Das Problem: Die Heteros. Wie sie so knutschen in Bus und Bahn, auf den Straßen, in der Öffentlichkeit. Knutschen ist schön und gut, so ist es nicht; aber wenn Homos das tun, kriegen sie schnell mal eine aufs Maul. So kann es nicht weitergehen!

SoKo HomoKuschel

Die Lösung:

SoKo HomoKuschel

Als das neue Jobangebot kam, nahm ich es sofort an. Alles war besser, wirklich alles, als immer nur alleine vorm Computer zu sitzen und Zeugs einzutippen. Alles war besser. Sogar homosexuell sein.
Was ich schon alles überlegt hab zu werden: 1,50-€-Jobber, Fahrscheinkontrolleur, Ordnungsämtler für Parkraumüberwachung, Putzraumüberwachung – Hauptsache nicht stillsitzen den ganzen Tag, Hauptsache Leute um mich herum. Fahrschullehrer, Stöckelscheindealer, Kneipenwirt. Demobegleiter. Putzfrau sogar – das wär dann in Drag.
„Drag“. Mittlerweile weiß ich, was das ist. Wir hatten ’ne ordentliche Schulung für unsere SoKo. Wenn die schon „HomoKuschel“ heißt, muss ich schließlich wissen, mit wem Homos so kuscheln. Miteinander – klar. Aber auch mit „Trans“ und „Drag“.
„Trans“ und „Drag“ – soll ich das mal erklären?
Also: „Trans“ ist, wenn unten ein Penis hängt, im Hirn aber ’ne Frau das Sagen hat. Oder umgekehrt: Unten Vulva, oben Kerl. Das als Ausgangspunkt. Und weil oben mit unten übereinstimmen soll, oder eher: unten mit oben, tun die Trans-Leute dann was: Transition. Das ist so ’ne Art Transport, daher kennt man das Wort ja schon, das „Trans“. Heißt übrigens „über, hinüber, hindurch, jenseits, über – hin“, von Latein; die haben uns richtig gebildet da bei der SoKo-Schulung, meine Fresse! Transport also, von unten Version A zu Version B. Oder umgekehrt, je nachdem; auf jeden Fall rüber; und manche machen das auch nicht; die bleiben unten bei A, passen aber Außen an B an, so dass man keine Ahnung hat, bis man sie auszieht, die Trans-Leute, dass unten eben noch A.
Kapiert?
Ich find das voll einfach zu kapieren. Weil: Stell dir mal vor, du hast ’nen ganz kleinen Schwanz und aber ’n Bild von dir im Kopf mit ganz großem. Da willste den großen ja auch haben, oder nicht? Sonst haste jeden Tag das Problem, dass da was nicht stimmt mit dir. Schwanz zu klein! Jeden Tag, weil jeden Tag gehst du ja aufs Klo, hast das Ding in der Hand, schaust es an, oder wohl eher nicht, weil es so scheiße ist, dass der nicht so ist, wie du ihn willst. Und dann gehste halt Krankenhaus, lässt dir dein Teil verlängern, und zack: Schon magste dich wieder! So ist das mit Trans. Kann ich voll kapieren; ich wusste nur nicht allzu viel davon vor der SoKo-Schulung.
Die Schulung war übrigens geil. Ich mein jetzt: Geil. Also, so was das Wort halt wirklich bedeutet. Sexy und so, hab voll ’nen Ständer gekriegt. Und nicht nur ich, da bin ich mir sicher, aber ganz genau weiß ich das nicht, weil die Schulung war online. Die geilen Teile zumindest; ich glaub, die wollten uns Privatsphäre geben, falls da eben das Schwänzchen zum Superschwanz wird.
Bei meinem hat’s etwas gedauert. Oder eher: Bei den Lesbenpornos ging das voll schnell, beim ersten. Das war so einer mit Lesben, die gar nicht wie Lesben aussahen, und das mag ich am liebsten. Weil … Na ja, weil ich mir dann vorstellen kann, sie sind keine, und ich komm gleich dazu. Oder ich überzeug sie mit meiner Potenz, verstehste? Und dann aber haben sie andere gezeigt – und so richtig kapier ich nicht, wozu Porno überhaupt gut sein soll, wenn’s doch nur um Kuscheln geht am Ende, Händchen halten und so, Küsschen und Mund und Zunge und fummeln ein bisschen, wie man sich halt so küsst und befummelt unterwegs – aber egal, sie haben Pornos gezeigt auf dem Portal.
