach; einen Alkoholiker-Vater zu haben, hat auch Vorteile: mensch*frau*man kann darauf verweisen und wird nachsichtig behandelt. Und das mit dem Unterschriftfälschen half auch: „Ich bitte zu entschuldigen: Joey kann heut (gestern/ überhaupt) nicht zum Unterricht kommen, weil … [Unterschrift Vater].“ Das nutzte ich rege, auch als ich nicht mehr bei ihm wohnte, andere Dinge Fehl-Ursache waren. Ein bisschen lebte ich ja doch. Zog mit den Punks rum, später in die allzweiwöchentliche Disko zu und mit den Lesben (trans*, Queers). Sonntags war die; montags fehlte ich oft, aber so oft nun auch wieder nicht, denn das Abi war bald gemacht und Schule passé.

In der Schule wusste übrigens keine*r, was bei mir los war, zu Hause. Es wusste auch keine*r, dass mein Vater dann tot war, das letzte Schuljahr. Ich war verblüfft: meine Welt so unbekannt? Aber ich teilte ja nicht, nicht mit Worten, teilte nicht mit. Eltern haben. Mama und Papa, Vater und Mutter, Mutti und Vati, wie nennt mensch das? Ich sagte „Vati“, dann „Vater“, dann „Alter“. „Alter“ hatte ich mit 11 gelernt, in dem einen Jahr, in dem ich nicht bei meinem Vater (Vati, Alter) war im Stadtrand-Dorf. In dem einen Jahr als ich aber dringend, dringend zurückwollte dahin; in dem Jahr, als ich mich wegschießen lernte, mittels Gedankenkraft (oder lernte ich das schon früher?) Träumen, mich an die Zukunft klammern, an Hoffnung, an Vorstellung, wie’s wäre wenn. An alles andere als Realität. Und an: Ich schaff das, ich schaff das, ich komm hier raus, zurück. (Und ich schaffte es, kam raus, zurück; zurück aufs Dorf, nur … was macht frau mit Gedanken, mit Fantasien, die beim Überleben helfen, sich aber als unzutreffend erweisen, wenn der herbeigewünschte Zeitpunkt dann da ist? (Loslassen, trauern.)) (Wer „Mama“ und „Papa“ sagt, übrigens (oder gar, dass er*sie die vermisst) – auch „Vati“ und „Mutti“ sind verpönt, es muss ein „Alter“/ „Alte“ sein („mein Alter“, „die Alte“) –, der*die hat verschissen. Grundsätzlich, auf immer und ewig.) (Ich hatte gleich in der ersten Nacht verschissen, als ich da so lag, an diesem neuen Ort, nicht mehr im Stadtrand-Dorf, umgeben von Kindern, die eben „Alter“ riefen und lachten, als ich von „Vati“ sprach und an der Bettdecke klammerte. Weinen wollte ich auch, traute mich aber nicht mehr.)

Ein Ort, der sicher war.

Vati, Vater, Alter. Menschen, Orte. Menschen sind Orte und Heimat, Familie, Region. Es gibt ein Foto von meinem Vater, in dem er so aussieht wie Halle/ Saale. Er sitzt gebeugt auf einer Bank und … (Details eigentlich egal: Er sieht so aus wie Halle/ Saale). Das Foto hab ich letztens beerdigt, auf einem Friedhof in Berlin. Ich hatte überlegt, nach Halle zu fahren, aber da zieht mich nichts hin, nur Schmerz wär da gewesen. Lieber Lebenslust. Leben & Lust – auf dem Friedhof arbeitet ein*e Freund*in, wie praktisch, dachte ich, da können wir ja noch lebensbejahend lustvoll vögeln nach so viel Auseinandersetzung mit dem Tod. Vielleicht auf dem Klo. Nur stank das Klo sehr, und die Lebensbejahungsvögelperson fand ich nicht gleich (der Friedhof ist groß), also zog ich weiter, noch einen Ort abklappern, auch was Lebensbejahendes: Yolanda. Das ist so eine Statue, eine voluminöse Frau voller Power, und Frauenpower brauchte ich irgendwie. Dann zog ich noch weiter, zur Amazone, noch ’ne Statue, im Tiergarten, erneut Frauenpower, und ein Ort, wo ich auch manchmal vögele, und nicht nur ich, sondern auch andere Lesben (Frauen, trans*, Queers). (Es war aber zu kalt zum Vögeln und so unangekündigt war dann doch keine*r da außer mir. Noch ein Grund, Lesben*-Orte zu haben: Orte, wo frau* auch unangekündigt hin kann und andere da sind; Orte zum Vögeln, mit Heizung im Winter, mit Dach über dem Kopf. Dauerhaft.)

