Das Problem: Keine*r kapiert, was ich will mit Der Wutspargel von Schniedlka, der Weltverbesserungsgeschichte vom Juni 2020

Die Lösung:

Mittelkurzlange Erklärung

Vorgeschichte: Der Wutspargel von Schniedlka, die Weltverbesserungsgeschichte vom Monat Juni – das haben einige Leute gelesen, und einige von den einigen fragten mich dann, ob ich das ernst meine, gegen Maskenpflicht anzuschreiben, was denn so los sei bei und mit mir, ob ich jetzt spinne und unter die Verschwörungstheoretiker gegangen sein, wie denn und was denn und überhaupt. Sie fragten, und das fand ich gut; schlecht fand ich eher: dass in der Geschichte nicht so ganz klar wird, was das eben alles soll.

Also dachte ich, ich mach jetzt halt was, was ich sonst nie so mache, nämlich eine Geschichte erklären. Jetzt nicht stilistisch, literarisch, das können gern die Literaturkritiker*innen machen, wenn sie so wollen (das berühmte „Was will die*der Autor:in uns damit sagen?“); ich erklär einfach ein bisschen, wie ich dazu gekommen bin, die Geschichte zu schreiben.

Los geht’s:

Mittelkurzlange Erklärung

Es war krass, fand ich, dass über Nacht beschlossen wurde: Ich darf nicht mehr aus dem Haus, ich darf keine Leute mehr treffen, dann langsam doch eine Person, aber nur eine, und die nur draußen, im Laufen, ohne mal kurz hinsetzen zu dürfen im Park, das war auch verboten; körperlich treffen darf ich nur Lebenspartner*innen, und zwar ganz offizielle, sonst niemanden … Das war los. Und ja: Wir alle haben das erlebt, aber wir haben wohl so insgesamt unterschiedlich reagiert.
Ich reagierte mit Freiheitsdrang. Mit Hinterfragung.
Nicht sofort, erst war ich geschockt, wir alle, nehme ich an, von diesem Einschnitt, aber dann fing ich an eben zu hinterfragen: Ausgehverbot? Faktisch Versammlungsverbot? Ein Eingriff in mein Leben, so krass?
„Ja!“, sagen viele. „Für die Gesundheit.“
Ach so, denke ich da. Und: Hinterfragst du dieses Statement überhaupt? Machen all diese Maßnahmen überhaupt Sinn?
Die Maßnahmen. (Hah, was für ein Wort überhaupt. Mal darüber nachgedacht? Es klingt viel zu sanft für das, was es ist.)
Aber was mich eigentlich noch mehr störte als die Maßnahmen selbst, war deren Akzeptanz, von Freund*innen, Bekannten, zufälligen Begegnungen; ich fühlte mich ziemlich allein auf weiter Flur mit meiner Fragerei, dem Hinterfragen von all dem. Das ist okay, ab und zu ist mal mal allein auf weiter Flur.
Was nicht okay ist: Sobald ich was sagte, bekam ich das Totschlagargument: Gesundheit! Pandemie, Virus, alles gefährlich, höchst gefährlich, und bereits da, in den ersten Tagen: Bist du Verschwörungstheoretiker?
Nein, ich frag nur.
Und wenn einfaches Fragen dazu führt, sofort abgestempelt zu werden als „ganz schlimm“, ist was verkehrt.
Dann lockerte sich alles ein bisschen, jetzt gibt es hauptsächlich nur noch eine Maskenpflicht, aber die finde ich ebenso krass wie die frühen, jetzt wieder ausgesetzten Maßnahmen. Das Nicht-Hinterfragen vor allem, die Folgsamkeit. Und das Verurteilen.
Ich weiß nicht, wie das passiert ist so schnell, aber es passiert, jeden Tag: Menschen, die andere Menschen verurteilen eben, beschimpfen, so eine Art Wächter*in spielen, wenn jemand mal keine Maske trägt. Die Dinge sagen, schreiben, posten auf Social Media-Kanälen, so was wie: Die da im Zug hat keine Maske getragen hat, ist zurecht mittels Polizei-Einsatz aus dem Zug geholt. (Und die sollte auch noch alle verpassten Anschlüsse für alle bezahlen.)
So was, wo ich denke: Wow.
Weil ernsthaft: Leute loben Polizeieinsatz, Zug anhalten, jemanden da rauszerren, weil die*der keine Maske trägt?
Leute, die ich bislang als sehr alternativ erlebte, für queere Strukturen jenseits Mainstream kämpfend – wie ist das denn passiert?
Und als Ergänzung zum Verurteilen dann immer wieder Posts, die betonen, wie doll und toll mensch selbst sich an die Masken- und andere Pflichten hält: „Ich war heute mit Freundin Z im Café, aber natürlich mit Sicherheitsabstand und Maske“. Diese Betonung von „ich tu, was ich tun soll, schaut her, wie brav ich mich verhalte“ – jedenfalls kommt das so rüber bei mir. Das find ich fürchterlich.
