Das Problem: Homo-Ehe schön und gut (auch wenn es da teils noch immer mit kompletter Gleichberechtigung hapert) – aber was ist mit Beziehungen, die mehr als zwei Leute involvieren? Deren Absicherung gegen die Risiken des Lebens?

Buchcover der Antholgie "Wortrandale"

Die Lösung:

Primärwut

Gewinnertext des Wettbewerbs „Wortrandale“, Sparte Queer: Bester Humor

Ich wollte dieses doofe Buch nicht zu Ende lesen. Ich wollte es überhaupt nicht lesen, genauer gesagt, las aber doch. Saß und las, vorgebeugt, zum Fenster hin, damit ich ab und zu rausschauen konnte, runter in den Garten; jedoch nicht zu vorgebeugt, damit Kira und Hannah mich nicht sahen. Kira und Hannah hatten was gegen Eifersucht; und eifersüchtig war ich eindeutig. Noch nicht mal vor mir selbst konnte ich es verbergen; wie wollte ich dann Kira täuschen? Bei jedem Kuss, den sie und Hannah sich gaben, unten im Garten, bei jeder Berührung, bei jedem Lächeln – und auch ohne Kuss, Berührung und Lächeln – stach es mir scharf in den Magen und meine Finger verkrampften sich, umkrampften, was auch immer sie hielten, und hielten sie nichts, krampften sie mir ins Fleisch.
„Siehst du“, würde Kira sagen. „Eifersucht tut weh. Lass es doch einfach!“
Aber ich konnte es nicht lassen, und schon gar nicht „einfach“. Ich war nun mal nicht aufgewachsen wie sie, in einem Haushalt mit zwei Vätern, drei Müttern und fast alle hatten was miteinander, so nach und nach, querbeet. Und das ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Drama, wie Kira nicht müde wurde zu betonen.
Kira hatte es also von klein auf gelernt, das mit der Eifersucht, das mit dem Neid und das mit dem Drama: dass all das ganz und gar unnötig war, in Poly-Beziehungen, in Beziehungen überhaupt.
Auch das hatte sie mir mal gesagt: „T.! Das ist vollkommen unnötig.“ Sie hatte auf meine Hände gewiesen, die sich um eine Teetasse krampften, und ich hatte die Hände gelöst, die Tasse abgestellt auf dem Tisch, genickt, und dann auch noch gelächelt, war aber doch aus der Küche gegangen, wo wir zu dritt zu Abend gegessen hatten, zu dritt nebeneinander am Tisch, links Hannah, Mitte Kira, rechts ich.
Wir saßen wegen des Sonnenuntergangs so, in einer Reihe. Ich liebte Sonnenuntergänge, auch wenn die Sonne hier nicht anständig im Westen, sondern eher im Norden hinter dem Horizont verschwand. Denn unser Horizont war begrenzt: das Küchenfenster ging nach Norden, links und rechts Bäume, im Osten, im Westen; die Sonnenstrahlen kamen kaum durch sie hindurch, so dicht standen sie. Wir schauten trotzdem jeden Abend, wie schwindendes Licht die Sterne aufblühen ließ. Saßen und schauten und aßen und küssten. Kira mich; ich Kira. Kira Hannah; Hannah Kira.
Hannah und ich küssten nicht.
Aber Kira und ich. Oft, lange, ehrfürchtig; langsam, ganz langsam. Ganz, ganz langsam. Wir schmolzen ineinander, miteinander: die Münder, die Lippen, die Zungen, die Körper, die Seelen, die Herzen.
Und dann lösten wir uns irgendwann wieder voneinander, ich widerwillig, Kira auch, und später am Abend küsste sie Hannah.
Ich kapierte das nicht, und da half auch das Buch nicht, das doofe. Hannah hatte es mir gegeben, nach dem großen Tellerwerfen vor einer Woche. Ich hatte die Teller geworfen, logisch. Hannah war zwar auch eifersüchtig manchmal, hatte sich aber unter Kontrolle.
„Das hier hilft dabei“, hatte sie gesagt und mir gleich zwei Exemplare auf den Tisch gelegt, das Original Englisch, „The Ethical Slut“, die Übersetzung ins Deutsche, „Schlampen mit Moral“.
