Das Problem: Frauen putzen noch immer mehr als Männer im (Hetero-)Haushalt; unbezahlt, unbedankt – so kann es nicht weitergehen!

Staubsauger auf einem Teppich

Die Lösung:

PRÜ.de

„Ah!“ Ich zieh Luft ein durch die Nase. „Ah!“, mach ich gleich noch mal.
Johannes schaut mich irritiert an.
Das ist mir egal. Erstens bin ich hier der Chef, Johannes nur der Azubi, und zweitens kann ich gar nicht anders bei diesen Düften.
Ist das Orange? „Ah!“
Grapefruit? „Aah!“
Zitrone? „Aaah!“
„Herbert?“
Eine Mischung ist es: Orange-Zitrone; dazu etwas Essig. „Aaaah!“
„Herbert?“, fragt Johannes noch mal.
„Was?“
„Alles in Ordnung mit dir?“
„Klar.“ Klar ist alles in Ordnung mit mir. Immer ist alles in Ordnung mit mir, sobald Orange-Zitrone-eine-Mischung-etwas-Essig meine Nase erreicht. Sonst ist wenig in Ordnung in meinem Leben – Knochen zu alt, Stadt zu kalt –, aber sobald dieser Duft… „Ooh!“, stöhne ich erneut.
Jetzt wird es Johannes doch etwas komisch. Er tritt zur Seite, scharrt mit den Schuhen im Schnee. Schnee ist selten geworden; so selten, dass es der erste sein dürfte, den er erlebt mit seinen gerade mal siebzehn Jahren. Trotzdem fokussiert er sich nicht darauf, sondern auf meine „Ahs!“ und „Ohs!“, schaut jetzt wieder zu mir.
„Johannes!“, sag ich und nicke ihm zu. „Kapitel sieben. Gelesen?“
Er nickt zurück.
„Dann los.“
Er schließt kurz die Augen, konzentriert sich. „Kapitel sieben“, sagt er dann. „Ich zitiere.“ Und schon legt er los, zitiert tatsächlich, Wort für Wort, was in Kapitel sieben des Ausbildungshandbuches steht: PRÜ.de, dass wir dieses System, diesen Fortschritt, Ende des Patriarchats, Unterdrückung der Frauen an Heim und Herd, und auch unsere Jobs der Kanzlerin zu verdanken haben, die mit ihrer letzten Amtshandlung damals…
„Hmm“, mach ich zustimmend immer mal wieder zwischendurch.
Johannes wird rot, freut sich über das Lob, so knapp es auch ist. Er ist ein guter Azubi. Er lernt nicht nur das Handbuch auswendig, Wort für Wort, jeden Tag ein Kapitel; er geht auch in Märkte, Rossmann, dm, Supermärkte; alle Märkte, wo Orange-Zitrone-eine-Mischung in den Regalen steht. Er geht und steht, dreht Verschlüsse auf und schnuppert am Inhalt – Meister Proper, domol, CLEANmaxx, Frosch, Dr. Beckmann, Somat, Pril und Co. – wie andere an Chanel N° 5.
Fußbodenwisch mit Orange, Badputz-Limette, Küchenschrubb Grapefruit. Backofenreiniger. WC-Duftstein im Dreierpack. Chlor, Bleiche, Essigessenz; Zitronensäure, Spiritus. Ammoniak. Backpulver, Soda. Oma’s Geheimrezepte gegen Schmutz.
Alles beschnuppert er und berichtet mir dann mit großen, glänzenden Augen davon.
Und wieso, denke ich, stöhnt er dann nicht, wenn dieser Duft hier in echt in seine Nase dringt? Hier im Hinterhof, Wilmersdorf, nach zwei Stunden Jagd nach dem Duft auf den Straßen? Duft nicht aus einer Flasche, sondern aus einem Fenster, aus einer Wohnung? Aus einer Wohnung mit Menschen darin, die ihre Hände grad in Fußbodenwisch Orange tauchen? Ihre putzenden Hände?
„Ah!“, stöhn ich schon wieder, unwillkürlich, sehr laut. „Ooh!“ Ich kann nicht anders als stöhnen. So lange her ist es nun schon, dass ich so einen Menschen in echt sah. Einen putzenden Menschen.
Eine putzende Frau, genauer gesagt.
Ich weiß es noch ganz genau: Im Oktober war das, 2019. Da gab’s das Gesetz noch nicht mal einen Monat und schon waren sie alle verschwunden, die putzenden Frauen; so, als hätte es nie welche gegeben. Zu hoch waren die Strafen, zu treffsicher Kontrollen.