Dauerhaft Dach über den Kopf hatte ich dann wieder mit 15, bei diesem Jungen. Bevor ich da hinzog, ging ich zu einer Sozialstation („sozialpädagogische Familienhilfe“, ich hatte das Telefonbuch in einer Zelle durchwühlt), machte es wie damals in der Schule mit dem Platz im Internat, stand und sagte: „Ich kann nicht mehr, ich brauch Hilfe.“ Und ich bekam. Die Sozialarbeiterin, die ich bekam, sah aus wie Lesbe, ganz enorm sogar. (Sie war auch eine, ’ne halbe; sie reagierte eins a auf mein Comingout später; wir verstanden uns prima.) Ich drückte ihr alles in die Hand, was ich so hatte: Zahlen, Daten, Kontoauszüge, Schlüssel, Karten. Essensanweisungen. (Fisch. Mein Vater mochte Fisch.) Und dann zog ich zu dem Jungen – er und ich, Hetero-Zweier, so ganz und gar unlesbisch (und auch mit wenig Sex; ab und zu mal verlangte er, ich lieferte). Und auch hier die Verbindung ins Heute, in die Zukunft hinein: Sexarbeit! Mit 18 oder so fuhr ich nach Berlin, schaute bei Hydra e. V. vorbei, Hurenkongress, nicht viel später dann wohnte ich in Berlin und schaute in einem Puff vorbei. „Julie“ glaube hieß ich da, oder irgendwas anderes mit sexy „J“ vorne. Ab und zu mal sexy J, früher ohne Bezahlung, weil auch das als Konzept noch nicht vorhanden war in meinem damals 15-/16-/17-jährigen Hirn, später mit, je nach Lust und Laune. Lustlaune. Oder Launenlust? Jedenfalls Laune darauf, und Lust daran.

Drei Jahre noch hatte ich meinem Vater gegeben, geschaut und gedacht: drei Jahre. (Hoffentlich.) Er schaffte zwei. Als ich ihn fand, war ich vorbereitet, und irgendwie ganz und gar nicht. Und eins überraschte mich voll: das Gefühl von frei. Ich fühlte mich frei. Frei, froh, frisch, leicht, erleichtert. Ein riesiges Ja, kopfnickend stehen statt kopfschüttelnd. Nicht traurig, nicht trauernd – ich brauchte nur Jahre dafür, das wieder zu spüren, dieses Gefühl damals, und eine Freundin (starke Frau; logisch auch Lesbe, und Butch), die mir erzählte, wie froh sie gewesen war, als ihre Eltern … „Was?“, fragte ich, und dann sagte ich: „Ich auch! Ich auch! Weißt du was? Ich auch!“ Ich glaub, wir lachten, gaben einander High Five, und dann dachte ich: Verdammt, ich dachte, das wär verboten. Mensch* muss doch leiden, wenn jemand geht. Mensch* darf sich doch nicht gut fühlen, wenn ein anderer Mensch, noch dazu aus der Familie, so nah …

Ich litt nicht; ich war neugierig. Fühlte aber erst mal gar nichts, zehn Sekunden lang, als ich so stand, im ersten Zimmer der Wohnung, suchend, ist er hier oder unterwegs und kein Zettel diesmal auf dem Tisch und da fiel er schon, mein Blick auf die Leiche im Bett. Die Tür zum zweiten Zimmer stand offen, mein Vater lag, bedeckt, ein Arm ragte heraus unter der Decke. Ich stand, schaute. Dann wollte ich hin, anfassen vielleicht, mal drücken, wie sich das anfühlte, der steife Arm. Wirklich tot?