Und darum ging es mir am meisten mit der Geschichte, mit dem Wutspargel von Schniedlka.
Ich hab auch lang überlegt, ob ich die schreibe, und wie nun am besten, dann hab ich mich einfach treiben lassen, bin wie sonst dem Stift gefolgt, was da so rauskam halt. Weil auch das find ich schwierig: Sobald ich sage: „Ehm, diese und jene Regelung ist vielleicht etwas blöd“, droht sofort: Oh, du bist Verschwörungstheoretiker! Du glaubst, die Juden sind dran schuld (wahlweise auch mal Bill Gates, andere Leute/ Organisationen, je nachdem), du bist jetzt rechts, Nazi, keine Ahnung was.“ So was kommt sofort.
Und das ist auch krass.
Dass mensch gefühlt nicht mal sagen kann: „Ehm, der und der Aspekt ist schief gelaufen/ macht keinen Sinn.“
Und ich hab’s vorher auch noch nie erlebt, dass ich eben angeschrien werde, verurteilt als „Killer“, als Riesen-Egomane, wenn ich keine Maske trage. Bzw. nicht genau zu 100 % das mache, was der Staat so vorgeschrieben hat.
Dieses Nicht-Nachdenken.
Das Übersehen von Details, von vielen vielen Details.
Das Detail von menschlichem Kontakt zum Überleben. Der Nötigkeit dessen.
(Auch hier ein Beispiel, und ich denke mir das nicht aus: Eine Freundin von mir ist selbstmordgefährdet; in der Regel kommt bei Akut-Zustand eine andere Freundin zu ihr, bleibt und beruhigt, meistens nachts, erschafft Willen weiterzumachen, holt ins Leben zurück. Nur konnte ihre übliche Ich-beruhig-dich-Freundin auf einmal nicht mehr kommen, denn es nur auf einmal illegal, zu anderen Leuten in die Wohnung zugehen. Bzw. auch die Panik: Sie ist nicht mehr zum Beruhigen gekommen, weil sie zudem Angst hatte, Panik: Angst sich – wo denn? In den leeren Straßen? – anzustecken.
Das find ich schlimm. Diese unnötige Panik.
Und auch diese Totschlagargumente eben, die mir jetzt Leute auch schon mehrmals an den Kopf geknallt haben: Ich nehme den Tod von vielen Menschen in Kauf, wenn ich ohne Maske in den Supermarkt gehe. Oder auch nur die sanfte Version: Ich bin rücksichtslos etc. Ich empfinde das als unhinterfragtes Nachplappern von Argumenten, die eben noch nicht bewiesen sind.
In Schweden, was in der Wutspargel-Geschichte als ein So-geht’s-auch-anders-Beispiel vorkommt, sind viele Menschen gestorben; ja. Vielleicht liegt es an einer fehlenden Maskenpflicht, vielleicht an der Art, Statistiken zu führen, vielleicht an etwas ganz anderem, einer Kombination, was weiß ich. Niemand weiß es so ganz genau; es wird vermutet bestenfalls – und dennoch der Fokus derart auf Masken gesetzt, wie gut es ist, welche zu tragen, wie krass schlecht es ist, das nicht zu tun. Polarisierung, ohne Ende.
Auch in den Medien: In einem Bericht zum Dyke March in Berlin (wenn du nicht weiß, was ein Dyke March ist: mach dich schlau; ist wichtig), um nochmals ein Beispiel zu geben: Da gab’s viele Fotos zum Bericht, Bilder von marschierenden Dykes, und unter jedem Bild stand was von Maske – ob die Personen auf dem Foto die vorbildlich trugen; auf einem Bild gab’s zwei ohne Maske, da stand dann so was von „die sind hoffentlich aus einem Haushalt“. Das ist Meinungsmache, krass.
Und immer wieder Verdammen von Menschen, die keine Maske tragen, immer wieder darauf hinweisen, dass Masken-Tragende = die Guten, alle Anderen = böse. (Vielleicht merkt man das nur, wenn man eher zu den „Bösen“ gehört.) (Mal abgesehen davon, dass es den Fokus von Problemen weglenkt, die mal wirklich auch wichtig wären: warum denn Lesben überhaupt auf die Straße gehen. (Schon recherchiert, was ein Dyke March ist?))
Das ist die Summe, so angesammelt, über Monate hinweg. In Berlin, wo ich wohne, ist das mit Maske momentan und so generell eher entspannt, außer in Supermärkten/ Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln. Die meisten laufen ohne Maske rum auf den Straßen, in vielen kleinen Läden schaut kaum einer danach etc.