PRÜ.de-Kontrollen. Unsere Kontrollen.
PRÜ.de. war ein Geniestreich der Kanzlerin; anders kann man das gar nicht sagen. Mit PRÜ.de klappte es in Nullkommanichts, das mit den putzenden Frauen. Sie zu erwischen, sie zu bestrafen. Die Männer bestrafen vielmehr, Ehe- und sonstige, die nicht selbst am Spülbecken standen, die Staubsauger schwangen oder Lappen in Putzeimer tauchten, sie rausfischten, auswrangen, sich runterbeugten zum Schrubber, den Lappen befestigten, oder ganz auf Schrubber verzichten und – Ah! Oh! – auf den Knien liegend putzen, Lappen in Hand und die Hand bewegt sich, hin und her, wischt den Boden, hin und her, und der Po ist hoch in die Luft gestreckt… Ah! Ooh! Eine putzende Frau!
Ich merk kaum, dass Johannes fertig ist mit seiner Rezitation von Kapitel sieben, so lebhaft seh ich sie wieder vor mir: meine letzte putzende Frau. Hätt ich gewusst, dass es die letzte ist, die letzte für eine sehr, sehr, sehr lange Zeit, hätt ich… Ich weiß nicht. Photos gemacht. Ja, Photos scheint mir eine gute Idee. So ein Photo von einer putzenden Frau… Oder ein Video gar!
Ich stöhne schon wieder, und in meiner Hose regt sich was. Steif. Kein Wunder: Zwölf Jahre Abstinenz nun schon von putzenden Frauen. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich den Anblick mochte, bis er eben nicht mehr verfügbar war. Nirgendwo, nie, so sehr ich auch suchte. Und suchen tat ich ja an vorderster Front. PRÜ.de.
„In Kapitel acht hab ich auch schon reingelesen“, sagt Johannes. „Soll ich?“
„Nee, lass mal“, sag ich. „Wir sollten jetzt“, ich weis auf die zwei einzigen offenen Fenster im Hof, eins im 4. OG, Seitenflügel rechts, eins im 2. OG, Seitenflügel links, „dem Putzduft nachgehen. Woher kommt’s?“
Johannes zeigt auf das Fenster im 4. OG. „Meister Proper, vermute ich. Die haben da so ein neues Produkt.“ Und schon erklärt er mir, wie das duftet, dieses neue Produkt. Orange-Zitrone-ein-Spritzer-Essig.
Und dann stöhnt er, ganz leise.
„Johannes?“
Er zuckt zusammen, wird rot, winkt ab. „Ach, nichts“, sagt er und räuspert sich.
Ich schau ihn an, überlege, ob ich nachhaken soll, ihn fragen, ob er aus demselben Grund stöhnt wie ich – noch einmal schießt mir Elisa durch den Kopf, meine letzte putzende Frau, 24.10.2019, 18.17 Uhr; sie auf den Knien im Bad, ein schwarz-weiß gekacheltes Bad, ein riesiges Bad, und sie mittendrin, von Kachel zu Kachel gleitend, die Hand hin und her, hin und her, Oh, Ah! –, lass es dann aber sein.
„Komm“, sag ich stattdessen und ziehe den Schlüsselbund aus der Tasche. So ein riesiges Ding ist das, wie es früher nur die Müllabfuhr hatte. Jetzt hat es auch PRÜ.de. Wir. Johannes und ich und zweieinhalbtausend weitere Mitarbeiter*innen allein hier in Berlin, die meisten direkt übernommen vom Ordnungsamt, Abteilung „PRÜ“. Parkraumüberwachung, ohne „.de“ am Ende. Parkräume gab es nicht mehr zu überwachen, ebenfalls seit 2019. Da hatte die Kanzlerin gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
„Von Park zu Putz!“, hatte sie in ihrer im Internet in Rekordzeit zum Kult gewordenen und millionenfach geklickten Rede erklärt, die Rede zur PRÜ.de-Gesetzeseinführung. „Meine Herren: Frauen putzen noch immer viel mehr als Sie im Haushalt!“, hatte sie losgelegt, keine Sekunde verschwendet, und die anwesenden Herren gemustert, mit diesem typischen Blick: Eine winzige Millisekunde nur ruhten ihre Augen auf ihrem jeweiligen Gegenüber, doch damit war dieser bereits haushoch besiegt. „Heute, hier, jetzt, sage ich! Wir müssen dem Einhalt gebieten.“
„Aber natürlich!“, hatten einige Herren beschwichtigt; die, die sie noch nicht angeschaut hatte. „Das werden wir tun. Natürlich. Doch zuerst–“
„Zuerst“, hatte die Kanzlerin unterbrochen und weitere eisige Blicke geschickt, in zwanzig Richtungen zugleich. Damals saßen noch recht viele Herren im Bundestag. „Zuerst, sage ich, hier, heute jetzt: Von Park zu Putz. Von Parkraumüberwachung zur Putzraumüberwachung! Autos raus aus den Städten und putzende Frauen gleich mit! Park zu Putz! Auf geht’s!“
Ich seufze. „Von Park zu Putz!“ Was hatten wir alle gelacht – kein bisschen ernst hatten wir das genommen, weder die Kanzlerin noch ihre Idee. Kein bisschen! Doch dann… Bis ins kleinste Detail hatte sie alles bedacht. Keine Schlupflöcher gelassen in ihrem Gesetz, ergo keine Chance mehr auf putzende Frauen. Nie und nimmer mehr eine putzende Frau!