Genau dann klingelte es, wie in schlechten Romanen an wichtigen Stellen, aber ich schwör: so war’s. Die Nachbarn. Die hatten mich kommen gehört, aber meinen Vater nicht mehr seit Tagen, sie stürmten rein, als ich sagte: „Er ist tot“, an mir vorbei in die Wohnung. Dann wieder raus, kurz Stopp bei mir, armes Kind, dann weiter zum Telefon. Krankenwagen, Polizei, Feuerwehr, alle drei. All dieses Stürmen, all diese Hektik – ich hab mich später geärgert, zur Tür gegangen zu sein. Nicht die Leiche war das Problem, die lag, ganz ruhig, und ich stand da, ganz ruhig, sondern all das. Nicht das „Problem“ ist das Problem, sondern der Umgang damit. (Theoretisches Wissen; praktisch stürm ich selber gern mal. Will lösen, sofort, weil: wie lange leb ich denn noch? Zwei Wochen?)

Ich stürmte dann aber auch, und wie. Zuerst Gedanken in meinem Hirn, einer nur: „17“, immer wieder. 17. Minderjährig. Jugendamt. Jugendamt kannte ich schon (hatte aber keinen Fetisch entwickelt für diese spezielle Behörde), denn diese spezielle Behörde schickte Damen an Türen zu Hause und die klingelten dann, klopften, drangen ein, und sagten Dinge wie: „Pack deinen Koffer. Eine Stunde hast du, dann kommst du ins Heim.“

Heim: ___ ___ ___ ___ ___ ___. ___. ____. ___. ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ (ad infinitum). Ost-Heim, vor der Wende. West-Heime waren vielleicht besser, und jetzt war ja Westen, aber probieren wollte ich das nicht. Heim war ich-schaff-das, ich schaff das, ich komm hier wieder raus; war Mama, Papa, Vati, Mutti, Vater, Mutter, Alte, Alter auf den Kopf gestellt, im Alter von 11. Eine Stunde, dachte ich. Koffer, Zeit, 17. (An Straße dachte ich nicht, abtauchen vielleicht; ich dachte nur: ___ ___ ___ ___ ___ ___. ___. ____. ___. ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ (ich glaub, ich hatte Panik.))

Aber zum Glück gab es die Eltern, die von dem Jungen, bei dem ich da wohnte, und die waren auch meine Eltern jetzt, fiel mir dann doch ein; das hatten sie mir gesagt. Das war nicht offiziell beglaubigt, bestätigt oder auch nur unterschrieben, aber sie hatten mich adoptiert, gedanklich, emotional, und ich sie, aufgenommen in ihre Familie. Sogar staubsaugen hatten sie mir beigebracht eines Tages (die Mutter; der Vater saß auf dem Sofa dabei und schaute TV). Also rief ich sie an. „Ihr müsst kommen, sofort“, sagte ich (oder so ähnlich, ich glaub nicht, dass ich sehr kohärent sprach), „Krankenwagen, Polizei, Feuerwehr auf dem Weg. Ihr müsst schneller sein als die, ihr müsst vor denen hier sein. Ihr müsst hier sein, wenn die kommen, euch aufbauen vor denen, Vater tot, die überzeugen, dass ihr zwar keinen Stempel habt als meine Eltern, aber doch aufpasst auf mich, euch kümmert und so, sonst Heim!“

(Ins Heim wollte ich nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie NIE nie wieder. Das zumindest war klar. Das war so ziemlich das einzige, das klar war an diesem Tag.)

Und sie kamen, die Eltern, ganz schnell, stellten sich in den Weg, versprachen hoch und heilig und überhaupt, auch mir, dass ich gut aufgehoben wäre bei ihnen, sie meine neue Familie jetzt waren, zwar nicht auf dem Papier und so weiter, aber doch, ganz unbedingt, und dass ich nicht ins Heim müsste, gar nicht, jetzt nicht, später nicht, nie, nie, nie. NIE.

Und dann, eine Woche später, verliebte ich mich. Lesbisch nicht nur theoretisch, sondern in der Praxis. Und ich sagte es ihnen, den Eltern, und auch ihrem Sohn (also dem Jungen, bei dem ich da wohnte), weil das Gefühl verliebt zu sein, machte mich glücklich, es war toll. Und tolle, glückliche Gefühle teilt mensch*frau*man doch irgendwie gerne.

Der Junge verprügelte mich.

Die Eltern schmissen mich hochkant raus.