„Französisch hast du nicht zufällig auch noch?“, hatte ich sie gefragt und richtig genossen, wie sie zusammengezuckt war. Französisch – das konnten nur Kira und ich. Und wenn wir es sprachen und Hannah so ausschlossen, kam sie doch nicht so gut klar mit der Eifersucht. Von wegen die einfach mal spüren, aber nicht gleich agieren – Teller schmeißen und so –, gedankenlos. Sondern vielmehr analysieren. Viel mehr analysieren. Ganz genau analysieren, was hinter der Eifersucht stak: Ängste bestimmt, Angst vor Verlassen-Werden, Angst vor Allein-Sein; Trotz, Ärger, Wut. Irgendwas aus der Kindheit. Spüren sollte ich das; spüren, dann lenken: ablenken, weglenken, auslenken.
Lenken konnte ich schon: Als Kira und Hannah unten im Garten Körper um Körper schlangen, Beine zwischen Beine schoben, knallte ich das Buch aufs Fensterbrett.
„Arrêtez! Hört auf! Stop it!“ In drei Sprachen gleich wollte ich’s rufen, am liebsten auch in vier, fünf, sechs, aber Sprache vier, fünf, sechs, die ich sprach, sprach weder Kira noch Hannah. Und sowieso: Ich rief nicht; das ging nicht; Hannah und Kira hatten mich gewarnt.
„Du musst das unter Kontrolle kriegen. Sonst …“
Was nach „sonst“ kam, ließen sie frei, aber es war doch klar: Dann wär ich hier raus.
Hier: Bad Götesburg, ein Nest mit viel Wald, ein Haus in diesem Nest, zwei Etagen, Schlafzimmer oben (viel zu dünne Wände dazwischen, fand ich; außer, wenn ich mit Kira im Schlafzimmer war), unten Küche, Wohnzimmer, Bad. Fenster ausschließlich nach Norden und Osten, nur eins auch nach Süden, das Bad, aber keines nach Westen. Dabei war Westen doch meine Lieblingsrichtung, wegen des Sonnenuntergangs.
Sonnenuntergang. Jeden Abend also schauten wir den. Ich bestand darauf, hatte auch darauf bestanden, den Tisch umzustellen, damit wir das konnten, egal, wie wir saßen. Denn sitzen taten wir jeden Tag anders, nicht immer war Kira in der Mitte. Manchmal war ich in der Mitte, am Anfang sogar ganz oft. Denn am Anfang, als Kira mich bereits kannte, inwendig, auswendig, aber Hannah noch gar nicht, wollte Hannah … Sagen wir mal so: mich auch kennenlernen. Auswendig, inwendig.
„T., aha. Schon einiges von dir gehört!“ Sie hatte gelächelt, ganz breit, dann erst mich, und als ich nicht reagierte, Kira fragend angeschaut. „Nur … Ich mein … Bist du …? Also …“ Sie war ins Stottern gekommen, wie alle, die das fragen wollten, sich aber nicht trauten: Bist du nun Mann oder Frau?
„Hat Kira das nicht gesagt?“
Anscheinend hatte Kira das nicht.
„Tja, dann such’s dir halt aus. Tut Kira ja auch.“
Zwei Wochen später hatte Hannah mich unter der Dusche gestellt, meinen eingeseiften Körper mit Blicken bemessen; vermessen, genauer gesagt; dann genickt. Wissend genickt, als würde das Wissen um Körperlichkeiten etwas bestimmen: mein Geschlecht.
Für Hannah tat es das; ab da war ich für sie eine „sie“. Und klar, ich hatte gesagt: „Such’s dir aus.“ Aber so hatte ich das nicht gemeint. So nicht.
Und vielleicht, dachte ich, als sie und Kira unten im Garten anfingen, Hände unter Kleidung zu schieben, sich aufzubäumen unter den Bäumen, den hohen Pappeln, den Büschen, dem Sichtschutz nach Osten und Westen, vielleicht steckte ja wirklich Ärger dahinter, hinter meiner Eifersucht. Ärger, Wut, Frustration.
„Sie!“ Ich lachte auf. Für Kira war ich keine „sie“, nicht nur. Für Kira war ich viel mehr als das: Alles.
Aber war ich das noch?
Hände auf Haut; Kleidung im Gras.
„Ist doch egal“, sagte ich, sagte es tatsächlich laut, in fünf Sprachen, in der sechsten fiel’s mir nicht ein. „Egal. Vollkommen egal.“
Aber es war nicht egal, weder das mit dem „sie“, noch das, was da gerade unten im Garten geschah. Ganz und gar nicht egal war es, und langsam steigerte ich mich rein in ein Ticken im Kopf. Eifersucht. Von mir aus auch Ärger, Wut, Frustration.