Aber wer weiß, denke ich, vielleicht dieses Mal doch? Vielleicht dieses Mal doch erwische ich eine, eine Familie, ein Paar, wo die Frau noch putzt, die unvorsichtig ist, beim Putzen das Fenster offen stehen lässt, nicht bedenkt, dass der Putzduft uns anlockt. Uns, das Team von PRÜ.de, ausgebildete und auszubildende Schnüffelnasen, in Super- und sonstigen Märkten an Flaschen trainierend, täglich auf den Berliner Straßen unterwegs.
Doch so unvorsichtig ist heutzutage niemand mehr.
Wirklich nicht?, denke ich und seufze erneut. Ich weigere mich einfach, das zu glauben. Eines Tages muss ich doch auch mal Glück haben! Nur eine klitzekleine Minute will ich ja nur! Ach, was sag ich: nur eine Sekunde! Einen sekundenlangen Blick erhaschen auf weibliche Hände im Dreck, Besen-haltende Langnägelfinger, Lappen-wringende Weichhautgelenke; putzende Frauen. Schon längst müsste es nicht mehr die auf Kacheln kniende Dame sein, Po in die Höhe gereckt; schon längst würde mir reichen… Ach, überhaupt eine Dame würde mir reichen, mit irgendwas in der Hand, das nach Putzen aussieht. Immer nur Männer! Einsatz nach Einsatz, Tür nach Tür – immer nur putzende Männer machen mir auf. Keine einzige Dame in zwölf sehr, sehr, sehr langen Jahren.
„Müde?“, fragt Johannes.
„Was? Wieso?“
„Du seufzt so viel.“
„Ach.“ Ich zuck mit den Schultern. „Hat nichts zu sagen.“
Johannes nickt, schaut mich nachdenklich an. „Sag mal, Herbert“, sagt er, aber da sind wir schon im vierten OG.
Ich lege einen Finger auf die Lippen, ein Ohr an die Tür. Einen Staubsauger höre ich. Einen recht lauten. Oder sind das gar zwei? Zwei Sauger auf einmal? Auf Parallelputzen von Mann und Frau steht auch eine Strafe, eine geringere zwar, aber doch. Und Parallelputzen bedeutet… Putzende Frau!
„Zur Seite!“, zische ich Johannes an. Er zuckt zusammen. Ich habe ihn noch nie angezischt, aber wir sind ja auch erst sieben Tagen zusammen. Sieben Tage, sieben Kapitel im Handbuch. Erst im zehnten Kapitel steht, wie zu verfahren ist, wenn uns die Tür nicht aufgemacht wird auf unser Klingeln hin. Dreißig Sekunden. Nach dreißig Sekunden dürfen wir rammen; rammen, treten, einschlagen, Methode egal; Hauptsache, wir kommen hinein in den verdächtigen Raum. „Zur Seite!“
„Bin ja schon weg“, flüstert Johannes. Er ist etwas bleich um die Nase.
„Gut.“ Ich zähle; zähle schon, bevor ich klingele. „Dreißig, neunundzwanzig, acht, sieben, sechs.“ Jetzt klingele ich. „Fünf, vier, drei, zwei, eins. Los!“
„Du musst noch…“, stottert Johannes, zählt dann für mich weiter. „Neunzehn, achtzehn, sieb–“
„Quatsch!“, sag ich. „Zur Seite! Ich ramme!“ Und dann ramme ich auch: meine Schulter gegen die Tür, noch mal und noch mal, und als Johannes bei elf angelangt ist, schwingt die Tür auf.
