Das Problem: Das Datum im März, bis zu dem Frau extra arbeiten muss, um das zu verdienen, was Mann bis zum Vorjahresende schon längst in der Lohntüte hatte

Geld zu kleinen Haufen gestapelt

Die Lösung:

„Option C“

Zur Anthologie „Freie Stücke“

„Mir ist langweilig“, sagte Berta und baute sich vor mir auf. Viel aufbauen ging da zwar nicht, aber sie blockierte trotzdem die Sonne. Ich seufzte und ließ meinen Arm sinken. Berta war fünfzig Mal am Tag langweilig; ich verstand das nicht. Ich hatte immer zu tun.
„Mir nicht“, sagte ich. „Kannst du ein bisschen zur Seite rucken?“
„Wie viele Tage sind es denn noch?“
„Berta, ruck zur Seite.“
Berta ruckte zur Seite und ich hob den Arm wieder, drehte ihn so, dass die Uhr an meinem Handgelenk das Sonnenlicht einfing und an die Decke warf. Meine Uhr war alt, fast so alt wie ich, aber sie reflektierte das Sonnenlicht immer noch gut. Sie hatte schon alle Arten von Sonnenlicht an Decken und Wände geworfen: flaches norddeutsches Licht, klares ostdeutsches Licht, helles süddeutsches Licht. Ganz besonders oft helles süddeutsches Licht, denn da fuhr ich normalerweise in Urlaub. Für Orte außerhalb Deutschlands hatte das Geld nie gereicht. Als Putzfrau verdiente ich nicht so gut.
„Guck mal“, sagte ich und ließ mein Handgelenk kreisen. Sonnenflecken wirbelten hoch zur Decke, zu einer westdeutschen Decke. Duisburg.
Berta guckte, aber nur eine Sekunde lang. Dann schaute sie wieder auf mich herab. „Wie viele Tage noch?“, wiederholte sie ihre Frage.
„Ach, Berta.“ Ich ließ die Reflexionen jetzt schlängeln, von Wand zu Wand. Nicht schlecht, die Duisburger Sonne, fand ich. „Rechne doch selbst. Dann hast du wenigstens was zu tun.“
Berta schnaufte; meine Antwort gefiel ihr nicht.
„Vierundvierzig“, lenkte ich ein. Wenn Berta so schnaufte, war Vorsicht angebracht. Dann musste ich sie gut behandeln, etwas unterhalten, ihre Langeweile vertreiben. Schließlich brauchte ich sie noch, als Gesellschaft, als Freundin, und auch wegen des Geldes. Besonders wegen des Geldes. Eine Putzfrau allein kann sich kein Hotelzimmer leisten. „Vielleicht auch dreiundvierzig.“
„Dreiundvierzig.“ Berta seufzte, wandte sich ab und starrte an die Wand mit dem Schiffsgemälde.
Das Gemälde war nicht sehr hübsch. Überhaupt war das Hotel nicht sehr hübsch, aber es war das einzige gewesen mit Sonderangebot, Equal-Pay-Day-Sonderangebot. Das einzige in ganz Deutschland, ich hatte recherchiert. Clever, diese Rheinländer. Mit Mühe und Not hatte ich noch ein Zimmer bekommen.
„Wer will mitkommen?“, hatte ich meine Kolleginnen am nächsten Morgen gefragt. „Doppelzimmer. Mit Blick auf den Fluss.“
„Achtzig Tage am Stück im selben Hotel? Wird das nicht öde?“
„Ach, i wo“, hatte ich gesagt. „Ist doch Urlaub! Wir können jeden Tag was anderes machen. Unser Gehalt verbraten, das kriegen wir schließlich weiter gezahlt.“
Das stimmte schon, aber viel Gehalt bekamen wir nicht. Jedenfalls nicht mehr als vorher, vor der Reform. Die meisten von uns hatten lieber Urlaub gewollt, Option B.
„Und wo?“, fragten meine Kolleginnen.
„Am Fluss“, sagte ich. „Natur. Aber auch Stadt.“
„Sag schon.“
„Innenhafen. Kultur. Landschaftspark.“ Ich kam ins Stottern. „Umgebautes Industriegebiet. Klettern im Bunker. Tauchen im Gasometer.“
Am Ende wollte nur Berta. „Ruhrpott“ kümmerte sie nicht; ihre Sorge galt dem Hotel selbst. „Wenn’s ein Doppelstockbett ist“, sagte sie, „nehm ich das untere.“
„Kein Doppelstockbett“, erklärte ich. „Das ist ein richtiges Hotel.“