Zuerst dachte ich, die haben mir den falschen Link zur Schulung geschickt, ist ja logisch. Ich mein: Pornos gucken als Weiterbildung? Meine Fresse! Und was für welche das waren! Plötzlich waren sie weg, die Lesben, die nicht wie Lesben aussahen, stattdessen gab’s dann welche mit kurzem Haar und Statur. Mit Dildos umgeschnallt, und ich muss mal sagen: Das hat mich auch angemacht. Ich hab da ja mal so ’nen Workshop gemacht, Analmassage. Ist lange her, und war nicht meine Idee, da teilzunehmen, und … Ach, lange Geschichte; Kurzversion ist: Ich mag’s anal seitdem. Aber ich sag’s jetzt mal gleich: Das macht mich noch lange nicht schwul – nicht so, wie du denkst.
Schwulenpornos gab’s dann übrigens auch. Und fast wär ich da ausgestiegen aus dem Programm, als das im Kursleitfaden stand, dass das als Nächstes drankam. Aber mit so Online-Kursen überwachen die, ob die du wirklich belegst, alle Module. Die sehen, wann du eingeloggt bist, und wie lange, und am Ende gibt’s ein paar Fragen als Test. Klar können sie nicht sehen, ob du auch hinschaust, wenn du eingeloggt bist. Aber das mit den Fragen hat mich dann doch bei der Stange gehalten. Weil die Fragen am Ende vom Lesbenporno waren voll schwer. Oder eher: Ich hätt die ohne die Pornos und das begleitende Schulungsmaterial nicht beantworten können. Wie so ’ne Klitoris aussieht, wollten die zum Beispiel wissen. (Antwort: Kleiderbügel. Echt. Googele das mal, so ’ne Zeichnung von ’ner Clit. Voll der Kleiderbügel, von der Form jetzt her. Und groß! Von wegen nur Perle, sonst nichts. Voll viel gibt’s da: Schaft und Schenkel und Prostata gleich nebendran. Und das hatte ich vorher nun echt nicht gewusst, dass auch Mädels ’ne Prostata haben. Ich mein, ich wusste ja noch nicht mal groß was über meine eigene, die in meinem Arsch, vor dem Anal-Workshop. Aber dann wusste ich’s doch, und ich erklär’s auch dir gleich: Die ist nicht wirklich im Arsch, deine Prostata, obwohl ganz nah am Darm, aber eher an der Harnröhre dran, so drumrum, oben Blase, unten Schwanz, hinten Darm, so ungefähr. Und bei Mädels ist die auch da so ungefähr, nur Mädels haben den Vorteil, dass sie auch von vorne rankommen an die, durch ihre Vulva, ihre Vagina, und das ist eigentlich unfair, wenn man da mal drüber nachdenkt, weil das ist doch voll praktisch beim Sex. Und dann kommen sie doller, die Mädels. Und spritzen so rum.)
Oh Mann, ich schweif ab. Aber da sieht man’s mal: Das war ’n echt geiler Kurs. Geil, sag ich, sogar die Schwulenpornos dann. Ja: Ich hab die geschaut. Alle von denen, mehrmals sogar. Und ich weiß nicht, ob’s für mehrmals schauen extra Punkte gab oder was, oder ob ich wirklich wirklich gut war im Kurs, jedenfalls hab ich mit „Ausgezeichnet“ bestanden.