Sie gibt den Blick frei auf einen riesigen Raum, mit weißem Plüschteppich ausgelegt. Und den Blick auf fünf Frauen. Fünf! Ich reib mir die Augen. Fünf! Aber es bleibt dabei: fünf.
Und nicht nur das: Die fünf Frauen haben je einen Staubsauger in der Hand. Zwei davon laufen, die anderen drei dienen der Dekoration. Ja, Dekoration, Animation, denn so wie diese Frauen die Staubsauger halten, die Rohre; so wie diese Frauen an den Staubsaugerrohren auf und ab gleiten mit ihren Händen, auf und ab…
„Oh!“, stöhne ich und neben mir auch Johannes. „Oh! Aah!“
Das Staubsaugergeräusch erstirbt.
Um so lauter ist unser Stöhnen zu hören, meins und Johannes‘, und hatte ich vorher noch Zweifel, ob Johannes aus demselben Grund bei PRÜ.de ist wie ich, hab ich jetzt keine mehr. Auch er auf der Jagd nach putzenden Frauen. Auch er. Eigentlich gibt es ja Screenings, einen Einstellungstest, auch für Azubis. Nur Feminist*innen sind bei PRÜ.de willkommen, „Feminist*innen“ definiert als Menschen, denen keiner abgeht beim Anblick von putzenden Frauen; etwas fehlerhaft.
Aber mir geht jetzt einer ab, und Johannes auch. Ihm schneller als mir; das ist die Jugend. Bevor das letzte Heulen der Staubsauger verstummt, stöhnt er noch mal, ganz laut, und kommt.
„Ich komme!“, wimmert er dazu. „Ich komme!“
Auch das ist die Jugend – ich habe früher ebenfalls stets „Ich komme“ gerufen, wenn ich dann kam. Jetzt ruf ich das nicht mehr; jetzt komme ich eher still.
Still bis auf das Stöhnen.
„Ah!“, stöhne ich und komme direkt in der Hose, ohne mich auch nur berühren zu müssen dafür. Zu sehr wundert mich das nicht. Zwölf Jahre Abstinenz vom Anblick putzender Frauen! Zwölf Jahre – da kann sich schon ein gewisser Druck aufbauen. Zwölf, ah!
„Ah!“, entfährt es mir noch mal, ein letztes „Ah!“, ein allerletztes. „Aah!“
Dann bin ich still.
Johannes auch.
Und dann stehen wir da, schauen uns an, quer über den weißen Plüschteppich hinweg: zwei Männer mit klebriger Hose, fünf Frauen mit Staubsaugerrohren.
Die Frauen brechen die Stille.
„Hast du auch das im Kasten?“, fragt eine von ihnen, und erst als sie den Kopf dreht, ganz weit nach links, hin zu einer Einbuchtung im Raum, sehe ich, dass in dieser Einbuchtung weitere Frauen stehen, ebenfalls fünf.
„Yo“, sagt eine von ihnen und grinst. Sie klopft auf die Kamera vor sich auf einem Stativ.
Neben ihr steht eine zweite Frau mit Kamera, und auch sie grinst und nickt. Ebenso eine dritte, offenbar für die Beleuchtung zuständig: Sie hält zwei Fernbedienungen in der Hand, zielt damit auf die Scheinwerfer an der Decke, dimmt nun das Licht.
„Das Stöhnen müssten wir aber noch mal“, sagt eine vierte. „Ich war zu weit weg.“ Sie schwenkt den Tonarm, ein flauschiges Mikro an einem langen Stab. „Dieses ‚Ah, Aah!‛“ Ziemlich gekonnt macht sie mein Stöhnen nach, schaut mich an dabei, zwinkert mir plötzlich zu. „‚Ah!‛“
„Ja“, sag ich. „Ja.“ Und dann sag ich noch mal: „Ja!“, dann „Gerne!“, dann „Ja! Gerne! Oh ja! Oh ja! Ja, ganz unbedingt! Oh, ah!“, denn jetzt hab ich kapiert: Hier wird gedreht. Putzporno. Putzende Frauen.
Johannes hat noch nicht kapiert; die Jugend kommt zwar schneller, kapiert aber langsamer. „Wie jetzt? Was?“, fragt er.
