Das Problem: Der Schuh – besonders als Stöckelvariante gern gekauft und gesehen an Füßen von Frauen* durch Männer, die selbst gar nicht in diesen Teilen laufen können

Beine in High Heels

Die Lösung:

Wir Stöckelscheindealer vom Prenzlauer Berg

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Richtig viel los ist hier nicht, in den Arcaden, Schönhauser Allee, und das, obwohl Freitagabend ist. Ich stehe an meinem Platz, an dem ich immer stehe; ein paar alte Kunden nicken mir zu. Ich nicke zurück.
„Nachschub?“, frage ich.
„Nein.“ Sie schütteln den Kopf; Nachschub wird heut nicht gebraucht.
Ich seufze, überlege, rüberzufahren zum Gesundbrunnencenter, nur eine Station weit weg, oder runter zum Alex, vier Stationen. Da gibt’s auch solche wie mich, die stehen und warten; ich könnte mich einreihen. Aber das tue ich nicht, denn die von da kommen ja auch nicht hierher und versuchen, mir meinen Platz streitig zu machen. Mein Platz: Arcaden, Obergeschoss, der Gang zwischen Schuhladen und Prüfungsraum.
Ich teile mir den Platz mit Amos und Billie. Seit drei Jahren stehen wir nun schon hier, Billie seit zwei, Tag um Tag, außer sonntags, es sei denn, es ist verkaufsoffener Sonntag, mal alle zusammen, mal nur eine*r, je nach Bedarf. André und Sandy gehören auch noch dazu, obwohl sie meist unten im Erdgeschoss sind. Da gibt es ’nen zweiten Schuhladen, nur keinen Prüfungsraum. Deswegen oben zu dritt, unten zu zweit.
„Hast du noch Vierundvierziger?“ Amos kommt rüber zu mir. Seine Schritte hallen laut wider im Gang. Schwarz-weiße Kniestiefel, elegant; klack-klack machen sie. Jeden Tag hat er die an.
Ich bin eher für Abwechslung: gestern schillernde Pumps, vorgestern die neuen mit Glitter und Lack, heute rosa Highheels. Heute ist alles rosa an mir: Schuhe, Kleid, Jäckchen und Handtasche, selbst die Unterwäsche, auch wenn keine*r die sieht. Rosa kollidiert so schön mit meinem Drei-Tage-Bart.
Amos hat auch Drei-Tage-Bart, Handtasche, Jäckchen und Kleid. Wir alle sind so angezogen, er, ich, André, Billie; auch Sandy, bis auf den Drei-Tage-Bart. Jedenfalls kein echter bei ihr.
„Vierundvierzig?“, fragt Amos noch mal. „Gib mal!“
Ich nicke, suche die Vierundvierziger raus. Vierundvierziger hab ich immer, auch heute: fünf Stück, ganz frisch.
Meine Schuhgröße ist vierundvierzig. Früher war das ein Problem – finde da mal Highheels! Die gab’s einfach nicht, oder nur in wirklich unästhetischen Farben und Formen. Ich stöckelte häufig in den hässlichsten Teilen auf die Bühne oder quetschte meine Füße in viel zu kleine Schuhe für meine und Amos‘ Show. Im Backstage dann massierten wir uns gegenseitig die Füße, bevor es zur nächsten Show ging. Oder noch mal raus, Zugabe geben. Ich und Amos: Stars!
Das sind wir immer noch. Wir haben nur einfach die Bühne gewechselt, die Uhrzeit, von nachts auf tagsüber, von rauchigen Clubs, Alkohol, Nightlife zu ’nem geregeltem Ablauf, angepasst an Öffnungszeiten von Läden. Unser neues Publikum liebt uns nicht weniger als das alte. Denn wir haben was, sind was, was sie ganz dringend brauchen: Männer, die in Highheels laufen können. Dass wir das in Drag tun, in Frauenkleidung herumstöckeln, finden nicht alle so toll. Aber das war schon vorher so; da hat sich nicht viel geändert. Wir tun es trotzdem, Amos, André, Billie, Sandy und ich. Es ist unser Markenzeichen. Die Stöckelscheindealer vom Prenzlauer Berg.
Dass Sandy keine Dragqueen ist, im Sinne von Mann in Frauenkleidung, fällt dabei nicht auf. Im Gegenteil: Mit Perücke sieht sie viel mehr wie abgetakelte Tunte aus als Amos und ich zusammengenommen. Und das will was heißen.