Oh, fällt mir grad ein: Ich hab noch gar nicht „Drag“ erklärt. Das war auch im Kurs drin, dass manche Leute eben so was machen und auch dafür auf die Schnauze bekommen, nicht nur für Kuscheln und Homo-Sein. Hör mal: „Drag“ ist ganz einfach, weil Dragqueens hat ja nun echt jede*r schon mal gesehen. Also Männer, die als Frauen auftreten. Sich so anziehen, dann aber auch wieder aus-; nix OP von wegen A und B angleichen. Und Frauen tun das auch: ziehen sich wie Männer an. Echt krass! Die haben ein paar gezeigt, da wär ich nie drauf gekommen. Die hätt ich nie zu ’nem Drink eingeladen, zu mir nach Hause. Ins Bett. Echt, wär ich nie drauf gekommen! Aber jetzt … Ich sag’s dir: Ich lad jetzt grundsätzlich alle immer ein, die mir gefallen, egal, wie sie von außen aussehen. Weil weiß man ja nie, und echt mal: So wichtig ist das nun auch wieder nicht, ob da nun ’ne Vulva vorhanden ist unter der Männerhose oder doch ’n Schwanz oder ’ne Mischung. Echt nicht! Weil alles hat Vorteile, aber die zähl ich jetzt nicht auf, musst du schon selbst mal erkunden. (Obwohl, einer doch: Schwanz kommt an Prostata ran. Hah! Dildos aber auch.)
Apropos erkunden: Das sollten wir dann auch. Als nächstes, nach dem Online-Kurs, in einem Kurs vor Ort. Und erst dachte ich, das wird so ’ne sexuelle Erkundung, als ich das auf dem Tagesplan las, weil ja auch schon unverhofft Pornos geschaut (ich überleg übrigens immer noch, was da der Sinn davon war. Hast du ’ne Idee?), „Heute: Erkundung“. Aber nee; es ging nur drum zu erkunden, wie man sich fühlt, wenn man blöd angeguckt wird.
Blöd angeguckt werden, weil man als Mann mit ’nem Mann Arm in Arm läuft, ist bescheuert. Und noch bescheuerter dann, wenn du siehst, dass neben dir ein anderes Paar sitzt, das auch Arm in Arm kuschelt und sich null Sorgen macht, dass es dafür blöde Sprüche kassieren muss. Weil Hetero-Paar, Mann-Frau. Und das ist ja wohl das Krasseste dran: dass es Leute gibt, die null Ahnung haben, was für ein Privileg sie da eigentlich haben. Die einfach kuscheln und knutschen und Liebesgeflüster teilen und so, und noch nie in ihrem Leben, kein einziges Mal dafür ’ne dicke Lippe riskierten. Die nie im Leben, kein einziges Mal auch nur auf die Idee kämen, dass es da was zu riskieren gäbe, es irgendwen stören könnte, was sie da tun: sich lieben eben, zärtlich sein, verkuschelt, verspielt, in der Öffentlichkeit. Und so sollte es doch auch sein, find ich: dass Liebe für ein Lächeln sorgt, statt für eins aufs Maul. Sollte es!
Tut’s aber nicht. Und daher dann unsere SoKo. Googele das mal, HomoKuschel, dann findeste auch, wie du dich bewerben kannst. Oder wart einfach ab: Wir kommen schon auf dich zu. Garantiert – zumindest, wenn du so eine*r bist, der Homos auch mal gern eine aufs Maul.
Eine aufs Maul habe ich übrigens zwei Mal gekriegt bisher. Das wurde uns auch vorhergesagt und war dann der Punkt, wo noch einige abgesprungen sind, viel Porno im Kurs hin oder her. „Eins aufs Maul kriegt ihr garantiert“, haben die Ausbilder*innen gesagt. „Und hier sind ein paar Handlungsmuster dafür.“ Und dann haben sie erklärt, was man da dann so machen kann, wenn einer kommt mit Faust ausgestreckt Richtung dein Gesicht. Deeskalieren kann man da, sich ducken, entkommen, sich aus Reichweite winden, entfernen. Aha, hab ich gedacht, probier ich vielleicht mal. Und dann aber: nix entfernen bei mir, ducken, deeskalieren. Sondern eine aufs Maul zurück!
Das war jetzt keine von den vorgeschlagenen Handlungsoptionen, aber echt mal: Ich lass mir von niemandem die Fresse polieren. Den Ausbilder*innen hat das gar nicht gefallen, und dann, deshalb … Ach, ich erklär erst mal das Sternchen bei „Ausbilder*innen“, okay?
Also: Das Sternchen ist für die Trans und die Drags – die, was ich vorhin erklärt hab, was und wie die so sind – und für alle anderen, die nicht nur rein Frau und rein Mann sind; für alle, die beides sind oder keins oder ’ne Mischung. Und ich hör dich schon sagen, sofort: Häh? Gibt doch nur Mann und Frau! Und nicht dieser neumodische wie-heißt-das-noch-mal? Genderwahn!