Und sie riefen das Jugendamt an, schrieben denen auch noch ’nen Brief, dass ich jetzt doch ins Heim müsse, ganz unbedingt, weil ich zeige da so gefährliche lesbische Tendenzen, da müsse man eingreifen, und zwar sofort. (1994 war das; ich sag’s noch mal, weil’s doch eher wie Mittelalter klingt.)

Ich revidiere: So ganz verprügelte mich der Junge nicht. Nur so ein paar Schläge, bis ich meinen Schock überwand, dann packte ich seine Hand, dann meine Sachen, und ging. (Oder wart mal: Packte ich meine Sachen? Oder ging ich einfach? Ich weiß es nicht mehr.)

So oder so: Dann stand ich da. Auf der Straße, mal wieder. Und ich konnte konnte nicht mehr.

Und dann fiel mir ein: ich Lesbe, und es gibt ein Café. Lesbencafé, Frauencafé, Weiberwirtschaft, Und da ging ich hin. (Und jetzt fängt die Geschichte an, so richtig gut zu werden; der krasse Teil ist vorbei.)

Sicherer Ort, Blick 2

Ich glaub, nach Hilfe fragen hab ich gelernt. (Jetzt müsste ich nur noch lernen nicht zu warten, bis eine Situation so extrem wird wie die vielen in meiner Kindheit, bevor ich nach Hilfe frage.) „Hilfe“, sagte ich also, oder so ähnlich, vielleicht auch ganz anders formuliert. Jedenfalls irgendwas sagte ich, als ich da so reinging in das Café, irgendwas ganz dringendes, oder vielleicht stand ich auch nur und zeigte wortlos auf mich, oder ich weiß nicht mehr, ich weiß es echt nicht mehr; ich weiß nur die Botschaft, die ich aussandte (Hilfe!) und die Antwort, die ich bekam (Hilfe).

Sie steckten mich in ein Bett, diese Frauen*Lesben da im Frauen-Lesben-Café, welches, weiß ich auch nicht mehr, aber ich schlief gut in diesem Bett. Und sie steckten die Köpfe zusammen, berieten, beratschlagten, untereinander und auch mit anderen, mit dem Ergebnis, dass ich nicht nur ein Bett für eine einzige Nacht bekam, sondern eins für einen ganzen Monat. Ich bekam sogar einen eigenen Raum; mein erster Raum nur für mich, ohne sterbenden Vater nebenan, dessen Geräusche es zu vermeiden galt, ohne Jungen, dessen Geräusche rüberschwebten zu mir, in Form von Sex. Zwei Lesben zogen zusammen für mich, einen Monat lang, damit ich einen ihrer zwei Räume für mich allein bekam. Das fand ich extrem. Extrem unglaublich, und auch beglückend; auf dem Hochbett im Raum da schlief ich das erste Mal mit einer Frau; die, in die ich mich verknallte hatte. (Der trans* Mann. Er*sie erschrak am nächsten Morgen, ob meiner im Dunkeln nicht so deutlichen – im aufgehenden Sonnenlicht aber doch sehr – Stresspickel im Gesicht, gestand sie*er mir später. Noch später vögelten wir auch mal bei Licht.)

Diese Frauen, Halle 1994. Diese Lesben (trans*, Queers). Sie fingen mich auf, diese lesbisch-queer-trans* Frauen, fingen und fingen und fingen und hielten mich warm (okay, es war Mai, aber ihr wisst schon, wie ich das meine). Hielten und hielten und halfen noch mehr; und die Dame vom Jugendamt muss ich jetzt auch mal loben (war sie eine Lesbe? Auch sie sah so aus. Aber vielleicht verklär ich hier; erklär alle zu Lesben, die mir so halfen auf meinem Weg. Ach, auch okay – warum denn nicht?)