Berta hatte ungläubig geguckt, eine Putzfrau in so einem Hotel, zweieinhalb Monate, Frühstück inklusive, das war ihr unmöglich erschienen. Aber es war nicht unmöglich; ich erklärte es Berta noch mal.
„Wir haben Option B gewählt“, sagte ich. „Urlaub bis zum Equal Pay Day eines Nachbarlandes. Dieses Jahr Frankreich, glaube ich.“
Frankreich schämte sich schon sehr, da war ich mir sicher. Da mussten die Frauen achtzig Tage länger arbeiten, rein statistisch, um so viel zu verdienen wie die Männer im Vorjahr. Achtzig Tage, bis zum 19. März – so lange hatten wir in Deutschland Urlaub. Bezahlt. Option B.
„Und Option A?“, fragte Berta.
„Hast du dir denn gar nichts gemerkt?“
Berta zuckte die Schultern.
„Option A ist so viel Lohn wie die Männer. Punkt. Kein Extra-Urlaub.“
„Nee“, hatte Berta gemacht. „Nee. Ich brauche Urlaub.“
Und damit war es beschlossene Sache gewesen, ich und Berta, auf zweieinhalb Monate, hier im Hotel.
„Bald ist Halbzeit“, sagte ich und lenkte das rheinische Licht zur Wand, die Berta immer noch anstarrte. Berta rührte sich nicht. Das Licht strich ihr über den Rücken, über das Haar, traf schließlich das Bild, das Schiff. Ich lenkte die Sonne aufs Segel, dann malte ich eine Acht quer über den Bug, eine große Acht, eine kleine Acht, dann eine Acht rückwärts, langsam konnte ich das ganz gut; ich machte ja auch nichts anderes seit Tagen.
Davor die Tage hatte ich mit Haargummis nach Fliegen geschnipst. Ich hatte mir extra drei Packungen gekauft, dazu reichte das Geld. Ich häufte die Gummis neben mir aufs Bett, dann lag ich da, ruhte und schnipste. Nur traf ich kaum was, außer Berta manchmal. Und davor hatte ich Regentropfen gezählt, die knallten so schön auf die Brüstung des Balkons. Auch im besten Urlaub regnet es mal. Da war Berta zum ersten Mal langweilig geworden.
Jetzt drehte sie sich um und schaute mich an. „Wie spät ist es?“, fragte sie.
Ich malte eine Sonnen-Zehn an die Wand, aber Berta schaute nicht hin. Ich seufzte. „Gleich zehn“, sagte ich.
„Zehn?“, fragte Berta, und plötzlich kam Leben in sie. „Los, komm!“, rief sie mir zu und rannte durchs Zimmer.
Ich kam nicht, ich lehnte mich zurück und schaute ihr zu. Ihre Vitalität faszinierte mich, jeden Tag aufs Neue. So wie hier kurz vor Zehn rannte sie sonst nur auf Arbeit, treppauf, treppab und durch die Flure. Zerrte Staubsauger hinter sich her – und lachte. Schwang lächelnd Mopp und Besen, wischte und wienerte, voller Elan, mit einem Pfeifen auf den Lippen. Berta liebte Putzen.
Jetzt, auf dem Weg durch unser Zimmer, zerrte sie Decken auf den Boden, schmiss Kissen in die Ecke und krümelte Chips auf den Teppich. Am Schreibtisch hielt sie kurz inne, beugte sich hinunter, griff nach dem Mülleimer und kippte ihn aus. „Kaum was drin“, schimpfte sie und raste weiter ins Bad. Dort schmiss sie Handtücher auf den Boden, alle, auch die unbenutzten. Ich machte schon den Mund auf, um mit ihr zu schimpfen, das war nicht gut für die Umwelt, überlegte es mir aber anders. Berta war glücklich.
Sie verkleckerte noch ein bisschen Seife im Waschbecken und Shampoo in der Dusche, fehlte bloß noch, dass sie sich Haare ausriss und in den Abfluss stopfte; vielleicht schlug ich ihr das für morgen vor. Und dann klopfte es auch schon. Der Putzmann des Hotels war pünktlich.
Berta eilte zur Tür und öffnete sie schwungvoll.
„Guten Morgen, die Damen“, begrüßte er uns. „Wieder daheim, wie jeden Tag.“
Er sah müde aus, auch wie jeden Tag.