Quatsch Genderwahn!, sag ich da. Aber okay, vielleicht weißt du’s nicht besser, also erklär ich dir auch noch das, und dann weißte doch.
Also, Mann-Frau. Ein Spektrum. Oder vielleicht einfach Varianten. Weil googele mal Aufbau Klitoris endlich, und dazu Aufbau Penis, so im Vergleich, und dann weißt du Bescheid, dass da nicht wirklich groß was verschieden ist bei Mann-Frau. Okay, die Titten dann noch – aber dann wiederum hast du garantiert schon mal Männertitten gesehen. Weil da gibt’s Exemplare … und die dürfen oben ohne rumschwingen ohne Problem. Noch so ’n unfaires Ding! Ja! Und wenn du schon mal am Googeln bist, googele auch gleich „Intersex“. Dann siehst du, dass nicht alle ’ne Gebärmutter haben, die eine haben sollten laut Geburtseintrag, nicht alle ’ne Vulva, nicht alle ’nen Schwanz, die richtigen Hormone, die richtigen XY-Stränge auf DNA, zwei Eier, zwei Hoden, weil Hodensack im Körper verblieben zum Beispiel – krass viel gibt es da! Vielfalt! Googele mal! Und dann komm zu uns.
Voll viele kommen grade zu uns. Das liegt an Polen, an den LGBT-freien Zonen da. Hast du davon schon was gehört? Voll krass auch das, nur anders krass halt: scheiße krass. Weil da erklärt ein Dorf, eine Stadt, eine Region, dass hier keine Schwulen und Lesben willkommen sind; keine Trans, keine Drags, überhaupt keine Leute, die irgendwie anders aussehen und sind, anders als die Norm. Und die Norm: Heterosexuell. Und das deklarieren dann welche da, stellen Schilder auf, posten das rum im Internet, machen’s bekannt, machen’s offiziell, unterstützt von der Politik … Krass, krass, krass! Logisch: Da mussten wir als erstes ran, Teams entsenden, weil ist ja nicht weit, dieses Polen, weil Nachbarland, und Nachbarland heißt: Gleich hinter der Grenze fängt’s an. Gleich hinter der Grenze ist „Polen A“; wir gehen aber tiefer rein, nach „Polen B“. „Polen B“ – so sagen die Pol*innen das jedenfalls – ist das Gebiet, wo sie spinnen, sich zu eben LGBT-freien Zonen erklären; das liegt meist weiter im Osten, so geographisch. „Polen A“ dann der Rest, näher an uns dran, und eben normal.
„Normal“ übrigens, so definier ich jetzt einfach mal, ist aufgeschlossen sein; offen für alles, auch und gerade für das, was die Gesellschaft so „unnormal“ findet. Und das ist ’ne Menge. „Normal“ also ist vieles. Vielfalt. Alles. Diversität. „Diversity is the only norm that matters“ – das hat mal ein*e Fotograf*in gesagt, googele die*den auch mal, der*die hat’s voll drauf. Und auch ein cooles Projekt, „Fuck the norms away“ – das hab ich beim Porno-Gucken gefunden, neue Pornos für den Kurs, obwohl’s jetzt kein Porno ist, sondern einfach was sexpositives. Aber egal; und ich empfehl das hier jetzt erneut: Guck mehr Pornos, echt! Lesben-, Schwulen-, anal wie ich, oder was anderes, völlig egal, nur feministisch sollten sie sein, deine Pornos; feministisch und fair.
Fair-feministische Pornos, sexpositiv – das wär jetzt noch was zum Erklären. Ich hab jetzt aber echt schon voll viel erklärt; ich glaub, ich hab keinen Bock mehr drauf. Muss ich ja auch nicht, denn geht ja auch so: Streng dein Hirn selber mal an!