„Mach erst mal zu.“ Ich weis auf die Tür, die ich vor ein paar Minuten erst ganz heldenhaft mit der Schulter eingerammt hab. Das tut mir jetzt leid – Putzporno-Drehs brauchen keine neugierigen Nachbar*innen, keine Einblicke vom Treppenhaus aus. „Mach schon! Das Ding irgendwie zu.“
„Ja“, sagt Johannes und macht sich ans Werk, hat es auch bald geschafft, uns alle wieder vor Blicken zu schützen. Er denkt sogar mit. „Und das Fenster?“, fragt er. „Nicht, dass noch wer von PRÜ.de das riecht!“
„Wir sind die einzigen heute im Kiez“, beruhige ich ihn. Ich habe alle PRÜ.de-Schichten im Kopf: Wer wo wann welche Straßen beschnuppert, um putzende Menschen zu finden und sie auf ihr Geschlecht hin zu überprüfen. Ich bin nicht umsonst schon seit Jahren bei PRÜ.de dabei; ich weiß Bescheid. „Trotzdem. Hast recht. Ein offen stehendes Fenster beim Dreh–“ Ich schaue die Putzporno-Ladies reihum an, schüttele den Kopf. „Keine gute Idee.“
„Nein“, stimmt die Staubsaugerreihe zu.
„Doch“, sagen die anderen fünf, die zwei Kamerafrauen, die mit dem Licht, die mit dem Ton, und dann noch die fünfte, die einzige, die nichts in der Hand hält, kein Mikro, kein Kabel, nichts. Die Regisseurin, vermute ich.
„Zwar ein Versehen“, sagt sie, „aber eins, das sich lohnte. Dennoch: Schließt das mal bitte!“
Eine der Staubsaugerdamen lässt ihr Saugerrohr los, geht aus dem Zimmer, hinein in ein zweites. Durch die Tür hindurch seh ich Totalkontrast zum flauschig-weißen, ganz sauberen Teppich. Eine Küche, und in ihr stapelt sich Dreck: eine Spüle voller Töpfe und Pfannen, ein überquellender Mülleimer, der Boden um den Eimer herum so verkrustet, dass es bestimmt Putzen auf Knien braucht, um diesem Schmutz beizukommen.
Ich stöhne, „Oh, ah!“
„Aha“, sagt die Regisseurin und nickt erfreut.
Auch die Tonfrau hat ein Lächeln auf dem Gesicht, kommt auf mich zu, schiebt mir das Mikro direkt vor den Mund. „Bitte noch mal.“
„Ja“, sag ich mit Blick auf die Küche. „Oh! Ah! Darf ich da rein?“ Ich zeig auf die Tür. „Und falls eine der Damen hier“, ich nicke den Staubsauger-Ladies zu, „sich jetzt vielleicht… Also, nur ganz vielleicht… Eventuell bitte auf die Knie begeben würde… Oh, ah!“ Ich atme auf einmal ganz schwer, allein bei der Vorstellung davon. „Und da etwas putzen? Egal was? Ooh! Ganz viel Stöhnen würdet ihr da von mir bekommen! Aah!“
„Aber gerne doch“, sagt eine der Damen.
Ich folge ihr in die Küche.
Oder folgt sie mir?
So ganz genau lässt sich das nicht mehr sagen; mein Hirn ist vernebelt, in anderen Sphären. Und als dann noch dieser Duft in meine Nase dringt, Orange-Zitrone, eine Mischung, Spritzer Essig, und als ich die Flasche sehe, die neben dem Putzeimer steht – Meister Proper fürwahr, Johannes hatte recht –, und dann diese Hände seh, Frauenhände, manikürt, langgliedrig, fein, gepflegt, wie sie die Flasche aufdrehen, den Inhalt in den Eimer spritzen – da spritze ich auch. Schon wieder, noch mal.
„Oh, ah! Aah!“
„Ein Glücksgriff“, höre ich die Regisseurin der Tonfrau zuflüstern. Oder der Kamerafrau? Werde ich jetzt auch gefilmt? Das könnte mich meine Karriere kosten, meinen PRÜ.de-Arbeitsplatz!
Mir läuft es kalt den Rücken herunter, ich denke an die Miete, vor einem Monat erneut erhöht, sehe meinen Budgetplan vor mir, Einnahmen, Ausgaben, denke dann aber: Ach, egal; vorhin wurde ich auch schon gefilmt, als wir reinkamen, Johannes und ich, und wollt ich nicht schon immer mal Pornostar sein? Auf jeden! Denn wenn Pornostar-Sein bedeutet, ich kann den ganzen Tag lang stöhnen und spritzen… Habe ich nicht deshalb so treu PRÜ.de gedient, Frauen gejagt, den ganzen Tag; putzende Frauen? Und hier sind sie nun, und ich mittendrin.