„Allerdings“, sagte Berta. „Ich will mir doch Ihre Arbeit nicht entgehen lassen.“
Etwas weniger direkt könnte sie schon sein, fand ich, aber wenigstens war ihr jetzt nicht mehr langweilig. Sie trat zur Seite und ließ den Putzmann ein. Dietrich hieß er, oder Dietmar. So genau hatte ich mir das nicht gemerkt.
„Fangen Sie doch dort an“, sagte Berta und zeigte zum Bad. Während er das Zimmer durchquerte, kickte Berta den Müll aus dem entleerten Korb tiefer unter den Tisch. Dietmar – oder Dietrich – würde jedes Stück einzeln aufsammeln müssen und dabei weit unter den Tisch kriechen. Das fand ich nicht nett. Ich warf Berta einen strafenden Blick zu, aber sie beachtete mich nicht.
„Die Dusche ist leider etwas verschmutzt, befürchte ich“, sagte sie gerade und strahlte übers ganze Gesicht.
Ich seufzte, lehnte mich auf meinem Bett zurück und ließ die Sonnenflecken wandern, vom Schiffsgemälde über die Wand zum Fenster. Draußen vor dem Fenster auf Ruhr und Rhein warteten echte Schiffe. Vergnügungsdampfer. Hafenrundfahrten. Sogar Drachenboottouren waren im Angebot; es gab wirklich viel zu tun hier in Duisburg. Nur gemacht hatten wir nichts. Allein der Eintritt zum Tauch-Gasometer verschlänge mein Budget für eine ganze Woche Abendbrot, und eine Stadtrundfahrt kostete so viel wie drei Mittagessen. Clevere Rheinländer.
Dietmar hatte die Dusche geputzt; er kam zurück ins Zimmer. Berta überwachte jeden seiner Schritte.
„Die Kissen brauchen noch einen Knick in der Mitte“, sagte sie und demonstrierte es sogleich. „So.“ Sie nahm das Kissen, das er gerade auf ihr Bett gelegt hatte und gab ihm einen kräftigen Handkantenschlag. Dietmar zuckte zusammen.
„Und jetzt saugen, zur Tür hin“, sagte Berta.
Dietmar schloss kurz die Augen, das sah ich ganz genau.
„Moment, der Müll da noch!“, sagte Berta. „Leider ist mir der Eimer umgekippt.“
„Das sehe ich“, sagte Dietmar und kniete sich vor dem Schreibtisch auf den Boden. Seine Knie knackten laut.
Und da hatte ich es. Zeitgleich mit seinem Knacken knackte es auch bei mir, sozusagen. Im Hirn. Ich hatte eine Idee: Option C.
„Dietmar“, fing ich an.
„Dietrich“, korrigierte er mich müde.
„Ja, egal.“ Ich schaute ihn an. „Sind Sie verheiratet?“
Er nickte.
„Nicht, dass Sie es falsch verstehen“, sagte ich, „aber ist Ihre Frau…?“
Berta schaute mich an, fragend. Ich schüttelte den Kopf.
„Im Urlaub. Wie alle“, seufzte Dietrich und kroch den letzten Papierkügelchen hinterher. Die lagen ganz am hinteren Ende des Tisches, an der Scheuerleiste. Berta nickte zufrieden. Ich auch, aber aus einem anderen Grund.
„Sie Armer“, fuhr ich fort. „Nach all dieser Arbeit hier-“, ich machte eine dramatische Pause, „müssen Sie sich dann auch noch um den Haushalt kümmern.“
„Und die Blagen!“, schnaubte Dietrich und tauchte mit einem Stück Zellophan in der Hand wieder auf. „Zwölf und acht sind die, schlimmstes Alter.“
„Myra, was soll das?“, fragte Berta ganz leise.
„Wart’s ab“, flüsterte ich zurück. „Du wirst es mögen.“
Berta nickte und schaute wieder zu Dietrich. Der war hochrot im Gesicht und schnaufte; der Fitteste war er wohl nicht.
Ich holte aus zum entscheidenden Schlag. „Hätten Sie nicht auch gern Urlaub? Bis zum Equal Pay Day? Vierundvierzig Tage noch?“
Dietrich schaute mich an. Ich sah das Verlangen in seinem Gesicht.
„Wie Ihre Frau?“
Dietrich nickte, schüchtern.