Oder, nee, eins erklär ich jetzt doch noch, bzw. ich sag’s einfach mal, nicht, dass du denkst, du kannst da nicht mitmachen bei „Fuck the norms away“, weil’s auf Englisch ist – das ist es nicht. Nur der Titel eben. Du musst kein Englisch können dafür, ich schwör! (Und so schwer ist es nun auch wieder nicht zu verstehen: „fuck“ ist „ficken“, „norms“ ist „Normen“, und „away“ „weg“. Weg damit! So in der Art. Und das mit der „diversity“ – „Diversity is the only norm that matters“ – kannst du so übersetzen: „diversity“ „Vielfalt“, „is“ „ist“; „the“ „der/ die/ das“, je nachdem; „only“ „einzige/r“; „norm“ hatten wir schon, im Plural, als „norms“, das hier ist jetzt Singular; dann „that“: noch mal „der/ die/ das“, bloß als Relativpronomen; und schließlich „matters“: „wichtig sein, zählen, darauf ankommen“. Und jetzt los: Stückele es dir zusammen! Kriegste hin. (Okay, ich helf dir: Diversität ist die einzige Norm, auf die es ankommt. Jetzt weißte aber wirklich Bescheid.))
Wenn du’s nicht selbst hingekriegt hast, kannst du übrigens bei uns auch Englisch lernen, nicht nur Pornos gucken, Deeskalationsstrategien üben und eine aufs Maul. Englisch haben wir jetzt auch im Programm. Erst nur Polnisch, weil dringend mit den LGBT-freien Zonen in Polen B, aber jetzt, wo unsere Teams da unterwegs sind, für mehr Homokuschel sorgen im Land (Hut ab vor denen übrigens. Gibt garantiert eine aufs Maul – und dann eine aufs Maul zurück. Hah! Fast wünscht ich, ich wär dabei.) – jetzt, da Polen wieder zum HomoKuschel-Gebiet wird, statt womöglich zur komplett LGBT-freien Zone, jetzt schauen wir weiter, Richtung weltweit. Weil weltweit ja dasselbe Problem: Homo und kuscheln = eine aufs Maul. Französisch haben wir jetzt im Angebot, Spanisch, Portugiesisch, Türkisch, und auch die kleineren Sprachen. Kannst also frei wählen, was du bei uns so lernst. Und dann: Einsatz!
Den Einsatz beschreib ich jetzt übrigens mal. Wollt ich schon früher machen, aber kam ja ständig was dazwischen hier, was zum Erklären. Aber jetzt!
Also, SoKo in Aktion geht ungefähr so:
Wir sitzen da so rum in Bus und Bahn und auf Bänken, auf Straßen, in Parks, auf Plätzen, in Zentren, in Malls, in Kinos, Restaurants, Clubs, Bars, überall eben, wo Öffentlichkeit ist, manchmal auch einfach in der Bäckerei ums Eck – wir sitzen und kuscheln, sitzen und küssen, sitzen und knutschen, stehen auch mal, laufen, gehen, spazieren, halten Händchen dabei und schauen einander voll verliebt an. Das ist jetzt nicht weiter kompliziert, weil küssen und knutschen und kuscheln macht ja voll Spaß, da kann man gut drin aufgehen, stundenlang. Und stundenlang passiert dann auch manchmal nichts weiter, keine Sprüche, keine Blicke, keine Faust in die Fresse. Das feiern wir als Erfolg. Weil darum geht es: Dass Homos eben keine mehr aufs Maul, und dass wir/ sie präsent sind im Straßenbild, sich wohlfühlen dort, weil nicht allein.
Du musst übrigens nicht homo sein, um bei uns mitmachen zu können; das war und bin ich ja auch nicht. Du musst nur einfach mal dein Begehren aufmachen können, deinen Körper, deine Sinne. Spüren, dass gleichgeschlechtliche Münder doch voll sexy sein können und du deinen gern mal an einen drankleben willst, mit Zunge und allem, so von Frau* zu Frau* zum Beispiel. Und für die Jungs*: Umarmt euch, so richtig, ich empfehle: eine Minute. Dann spürt ihr schon, wie schön sich so ein Männermuskelkörper anfühlen kann an eurem dran. Lass mal kurz den Gedanken beiseite, dass du doch aber noch nie mit einem Mann und so weiter… Weil sowieso, und das hab ich vorhin auch schon erklärt (lies zurück, wenn du’s nicht mehr weißt): Geschlecht ist fließend, und nicht nur Mann-Frau. Und wenn das Geschlecht so dermaßen fließt, Penis, Klitoris (das mit dem Kleiderbügel, erinnerst du dich jetzt?), dann fließt auch das Begehren. Glaub’s mir, ich hab’s probiert. Ich war voll der Homohasser, bevor ich zur SoKo kam. Voll!