Vormundschaft & Erbe ablehnen

Die Dame vom Jugendamt war mir zugeteilt worden nach Zufallsprinzip, alphabetisch nach Namen. Der Zufall meinte es gut, denn diese Zufallszugeteilte lächelte, als sie mich sah, und dann erzählte sie vom Anruf der Eltern, gab mir deren Brief zu lesen. Und fragte auch noch, offene Frage, keine Schein-: „Was hältst du davon?“ (Tatsächlich; ich kram im Gedächtnis, aber sie tat es wirklich. Sag ich doch: Sie war voll cool. Lesbe eben. So, beschlossen!) Ich las: „Joey zeigt gefährliche lesbische Tendenzen“, auch das tatsächlich, und handschriftlich; ich schaute runter zur Unterschrift: nicht gefälscht; las weiter, „… muss ins Heim; wir übernehmen die Verantwortung nicht mehr.“ (Ehrlich gesagt: keine Ahnung, ob da was von Verantwortung stand oder wie genau das formuliert gewesen war. Nur an den ersten Teil erinnere ich mich, das mit den gefährlichen Tendenzen. Und die Aufforderung dahinter: ab ins Heim.)

Ich zeigte dem Brief den Mittelfinger (auch das tatsächlich); die Dame lächelte (vielleicht entwickele ich doch noch mal ’nen Fetisch für Damen vom Jugendamt), und ich beschied: „Ich geh nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie NIE nie wieder ins Heim. Nie.“

Und dann verhandelten wir: einen Monat gäbe sie mir, um ’ne Wohnung zu kriegen, in meinem Namen, ’ne eigene, und das Geld noch dazu, um die Wohnung zu zahlen, und mein Leben. Das müsste ich vorlegen, Beweise dafür, Verträge, bescheinigt, alles hochoffiziell. Das war kompliziert, minderjährig sein machte die Sache nicht leichter, aber es klappte. Logisch klappte es; weil nie nie nie nie nie und so weiter, und mit offiziellen Bettel-/ Behördenbriefen kannte ich mich schließlich gut aus. Es war Rennerei, Vermieter*innen, noch mehr Vermieter*innen, und Amt, einige Ämter, Waisenrente beantragen (aber die dauerte fast ein halbes Jahr bis genehmigt), Sozialamt schließlich erst mal. „Wir würden Joey die Wohnung zahlen, wenn Sie usw.“ – „Wir würden Joey die Wohnung vermieten, wenn Sie dann jetzt usw.“ Schritt für Schritt, hin und her, Behördenkrieg, Stempel und Stempel (und Unterschriften; ich glaub aber, da fälschte ich nichts), und dann stand ich da mit Mietvertrag und Sozialhilfebescheid und wusste: Nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie nie NIE nie wieder. Nie.

Mutter. Ich.

Und das war sie jetzt eigentlich schon, die Geschichte eines Comingouts in der Provinz; die Geschichte, die ich da so erzählen wollte, vor anderthalb Jahren an diesem Lesben-besetzten Tisch in einem Restaurant. Oder erzähl ich noch, wie’s dann danach war? (Geil war’s! Ich hatte Gemeinschaft! Ich hatte Familie! Ich hatte eine*n Partner*in (und bald weniger Pickel), Freund*innen, Fülle und Hülle und Hüllen fallen lassen auch, ich hatte Geld und eine Wohnung. Tauben auf dem Sims vor dem Fenster, über die schrieb ich lesbische Sonaten.)

Die Familie sah ich nie wieder (sie kamen logisch nicht zur Beerdigung meines Vaters, auch wenn sie so sehr deklariert hatten zuvor, beschworen, mir gegenüber immer wieder: “Du bist jetzt eine*r von uns.” Tja.) Den Sohn sah ich noch ein Mal; er sah ganz und gar nicht glücklich aus. Und seine Schwester sah ich. Sie spuckte mir ins Gesicht.

Die Spucke ist abgewischt. (In dem Film über Halle übrigens kam so was nicht vor: Spucke und Lesben und Frauencafés. Aber sonst ist der wirklich gut.) (Und der Sohn wurde später zum Nazi, bekam ich irgendwie mit, aus Lesbenprotest heraus, nehme ich an.)