„Also ja“, sagte ich. „Kommen Sie, setzen Sie sich.“ Ich führte ihn zum Sessel unterm Fenster. „Da, schauen Sie mal. Da wollen wir hin.“ Ich zeigte nach draußen. Gerade fuhr das MS Gerhard Mercator vorbei, Stadtrundfahrten. Das hatte ich nicht so geplant, passte aber gut. „Ein tolles Schiff.“ Morgen würden wir darauf sitzen und uns endlich Duisburg ansehen, Berta und ich, wenn mein Plan mit Dietrich aufging.
Dietrichs Blick folgte brav meinem Zeigefinger. MS Mercator. Er war irritiert, blieb aber sitzen. Er schien die Pause im Sessel zu brauchen.
Ich wandte mich Berta zu. „Wie viel würdest du gerne verdienen pro Stunde?“, fragte ich sie. „Fürs Putzen?“
„Wie bitte?“
„Wenn du alles behalten könntest, keine Abgaben und so?“
Berta verstand nicht, worauf ich hinauswollte, beantwortete meine Frage aber trotzdem. „Zwölf Euro“, sagte sie. „Oder dreizehn.“
„Sie haben’s gehört.“ Ich drehte mich wieder zu Dietrich. „Für dreizehn Euro die Stunde kriegen Sie etwas Urlaub.“
Dietrich schaute verständnislos, aber bei Berta dämmerte es plötzlich. Überraschend schnell, fand ich, aber vielleicht hatte sie schon selbst mit dem Gedanken gespielt.
„Nein“, sagte sie, „vierzehn! Vierzehn Euro die Stunde. Myra, das ist eine tolle Idee!“
Ich nickte ihr zu. Ich fand das auch.
„Ich könnte vormittags putzen“, sagte Berta, „und du könntest weiter deine Achten malen.“ Sie hatte meine Sonnen-Achten also doch bemerkt. „Und dann ziehen wir los!“
„Passt Ihnen das auch?“, fragte ich Dietrich. „Immer vormittags? Berta putzt für Sie, von acht bis zwölf vielleicht?“
„Neun bis eins“, sagte Berta, „Schließlich bin ich im Urlaub.“ Sie kicherte.
Dietrich schaute zwischen uns hin und her. In seinem Gesicht mischten sich Unglauben und Hoffnung.
„Welche Zimmer wären es denn?“, fragte ich. „Nur die auf dieser Etage?“ Ich schätzte, er hatte mehr auf seiner Liste, so erschöpft, wie er aussah. Alle Kolleginnen im Urlaub, oder ungewohnt so gut bezahlt wie er – auch das konnte einen fertigmachen.
Er schüttelte den Kopf. „Mehr“, stöhnte er. „Etage Eins bis Sieben. Alle Zimmer rechts vom Fahrstuhl. Insgesamt siebzig.“
„Siebzig“, überlegte Berta. „In vier Stunden schaffe ich die Hälfte von denen.“
„Und wenn mir doch langweilig wird, komm ich dir helfen“, versprach ich.
„Das brauchst du nicht, oh nein!“, sagte Berta. Ich sah schon ihr Putzlächeln aufscheinen, Vorfreude pur.
„Nun, was denken Sie?“, fragte ich, clever wie eine Rheinländerin. „Wir putzen, Sie schlafen frühs aus. Haben Zeit zum Einkaufen und Kochen. Kommen nur nachmittags her, für die zweite Hälfte der Zimmer. Ihre Kinder werden sich freuen.“
Dietrich überlegte. Dann fragte er: „Könnten Sie Donnerstags statt vormittags auch nachmittags? Da muss der Große nämlich zum Training.“
„Und ob“, sagte Berta.
„Klar“, sagte ich. „Wir sind flexibel, nicht wahr?“
Berta nickte. Dietrich auch.
„Na, schlagen Sie ein.“ Ich hielt ihm meine Hand hin. „Ein einmaliges Angebot. Equal-Pay-Day-Sonderangebot.“


 

„Option C“ in der Anthologie „Freie Stücke“

Bild: Buchcover "Freie Stücke" mit der Weltverbesserungsgeschichte "Option C" darin

„Option C“ erschien pünktlich zum Equal Pay Day* 2019 in der Anthologie „Freie Stücke“.

Der Equal Pay Day markiert symbolisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke – im Jahre 2019 umgerechnet 77 Tage, die Frauen umsonst arbeiten, siehe z. B. Webseite Equal Pay Day.

Die Anthologie „Freie Stücke“ versammelt Geschichten von 15 Autor*innen über Selbstbestimmung, Macht und Gewalt, herausgegeben von Sonja Eismann und Anna Mayrhauser, eng verbunden mit dem Missy Magazine.

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