Homohasser. Ich.
Ich … ich verrat jetzt ’n Geheimnis, okay? Behalt’s aber für dich, weil sonst wissen’s ja alle und dann funktioniert’s nicht mehr. Das mit der Meinungsumfrage. Wie die Homohasser*innen aufspüren. Ganz clever gehen die vor, muss ich mal sagen. Meinungsforschungsinstitut – von wegen! Weil die rufen zwar an, sagen: „Hallo, hier Meinungsforschungsinstitut“, ganz nett, „Dürfen wir Ihnen kurz eine Frage stellen?“, und du sagst „Ja“; natürlich sagst du „Ja“, ich zumindest mit meinem alten Job damals, allein am Computer zu Hause, weil so nach Stunden und Stunden allein am Computer zu Hause freust du dich über Kontakt, ’ne Stimme, ein Gespräch, und wenn’s nur eins mit dem Meinungsforschungsinstitut ist; aber eigentlich steht da was ganz anderes dahinter, bei diesem Meinungsforschungsinstitut, weil als nächstes fragen die: „Wenn morgen Wahlen wären…“, typische Frage, die beantworteste dann, und dann aber: „Und wenn Sie morgen die Homo-Ehe verbieten könnten?“
Pass auf, jetzt kommt’s. Ich zum Beispiel hab losgelegt: „Dann würd ich’s tun. Sofort! Weil das ist doch nicht normal, wenn da so zwei Kerle miteinander …“, und ich hab weitergemacht, so in dem Tonfall, voll ’ne Tirade, zwölf Minuten und zwölf Sekunden lang. Und das haben die getimt, die vom Meinungsforschungsinstitut. Und mitgeschnitten – und den Mitschnitt der SoKo gegeben. Denn darauf läuft es hinaus: Homohasser*innen sollen aus dem Verkehr gezogen werden. Und umgepolt. Aber keine Angst jetzt – das ist echt nicht das Schlimmste, was dir so passieren kann im Leben, wenn du von der SoKo umgepolt wirst. (Ich sag nur: Pornos! Bis zum Umfallen, Mann. Dein Schwänzchen wird wachsen, von allein, ganz ohne Krankenhausaufenthalt.)
Weiter ging’s dann bei mir jedenfalls so: Ich hab ’n Jobangebot bekommen. Ein Angebot zwar aus dem Nichts heraus, dennoch nicht weiter verdächtig, weil macht man ja so in Deutschland: Man wartet und hofft, dass wer an die Tür klopft mit ’nem besseren Job, besseren Leben. Also ging ich hin zum Vorstellungsgespräch – und zack! Da gab’s die eigene Hasstirade aufs Ohr, zwölf Minuten, zwölf Sekunden lang. Und das war mal echt krass, denn die haben sie editiert, meine Tirade, alle „Schwuchteln“ und „Arschficker“ und sonstigen Homo-Hass-Wörter ersetzt durch Sachen, die mich voll treffen. Was genau das war, sag ich jetzt nicht – aber glaub mir, da gibt’s genug. Gibt für jede*n auf der Welt was, das richtig doll verletzt. Das man nicht hören will, wie man nicht genannt werden will. Beschimpft. Glaub mir (oder auch nicht) – so oder so wirst du’s erleben, wenn du so weiter machst mit deinem Homohass.
Ich dann saß jedenfalls da, hörte mir diese Stimme an, voll Hass und ich als Ziel davon, zwölf Minuten und paar Sekunden lang. Da fängst du schon an zu denken. Ich jedenfalls fing an zu denken, und sowieso: Ich wollte dringend ’nen neuen Job, nicht nur immer allein vorm Computer sitzen und Zeugs eintippen. Also hab ich das Angebot angenommen. SoKo HomoKuschel.