Meine eigene Schwester: Die lebt noch. Lebt noch immer mit dem Jungen, zu dem sie damals zog, als sie auszog mit 16, Stück für Stück, jede Woche fehlte eine Kleinigkeit mehr in ihrem Zimmer. (Auch sie redete nicht, ging wortlos. Ich beobachtete.) Sie wohnt in einem Haus, das dem Haus sehr ähnlich ist, in dem ich letztes Weihnachten verbrachte. Wahlfamilie; ich lag da im Keller im Sling (Hah! Doch etwas Sex hier in der Geschichte! Aber nicht lesbisch, weil – ach, kompliziert, und eigentlich gab’s auch keinen Sex, weil die Kinder der Wahlfamilie spielten einen Meter entfernt Pingpong am Tisch). Weihnachten: Fest der Familie, und obwohl ich nicht viel Familie und schon gar kein Fest hatte als Kind, zu Weihnachten, macht es doch etwas aus, das Datum. Manchmal, manchmal nicht.

Einen halben Tag blieb ich im Sling, dann zog ich weiter, zurück auf die Straßen, schaute Lichter in Fenstern, fuhr daran vorbei, Fenster nach Fenster nach Fenster, Musik im Ohr, Kopfhörer, Rad; hielt inne an einer Kreuzung, links lang lag meine Wohnung, rechts lang ein anderes Zuhause, ein anderer Wahlfamilienmensch (der trans* Mann, meine erste Freundin, mit mir nach Berlin gezogen, vor einem Vierteljahrhundert). Die Ampel nach links schaltete als Erstes auf grün, ich rief ihn*sie trotzdem an, Bock, Zeit, Ruhe, ach, eigentlich nicht, ich auch nicht so richtig, na dann; ich fuhr weiter, Straßen, Straßen, schließlich nach Haus. Kindheit prägt.

Weihnachten im Sling

Im Haus meiner Schwester war ich vor drei Jahren zum letzten Mal. Oder vier oder fünf; ich bin mir nicht sicher. Wir sehen uns nicht so oft, eben alle drei, vier, fünf Jahre mal, und dann immer auch nur einen Tag lang, maximal zwei. Telefonieren tun wir ebenso selten: Du lebst noch? Ich auch. Toll! Aber meine Schwester hat mir auch schon mal den Arsch gerettet. Grad vor ein paar Wochen wieder, als die Geschichte hier dröhnte im Kopf, dröhnte und dröhnte und nicht zur Ruhe kam, und ich nicht arbeiten konnte deswegen, kein Geld verdienen. Die Geschichte schwang, richtete Schaden an, Herz, Seele, Geist; auch meine Möse litt an Unteraktivität eine Weile, wollte nicht pochen, nicht fließen, verbinden, nur gehalten werden von meiner Hand. Mein Zentrum, Wurzel-Chakra, Farbe Orange (ich hab jetzt ein orangenes Zimmer zu Hause. Und huch: recherchieren als Autor*in ist wichtig; ich les grad: Farbe rot; orange ist das Chakra eins höher, Sakral-. Kreativität, Sexualität. (Na dann, hab ich auch das gleich mitgeheilt: schreiben, vögeln.) (Ich schreib dem Schreiben schon etwas Magie zu. Zudem riecht Papier einfach geil.)) (Nur das mit den Klammern, echt mal.)

Und manchmal frage ich mich, ob andere Leute wirklich nur das hatten als Fokus im Leben, als aktuelles Problem einer Zeitspanne: ihr Comingout, ihr Lesbisch-sein (trans*, queer). Dass das das Wichtigste war, alle Aufmerksamkeit zog. Das akzeptieren; sich selbst zuerst, dazu stehen; dann ewig lang überlegen, ob es auch Anderen sagen, wie und wann und wo und wem, sich Sorgen machen, wie die dann wohl reagierten, Freundinnen, Freunde, Bekannte … Verwandte. (Andere Leute haben Verwandte. Das vergesse ich manchmal.)

Verwandte. Meine Oma. Ah.

Sie starb im selben Jahr wie mein Vater, vielleicht auch eins später, jedenfalls zu Weihnachten (das Todestelegramm kam im Januar aber erst). Das war hart. Gleichzeitig auch nicht, ich hab lang überlegt, warum ich da nicht geweint habe. Ich denk, weil mit ihr nichts Schlimmes war. Ich hab nur gute Erinnerungen an sie; da ist nichts mehr zu klären, ich bin vollkommen zufrieden damit, dass es sie gab in meinem Leben, und zwar genau so, wie es sie gab. Jeden Sommer war ich bei ihr, jeden Winter und zum Schulhalbjahr auch, vom ersten Ferientag bis zum letzten (ich war voll ein_e Streber*in in der Schule, als ich noch bei meinem Vater wohnte. Weil Schule war nicht zu Hause; ich ging da so gerne hin. Und blieb so lange ich konnte; jede Minute zählte). Im Wald. Sie wohnte im Wald, ganz allein, Bauernhof und so, Bäume drumrum, Fuchsbauten, Ameisen, ein See, und viel Einsamkeit. (Okay, es gab noch ’nen Onkel, ’ne Tante, die schickten das Telegramm; aber die zählen nicht. Die hab ich verbannt aus meinem Leben. Andere Geschichte. Ich glaub, beide sind tot mittlerweile.)