Ich schnaubte, auch das in fünf Sprachen, und ich weiß nicht, ob ich nicht doch raus in den Garten gegangen wär, zwischen die Bäume, zwischen Kira und Hannah, zu Kleidung, zu Nacktheit, zum Unterbrechen, wenn das Telefon nicht geklingelt hätte. Penetrant. Den Klingelton hatte Hannah ausgesucht, garantiert.
Aber jetzt war penetrant gut, denn ich musste dringend was anderes machen als weiter schauen auf greifende Hände, einander ins Fleisch, ins Leere, gewölbt vor Lust; auf tauchende Münder, öffnende Beine, bietende Glieder. Ganz unbedingt musste ich was anderes machen.
Das Telefon stand in der Küche. Auch da Blick in den Garten. Ich stellte mich mit dem Rücken zum Tisch, schaute stattdessen ins Wohnzimmer hinein, hob den Hörer ab, meldete mich. Meine Stimme quietschte, ganz hoch, wie immer, wenn mein Herz viel zu schnell schlug.
„Frau Heinz?“
„Frau Heinz ist beschäftigt.“
„Und Sie sind?“
„Sturm“, sagte ich.
„Sehr gut, sehr gut! Genau das wollte ich hören.“ Und dann kicherte die Dame am anderen Ende der Leitung.
Fast legte ich auf. Ich brauchte nicht auch noch ’ne Spinnerin am Telefon, zu der Spinnerei im Garten hinzu. Aber dann wich das Kichern einem ernsteren Tonfall und ich legte nicht auf, sondern einfach das Buch, moralische Schlampe, deutsche Version, das ich mit in die Küche gebracht hatte, hinter mir auf den Tisch. Und zwar ohne mich umzudrehen dabei, zum Garten hin. Fast schon stolz war ich da drauf. Ich musste das Ticken in meinem Kopf nicht auch noch anfeuern, fand ich.
Die Dame am Telefon räusperte sich. „Märtens mein Name. Von der B-Queer-Versicherung.“
„Versicherung, aha. Wollen Sie doch nicht lieber mit der Frau Heinz–?“
„Nein, nein!“ Sie kicherte erneut. „Genau das will ich nicht.“
„Aber ich! Ich will mit ihr!“ Ich merkte erst, dass ich laut gesprochen hatte, statt nur gedacht, als das Kichern abrupt verstummte.
„Wie bitte? Was?“
„Entschuldigung. Muss das Radio gewesen–“
„Nein, nein, nein! Das waren Sie.“ Frau Märtens kicherte wieder. „Und das ist auch gut so! Denn das bedeutet, dass sie nicht nur eine Scheinbeziehung haben, Sie und Frau Heinz, wenn Sie mit der Frau Heinz so unbedingt und lautstark wollen.“
„Was?“
„Da haben wir ja leider einige. Und deswegen rufe ich an.“ Sie sprach jetzt ganz schnell, die Frau Märtens, merkte wohl, dass ich erneut kurz vorm Auflegen war. „Ich bin so froh, dass es Sie gibt! Sie ahnen ja nicht, was Scheinbeziehungen für verwaltungstechnische Probleme mit sich bringen. Unmengen! Ach ja!“ Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Sie erklärte auch nichts, vergewisserte sich nur plötzlich noch mal: „Sie sind Frau Sturm, korrekt?“
„Ja“, sagte ich, zögerte kurz, und dann sagte ich noch: „Manchmal aber auch Herr. Herr Sturm.“
Früher hatte ich das nie so offen gesagt, schon gar nicht zu Fremden. Aber seitdem 2020 endlich mal die lang geforderten Pro-Trans*-Gesetze umgesetzt worden waren, ganz gute, und dann auch noch die Aufklärungsprogramme starteten, deutschlandweit für diese Idioten, die trans* nicht kapierten, es, uns daher hassten, jagten, beschimpften, verfolgten, verletzten, sogar töteten manchmal – seitdem es all das und mehr gab, sagte ich es meistens doch: „Auch Herr Sturm, bitte. Beides.“
Als Antwort raschelten am anderen Ende der Leitung Papiere. „Herr Sturm, aha. Aber nur manchmal?“
„Ja.“
Die Dame von der Versicherung nuschelte in sich hinein. Ich verstand sie kaum, aber sie redete auch eher mit sich selbst. „Dann muss ich das Kreuz ja nicht hier, sondern … Moment. Das ist doch das neue Formular, ID 2025, nach dem Jahr benannt. Wo ist das denn?“ Sie seufzte. „Moment bitte, ja?“