Und okay, jetzt sitz ich wieder vor ’nem Computer, hol „Arschficker“ raus aus Anruf-Mitschnitten, packe „Kanake“ rein oder … Ach, ich kann’s uns ersparen, Schimpfwörter aufzuzählen jetzt. Es gibt wirklich eins für jede*n auf der Welt, selbst wenn’s nur „hirnlose Blondine“ ist. (Die „hirnlose Blondine“ übrigens sitzt gerade neben mir. Heißes Schnittchen, muss ich mal sagen. Und auch so ein Faust-zurück-in-Schlägerfresse-Problemkind wie ich; abkommandiert von der Straßenpatrouille ins Büro. Zur Straßenpatrouille kommst du nämlich immer als erstes, und dann, wenn du da nicht bestehst, wie ich, wie die Blondine, zum Schneiden, Lehren, Kurs-Verbessern, neue Pornos raussuchen für die. Die Blondine mag spritzen übrigens, weibliche Ejakulation. Von der wusste ich auch nicht grad viel. Aber jetzt! Ich sag doch: Porno gucken macht nicht nur geil, sondern auch schlau. Und denk an den Test am Ende; den musste bestehen!)
So läuft das ab jedenfalls.
Bevor du also das nächste Mal loswetterst auf „Schwuchteln“ und so, denk lieber mal dran: Wir schneiden Telefonate mit, nicht nur die mit ’nem Meinungsforschungsinstitut. Ich sag’s ja nur. Dafür hat’s massiv Kritik gegeben, von wegen Überwachung und so. Aber Kritik gibt es ja immer, und auch ziemlich doofe. Wir legen es ja nur darauf an, sagen die Leute zum Beispiel, und selber schuld, wenn eine aufs Maul. Was müssen wir denn jetzt auch noch extra rumfahren in Bus und Bahn und überhaupt unterwegs sein so als Homo, queer, knutschend, Händchenhaltend! Und Geld machen wollen wir ja wohl auch.
Stimmt, sag ich da, zu der Kritik mit dem Geld. Es stimmt, dass wir ordentlich abkassieren, wenn uns einer mit mehr kommt als nur ’nem saublöden Blick. Das kostet was, so ’ne Faust aufs Maul; es kostet was, so ein Spruch, ein Spucken, ein Schlagen, ein Treten, ein Arm verdrehen, ein Festhalten, ein Haareziehen. Alles davon, und noch viel mehr – und alles davon zählt als Hasskriminalität, und zwar ohne Diskussion und lange Prozesse, um das zu beweisen. Das hat die SoKo durchgesetzt, mit Lobby-Arbeit. Hass auf Sexualität, auf Identität: Da gibt’s ganz schön hohe Strafen für. „Besondere Schwere der Schuld“, so nennt sich das offiziell. Und weil’s besonders schwer ist, geht das auch alles sehr schnell; dafür hat die SoKo ebenfalls lobbyiert. Zwei, drei Tage nur, dann hast du als Hasser*in deinen Strafbescheid in der Post. Anspucken 400 €, ein Spruch je nachdem, Faust und treten und schlagen und schubsen und anfassen und alles andere richtig krass teuer. Yeah, sag ich da nur. So muss das sein! (Und die mindestens 100 € für saublöden Blick, die ich mir echt ganz doll viel wünsche, die kriegen wir auch noch durchgesetzt.)
Ganz schön viel kommt da also zusammen, geht aber alles gleich wieder raus: als Lohnzahlung für mich und die Blondine und für die anderen Mitarbeiter*innen, 12.312 im Land, und an Projekte gegen den Hass. In Polen, weltweit. Dahin, wo’s am schlimmsten ist. Korrektionsvergewaltigung bei Lesben – krass! Steinigung, Folter, Knast, 20 Jahre lang, 40 Jahre, lebenslang. Da ist das bisschen anspucken hier im Lande echt nicht weiter wild. (Und dann wiederum aber doch. Weil: Biste schon mal angespuckt worden? Ich sag nur: Vor-Ort-Kurs bei der SoKo, Tag 2. Viel Spaß!)
Anspucken ist übrigens das, wo HomoKuschler*innen dann doch manchmal durchdrehen. Eigentlich sollen sie nicht: nicht zurückspucken und -schlagen, nicht auch Faust in die Fresse, nichts von all dem. Ruhig sollen sie bleiben, einfach nur ihre Ausweise zücken und nach dem Ausweis vom spuckenden, tretenden, schlagenden Homohassenden fragen. Personalien aufnehmen, Anklage erheben, fertig. Und die besonders schweren Fälle: zack! Ab aufs Revier.