Ein*e Besucher*in wird es wahrscheinlich als nicht so krass erleben, wie es sich jetzt anhört (weil eben geballte Infos über Monate hinweg). Oder vielleicht doch: Umgeben zu sein von Menschen ohne Gesicht – das ist auch krass, finde ich. Nur Masken sehen, aber keine Leute mehr, und das eben über einen langen Zeitraum.
O-Ton einer Freundin, die gerade in Schweden war: Es ist so eine Erleichterung für Auge, Seele, Hirn, durch Straßen zu gehen, in U-Bahn zu sitzen etc., und einfach Gesichter zu sehen. Da erst ihr aufgefallen, wie krass das eigentlich ist, so auf Dauer, überall Masken, und eben böse angeschaut zu werden, wenn man keine trägt.
Immer auf Verteidigungshaltung sein müssen deswegen, und das auch in Situationen, wo Masken tragen nun wirklich keinen Sinn macht. Im Park auf einer Bank sitzen z. B., und dann setzt sich wer auf die Nachbarbank, 10 m weiter weg, und wird panisch. (Hah! Das ist in der Geschichte gelandet.)
Diese ständige Konfrontation mit einer Panik von anderen, die ich selbst einfach nicht spüre.
Dagegen anhalten müssen; das fordert enorm Kraft manchmal. Weil jede Maske signalisiert ja auch: Da ist was Gefährliches! Du musst Angst haben! – Das gab es vor ein paar Wochen auch als offizielles Statement, wenn man mal mehr als die 5 Schlagzeilen gelesen hat: Masken machen wenig Sinn, wenn’s um den Schutz geht; dennoch: Festhalten an der Maskenpflicht, damit alle dran erinnert werden, wie schlimm das alles so ist.
Ich glaube nicht an Angstmache als gutes Mittel für irgendwas. (Auch das ein Grund, dass ich Schweden in der Geschichte erwähnte – da wurde, so wie ich’s von hier aus mitgekriegt habe, eher empfohlen, öffentlich gesagt: X und Y wissen wir, Z nicht; und wir denken, A und B hilft und macht Sinn. So eine Art Vertrauen in selber denken statt befehlen.)
So das Gesamtbild. Logisch: Gesamtbild aus meiner Perspektive, aber doch.
Und ein letztes Bild aus dem Gesamtbild, so eine Art Gesamtgefühlslage vielleicht, etwas krass das Beispiel, aber eben so hier manchmal: Killer genannt zu werden, weil man im Café den Zucker zum Nachbartisch rüber reicht.
Oh, Café übrigens, Info für Besucher*innen von anderswo, aus einem Ort ohne Maskenpflicht: Gewöhn dich dran, dass du in einem Café, in dem keine*r drin ist, weil alle draußen sitzen, eine Maske aufsetzen musst, um durch den menschenleeren Raum zum Klo zu gehen. Sinnlos. So was von.
Und doch von allen akzeptiert.
Und sanktioniert, wenn du dich nicht dran hältst.
Und das Gefühl bei dir selbst, die Entscheidung: Ich tu da jetzt entweder was, was ich für total sinnlos halte, oder ich mach was „illegales“, höre eben auf mich selbst, auf das, was ich für eben sinnvoll erachte – und riskiere für diese Kleinigkeit aber schon enormen Anschiss. Laufe dann ohne Maske ins Café hinein, fühl mich voll unsicher, guck automatisch links und rechts, ob mich gleich wer dumm anmacht, anschreit, rauswirft.
Ich habe diese möglichen, drohenden Sanktionen schon verinnerlicht fast – das ist auch krass, wenn man da mal drüber nachdenkt.
Und ja: Ich könnte einfach Maske aufsetzen, aber da streikt mein System.
Die meisten anderen denken da entweder nicht drüber nach, über Sinn und Unsinn, ich weiß es nicht, oder sie entscheiden sich eben dafür, dann lieber was Sinnloses zu machen als immer wieder so ’nen Kampf zu haben. Und ja nochmal: choose your battles, wähle deine Kämpfe; es gibt andere Sachen, für die ich meine Energie verwenden könnte, aber ach – mein System hat seinen eigenen Kopf. Irgendwie streikt es eben und kämpft lieber, als eben etwas zu akzeptieren, das es für sinnlos erachtet.
Und deswegen der Wutspargel von Schniedlka, auch wenn diese Komplexität, dieser Hintergrund in der Geschichte vielleicht nicht komplett verständlich ist, nicht so rüberkommt, ich weiß es nicht. Oder nur für Leute rüberkommt, die so wie ich selbst damit konfrontiert sind, eben weil sie Masken nicht tragen etc., die dafür empfindlich sind: Sinn und Unsinn, erhobener Zeigefinger, Beschimpfung und Totschlagargument, Anbiedern für „korrektes“ Verhalten, Folgsamkeit, all das.
Empfindlich.
Nachdenken, hinterfragen. All das.


 

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