„Ja“, sagte ich noch mal und riskierte einen schnellen Blick in den Garten. Keine gute Idee. Hände, Haut, schmelzen, verschmelzen. Ganz langsam.
Ich hörte kaum, was Frau Märtens als Nächstes sagte, obwohl sie nun wieder laut und deutlich sprach, so sehr tickten die Wut-Ärger-Eifersuchtsgedanken in meinem Hirn. Erst als sie zusammenfasste, horchte ich auf: Sie, Frau Märtens, solle und wolle und habe jetzt hiermit überprüft, ob es eine Person namens Sturm gab, denn Frau Kira Heinz hätte ein Einschreiben geschickt, ein dringendes, und Frau_Herr Sturm, also mich, mittels diesem zum/ zur Partner_in erklärt.
„Um genau zu sein: zum/ zur kostenlos mitversicherten Partner_in in unserer beispiellosen B-Queer-Haftpflicht- und Hausratversicherung“, sagte Frau Märtens. „Erweiterte Hausratversicherung sogar. Sie Glückliche_r! Auch Eigenschäden dabei. Alle Möbel, alle Geräte …“
Ich dachte an die fliegenden Teller vor einer Woche. „Auch Geschirr?“
„Natürlich!“
„Und Sie sagten, das gilt ab sofort?“
„Aber ja! Sie existieren doch.“ Sie lachte auf, ein Dröhnen im Hörer. „Das ist nun mit diesem Anruf erfolgreich geprüft. Also herzlich willkommen bei uns, Herr_Frau Sturm!“
„Ja“, sagte ich, hörte aber schon wieder nicht richtig zu. Eigentlich, dachte ich stattdessen, hatte das Tellerschmeißen doch Spaß gemacht. Richtig Spaß, viel mehr als Bücher zu lesen. Als nichts zu machen, nur zu schauen. Immer nur schauen.
Ich schaute erneut zum Garten, sah Leiber verwoben, Glieder verschmolzen. Tick-tick in meinem Hirn. Teller. Versichert. Ich ging zum Küchenschrank, riss ihn auf. Massenhaft Teller. Erst gestern gekauft. Ich schaute wieder zum Fenster.
„Und Glas?“, fragte ich. „Scheiben und so?“
„Moment“, sagte Frau Märtens. „Das muss ich nachschlagen, ob Sie auch eine Glasversicherung haben. Warten Sie, ja?“
Aber ich wollte nicht warten. Ich schmiss.
Frau Märtens schrie überrascht auf. „Was war denn das?“
„Radio“, sagte ich. „Der Empfang ist sehr erratisch hier auf dem Land. Manchmal kommt nichts und manchmal gewissermaßen ein Sturm.“
„Ach so, aha. A-ha! Ein Sturm.“
Ich weiß nicht, wer wem weniger glaubte in diesem Moment, sie mir, ich ihr, aber egal. Ich zog einen zweiten Stapel aus dem Schrank, die tiefen Teller, Schüsseln schon fast, drehte mich zurück zum Garten. Kira und Hanna waren nicht mehr ineinander verschlungen, verwoben, verschmolzen; sie saßen aufrecht im Gras, schauten erschrocken zum Haus. Zum Glas auf dem Gras.
„Gut“, sagte ich und schmiss. „Und Bücher?“, fragte ich dann ins Telefon. „Sind die inbegriffen?“
„Bücher auf jeden Fall. Sie glauben gar nicht, wie oft Bücher abhanden kommen.“
„Doch“, sagte ich. „Glaub ich aufs Wort. Sehr oft kommen Bücher abhanden.“ Ich zog den Mülleimer unter der Spüle hervor, griff das moralische Schlampenbuch vom Tisch und warf es hinein. Es schepperte laut.
„Wieder das Radio?“
„Ehrlich gesagt …“ Ich zögerte. „Nein“, sagte ich dann, und wenn ich schon mal beim Ehrlich-Sein war, noch hinterher: „Ich glaube, Sie haben keinen guten Fang mit mir als Versicherte_r bei Ihnen gemacht.“
Frau Märtens sagte nichts.
„Und sind die Sachen von Hannah auch versichert?“ Ich warf einen vorauseilend-zerstörenden Blick auf Hannahs Tasche im Flur, Hannas Schuhe im Flur, Jacke, Mantel, Schirm.
„Hannah? Noch eine Neue von der Frau Märtens?“
„Nee. Der_die Neue bin ich.“
„Apropos.“ Frau Märtens schluckte. „Wir müssten jetzt noch–“
Ich unterbrach. „Wirklich keine Hannah in Ihrem System? Als Partnerin von Frau Heinz?“
„Nein.“
Das befriedigte mich. Auf einmal war ich ganz ruhig. Nur ich war in der Versicherung, ich! Und das hieß doch eindeutig: So neu ich auch war, und so sehr Kira das mit Hannah tat, was sie eben so tat, am Küchentisch bei Sonnenuntergang, grad draußen im Garten, war ich die Eine. Ich! Die besondere, spezielle Person; auf Dauer angelegt zudem. Ich, und nicht Hannah.