Aber so läuft’s eben nicht immer. Oft genug schlagen die HomoKuschler*innen zurück. Zu richtigen Hetero-Hasser*innen sind einige schon geworden, weil wenn eine*r hasst, hasst man einfacherweise eben schnell mal zurück. Und dann geht’s immer weiter, die Heteros hassen die Homos, Homos Heteros; immer mehr Hass gibt’s dann im Leben. Und das ist doch scheiße.
Am besten wär’s also, wenn’s diese Einteilung gar nicht mehr gäb, homo-hetero. Und dieses Mann-Frau erst recht nicht, weil das ist ja das Grundproblem. Weil wenn’s dieses Konstrukt nicht gäbe, diese Einteilung in zwei Geschlechter, Mann-Frau, bräuchte es auch homo-hetero nicht, wer jetzt wen liebt und wen nicht. Und stell dir das doch mal vor! Dann hätte sich das Ganze erledigt von wegen Homos hassen, Heteros hassen, überhaupt hassen vielleicht, weil es gäbe einfach nur Menschen; Menschen, die Sex mit anderen Menschen haben, Austausch, Berührung, Erfahrung, Hingabe, Lust. Dann gäb’s zwar auch keine SoKo mehr, weil kein Bedarf, aber das fände ich vollkommen okay. Ich fände schon ’nen anderen Job.
Mein*e Chef*in dagegen fände das weniger okay, vermute ich, weil dann wär’s ja vorbei mit der SoKo, von der sie*er eben so Chef*in ist. Und ja: „Chef*in“ – ich sag dir jetzt nicht, ob das ’n Mann ist oder ’ne Frau, ob homo oder hetero. Weil vollkommen egal. Musste mit klarkommen, das nicht zu wissen.
„Homo“. „Hetero“. „Mann“. „Frau“.
Identitäten. Rollen, Bilder, Vorstellungen, Präsentationen.
Du. Ich.
Wer bist du, ich, wir? Findest du, ich, wir das beängstigend, irritierend, nicht zu wissen, ob hetero oder homo, Frau oder Mann? Von anderen? Von uns selbst, mir, dir? Weil stell dir das jetzt auch einfach mal vor, komm schon, mach: keine Definition mehr zu haben. Kein – um mich mal als Beispiel zu geben – „Ich bin männlich, hetero und steh grad auf Blondinen, die spritzen“, oder was auch immer du so nutzt als Einschränkung von dir.
Na, wie ist es? Lebste noch?
„Einschränkung“ übrigens sag ich, weil denk da auch mal drüber nach: Definition gut und schön, wenn du sie dafür nutzt zu wissen, zu sagen, was du so magst (anal!), um Gemeinschaft zu haben, Zusammenhalt, Kultur – aber was, wenn du nicht mehr außerhalb davon denkst? Krass ist das: Dann gäb’s nur Blondinen in meinem Leben! Blondinen sind super, so ist es nicht, spritzend oder nicht – aber der ganze Rest? Würd ich alles verpassen! Die Trans und Drags, mit und ohne von A nach B, die Lesben, die Dildos, die Schwänze, die Schwulen, die wegfickenden Normen, alles!
Nee, sag ich da lieber. Weg damit! Mit Definitionen, Normen, hetero, homo, Frau, Mann. Einfach weg. Weil echt mal: Wenn ich aus meiner Homohasser-Identität rausgekommen bin (und wie! Anal!), kannst du das auch. Keine Boxen, Schränke, Labels mehr, definierend, Abgrenzung schaffend, Einschränkung kreierend.
Stattdessen:

 

(Ich lass dir den Platz hier jetzt mal mit Absicht frei. Weil was dann ist, stattdessen, geht nicht vorherzusagen, weil eben nicht definiert. Nicht beschränkt, abgegrenzt, in Boxen gepackt. Sondern einfach frei.)

 

 

(Platz.)

 

 

 

Frei.

 

 

 

 

Spürst du es schon?

 

 

 

 

 

Frei.

 

 

 

 

 

 

Frei.

 

 

 

 

 

 

 

Frei.

 


 

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