Geschichte. Real, Vergangenheit. Geschichte. Erzählt, Fiktion. Ebenen mischen, Geschichte bändigen, ab damit aufs Papier (Papier riecht wirklich geil!) Diese Einsamkeit bändigen irgendwie, oder eklatant ausleben. Widersprüche. Dieses Gefühl, das sich da einstellt bei mir: gerissen, gestoßen, aus Zusammenhängen, wenn über Nacht, ohne Erklärung, ohne Ankündigung; das tut weh. Bei mir um einiges mehr als bei anderen. Andere zucken dann wohl nur mit den Schultern, hab ich mir sagen lassen, drehen sich um und gehen, wenn jemand sie stößt, wenn etwas zu Ende geht. Ich bleibe und stehe erstarrt, stehe ungläubig, hake nach: Schon wieder? Echt? Kann doch nicht sein. Worte finden dafür (7.645 in diesem Text); erkunden, was dahinter steht bei mir (diese(s) Klammern). Welche Geschichte, Herkunft, Heimat, Region. Familie.

Die Oma, zum dritten. Butchig, irgendwie

Meine Oma übrigens: Butch. Und wohl auch Lesbe, genaues weiß man*frau nicht, und wenn die Familie eher tot ist, kann mensch auch nicht mehr fragen. Aber es gab da wohl eine Frau, die irgendwie besonders war. Vielleicht frag ich meine Schwester noch mal danach, im nächsten Telefonat. 2021 haben wir schon gesprochen, du lebst noch, ich auch; 2022 also dann, ’23, ’24, vielleicht weiß sie da ja was. Warum meine Freundinnen damals im Dorf nicht mehr meine Freundinnen sein wollten auf einmal, wusste sie schließlich auch. „Na, Heim!“, sagte sie. „Du warst jetzt Heimkind. Mit so was spielt man nicht.“ (Frau auch nicht, mensch auch nicht, überhaupt niemand nicht. Mit Heimkindern spielt man*frau*mensch nicht.) (Also spielte ich allein.) (Ach, die Einsamkeit.) (Aber im Nachbardorf dann fand ich neue Freund*innen, mit denen ich die echt coolen Sachen machte, Dächer klettern, Boyband spielen. Zwar keine Haare kämmen mehr, dafür Haare rasieren. Und Sonnenlicht gibt’s in jedem Dorf. In jeder Stadt, in jedem Land, immer mal wieder, und wenn nicht, wenn Regen: auch Regen ist toll, denn:

ohne Regen kein Regenbogen.)

 


 

Das Problem noch mal, wie’s war, bevor ich’s gelöst habe: Die Verwahrlosung. Das Schweigen. Das Alleine-Sein, das Kind, die Verantwortung.

Du magst, wie ich Probleme löse? „Die Welt, verbessert“ – fiktive Lösungen für reale Probleme? Dann hilf mir beim Lösen: mit dem Weltverbesserungsabo!

Danke.

 


„Halle/ Saale (ohne Regen)“ in „Mein Lesbisches Auge 21“

Buchcover Lesbisches Auge 21„Mein Lesbisches Auge“ ist ein erotisches Jahrbuch, erscheinend seit 1998. Authentische, unterhaltsame, auch mal schräge Erotik. Die Ausgaben haben zudem thematische Schwerpunkte ganz allgemein rund ums lesbische* Leben. Schwerpunkt 2021: Heimat, Herkunft, Region.

Zum Jahrbuch „Mein Lesbisches Auge 21 – Herkunftsgeschichten“

Und ein Song noch dazu: Ohne Regen kein Regenbogen

 


 

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