„Hannah“, sagte ich. „Die ist wohl echt nicht weiter wichtig.“
„Dann ist sie Partnerin zweiten Grades? Da hätten wir auch ein Angebot!“ Frau Märtens lebte hörbar auf.
„Nein, danke.“
„Auch nicht Partner_in dritten Grades? Vierten Grades? Ist momentan im Sonder–“
„Nein!“
„Nun gut.“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme. „Dann zurück zu Ihnen. Einen Moment!“ Erneut raschelte Papier. „Ich muss eines der alten Formulare benutzen. Die neuen sind noch nicht da. Wir kommen hier kaum hinterher mit all diesen Beziehungsformen. Primärpartner oder -partnerin oder geschlechtsneutral“, las sie vor. „Sekundärpartner oder -partnerin oder geschlechtsneutral. Nebenpartner oder -partnerin oder geschlechtsneutral ersten Grades, Nebenpartner oder -partnerin zweiten Grades–“
Mir wurde schwindlig. „Das reicht.“ Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hier gibt es doch nur eine Person für Ihre Versicherung: mich!“
„Sie“, sagte Frau Märtens.
„Hat Ihnen das Frau Heinz nicht geschrieben?“
„Doch, schon.“
„Na, dann los! Tragen Sie mich ein: Primärpartner_in. Ersten Grades. Eindeutig!“
„Und diese Hannah?“
Ich schickte eisiges Schweigen durch die Leitung.
Frau Märtens hörte sich das Schweigen einige Sekunden lang an. Dann seufzte sie. „Ich muss jetzt trotzdem darauf hinweisen: In der erweiterten Hausratversicherung können Sie nur ein Mal im Monat den Status wechseln, von primär zu sekundär zu tertiär, und zurück. Frau Heinz hat nur den einfachen Poly-Tarif.“
„Ein Mal im Monat!“ Ich schnaufte.
„Ein Mal die Woche hätten wir auch. Den Schnellwechseltarif, für agile-“
„Nichts da“, unterbrach ich. „Ein Mal die Woche!“ Ich verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf, sah es gespiegelt in den Bruchstücken der Fensterscheibe, die noch im Rahmen hingen. Kira und Hannah sah ich nicht; keine Ahnung, wo sie waren. Vielleicht auf dem Heuboden jetzt, aber plötzlich war’s mir egal. Wirklich egal. „Ich bin und bleibe primär. Die wichtigste Person. Wir brauchen keine Wechseltarife.“
„Also gut. Lassen wir das.“ Frau Märtens seufzte. „Aber immer schön melden, wenn sich doch etwas ändert.“
„Da ändert sich nichts.“
Einen Moment schwieg Frau Märtens. „Sie haben noch nicht allzu viel Poly-Erfahrung, oder?“, fragte sie dann. „Habe ich recht?“
Ich schwieg auch einen Moment. „Ich hab ein Buch gelesen“, sagte ich schließlich.
Frau Märtens lachte auf. „Wissen Sie was? Ich glaube, Sie schaffen das schon. Nur nicht übertreiben mit dem Geschirr!“
Ich wurde rot, ich konnte es spüren. „Okay.“
„Okay“, sagte auch sie. „Übrigens, wissen Sie: Sie können auch anrufen hier, mit Fragen. Bei mir.“
„Okay“, sagte ich wieder und wurde noch röter. „Mach ich vielleicht auch.“
„Gut. Ich heiß übrigens Tina. Tina Märtens.“ Sie wartete kurz. „Na dann“, sagte sie schließlich. „Machen Sie’s gut.“ Und dann sagte sie noch, genuschelt wieder, wie zu sich selbst: „Einfacher ist das jetzt alles aber nicht wirklich geworden. Meine Güte!“
„Doch“, sagte ich. „Viel, viel einfacher sogar. Danke.“
Und dann legten wir auf, ich schmiss noch drei Teller, fegte die Scherben zusammen, pulte das Restglas aus dem Rahmen, rief einen Glaser an, und machte mich dann ans Abendbrot, rechtzeitig für den Sonnenuntergang. Zu dritt. In einer Reihe. Hannah, Kira und ich; Primärwut inklusive, aber erst mal gedrosselt durch Tellerwurf. Eifersucht gelenkt.

 


 

„Primärwut“ in der Anthologie „Wortrandale“:

Link zur Anthologie

 


 

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