Johannes auch. Mittendrin.
„Ich komme!“, höre ich ihn, ein Mal, zwei Mal, ein drittes Mal, später dann auch ein viertes Mal – ach, die Jugend! – und am nächsten Tag wieder. Am übernächsten Tag auch, am Tag danach. Die Woche danach, den Monat danach, und bald ist es ein Jahr, dass Johannes und ich auf der Suche waren nach putzenden Frauen, im Hinterhof in Wilmersdorf, und fündig wurden im vierten OG.
Ah, oh, aah!
„Auf uns!“, stoßen wir an, Johannes und ich und das Frauenteam, erweitert um noch mal fünf Mitwirkende, und dann noch mal fünf. Unsere Pornos sind ein Riesenerfolg. Männer wollen nun mal auch sich sehen in Filmen; da kamen Johannes und ich gerade recht. Denn vor uns hatte das Team keine Männer für ihre Shootings.
„Wieso denn nicht?“, frage ich, als wir die zehnte Flasche Champagner köpfen, dabei auf das Thema zu sprechen kommen. „Es gibt doch Millionen, die endlich mal wieder putzende Frauen sehen–“
„Schon“, unterbricht Melli Hoover, eine der Staubsaugerdamen vom ersten Tag. „Sonst hätten wir ja keinen Markt. Nur…“ Sie zögert.
„Sag schon.“
„Na ja. Die Reputation.“
„Stigma.“
„Verachtung.“
„‚Pah, du machst Sexarbeit? Wie kannst du nur?‛“
„‚Widerlich! Du Arme!‛“
„‚Zwang!‛“
„‚Demut!‛“
„‚Folter!‛“
„‚Selbsthass!‛“
„‚Gewalt!‛“
„So reden die Leute.“
Auf einmal prasseln sie auf mich ein, die Vorurteile, die Kämpfe, die Krämpfe, die die Porno-Damen auszuhalten haben. Jeden Tag. Und das nicht nur, wenn jemand weiß, dass sie Sexarbeiter*innen sind, sondern auch so. In den Medien, in Gesprächen, eigenen, mit Freund*innen, Bekannten, fremden belauschten. Betitelt als Hure und Schlampe, doch kaum jemals als Kompliment gemeint. Stattdessen Schimpfwort.
„Langer Weg noch, was?“, sage ich und hebe mein Glas.
„Ja“, sagen sie und nicken. Alle von ihnen. „Langer Weg.“
Manche schauen kämpferisch drein dabei – Missy Proper, Muschi Musch und Glorya Hole –, andere etwas erschöpft – Dusty Floors, Molly Wisch-Mops, Liesel Feudel –, dritte wiederum hoffnungsvoll: Omo Mopp, Raina Wedel und Chloe Brille zum Beispiel. Langer Weg noch, ja.
Am hoffnungsvollsten schaut Meta Helene Schruppner, die Regisseurin. Ich glaube, ihr Name ist der einzige echte hier; jedenfalls habe ich ihn schon auf Formularen gesehen.
Ich liefere mittlerweile nicht nur den Soundtrack für die Pornos, die wir zusammen drehen – Ah! Oh! Aah, aah ooh!; auch mein altes „Ich komme!“ hab ich reaktiviert, inspiriert von Johannes –; ich liefere auch meine Expertise in Buchhaltung & Co. Das hab ich vor meinem Job bei PRÜ.de gemacht, jahrelang; jetzt mach ich es wieder. Auch bei Pornos geht’s schließlich um Geld. Melli, Missy, Muschi, Glorya, Dusty, Molly, Liesel, Omo, Raina, Chloe und Meta wollen von etwas leben. Ich helfe dabei, und das ist fast das beste daran, denn in so einem tollen Team war ich noch nie. Nicht bei PRÜ.de, nicht im Buchhalterbüro davor; nie.
Mein Team jetzt: „Dusty Nipples Productions GmbH“. Echt zu empfehlen, muss ich mal sagen. Die Filme, alle von ihnen. Putzende Frauen! Ah! Oh! Aaah!
Ich komme.
Noch mal und noch mal.
Aaah. Oooh. Aaaaah!
„Ich komme.“ Ich komme.
Und du?


 

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