André dagegen muss sich manchmal extra Haare ans Kinn kleben, damit niemand seine Männlichkeit in Drag hinterfragt. André ist jung – so jung, dass er noch zur Schule geht. Bei uns in den Arcaden ist er trotzdem ganz oft.
Billie passt auf, dass er die Schule nicht ganz und gar sausen lässt. „Morgen nicht, André“, sagt er manchmal und wuschelt ihm durchs Haar. „Hast du morgen nicht eine Prüfung?“
„Ach“, sagt André dann und schlägt Billies Hand weg, geht aber doch zur Prüfung in seiner Schule statt zur Prüfung in einem Stöckelraum. Billie hat ’nen guten Einfluss auf ihn.
Billie ist der Mittlere von uns, vom Alter und auch sonst: ruhig, bedacht, etwas bieder. Privat trägt er Bluejeans und Poloshirt, auch mal Anzug, Krawatte. Nur wenn er stöckeln geht, schlägt er uns alle um Längen – diese knallbunten Kleider, wallenden Röcke, rüschigen Blusen! Und erst seine Schuhe! Einundvierzig ist seine Größe, auch da Mittelfeld. Da bekommt er sowohl prima Pumps und Highheels für sich als auch massig Kunden, die genau diese Scheine wollen.
Wir haben fast alle Größen im Team: die Einundvierzig von Billie, Zweiundvierzig von Amos, Vierundvierzig von mir, und dann auch die kleineren: André mit Vierzig und Sandy mit Neununddreißig. Sandys Neununddreißig ist nicht sehr gefragt; Männer haben nun mal nicht so kleine Füße. Aber Sandy ist trotzdem wichtig für uns, denn Sandy ist Tauschmeister*in eins a. Stundenlang fährt sie kreuz und quer durch die Stadt, klappert andere Dealer ab, handelt mit ihnen: Neununddreißig bis Zweiundvierzig sowie Vierundvierzig gegen Fünfundvierzig bis endlos groß, und Dreiundvierzig. Dreiundvierzig vor allem. Dreiundvierziger sind immer voll knapp, und ohne die sind wir aufgeschmissen. Sollte man gar nicht glauben, wie viele Männer Dreiundvierzig als Schuhgröße haben.
Dreiundvierzig fehlt uns im Team, schmerzlich. ’n Dreiundvierziger – das wär was! Dann könnte André öfter zur Schule statt Sandy beim Tauschen zu helfen, und Sandy könnte sich ihrer Doktorarbeit widmen, die sie neben all ihrer Dealerei fleißig zu schreiben versucht.
Dreiundvierzig, hach ja. Ich seufze.
Amos nickt mir zu. Er erkennt schon am Seufzen, worum es geht. „Dreiundvierziger wieder?“
„Ja. Hab nur noch einen. Fünfundvierzig brauchen wir aber auch.“ Ich blättere durch meine Scheine. „Und Siebenundvierzig, am besten zehn Stück. Auf Vorrat.“
„Okay. Ich sag Sandy Bescheid.“ Amos stöckelt los, klack-klack. Er muss Metall unter seine Absätze genagelt haben, so laut dröhnt es im Gang.
Ich schaue ihm nach, die Treppe runter, unten die Kurve zum Ausgang. Dann ist er weg. Ich schau mich nach Billie um, aber auch der ist verschwunden. Mal wieder mit einem aufs Klo, nehme ich an, was anderes verkaufen als immer nur Scheine: Sich. Das macht ihm Spaß.
Mir macht das keinen Spaß; ich konzentrier ich mich lieber auf das Geschäft mit den Scheinen. Mit denen verdien ich ganz gut. Viel besser als vorher mit den Dragqueen-Shows. Viel, viel besser. Maßanfertigen lass ich mir Schuhe jetzt. Pumps, Chocs, Heels, Highheels in Vierundvierzig. Obwohl es jetzt auch so große zu kaufen gibt, für die Prüfungen, denn in irgendwas müssen die schließlich laufen. Nur wird da nicht wirklich Wert auf Stil gelegt.
„Pah“, mache ich und drehe den Kopf zum Prüfungsraum. Die Tür schwingt auf. Innen gibt’s ’nen Bewegungsmelder, auf äußerst empfindlich gestellt. Drinnen braucht nur einer mal kurz zu stolpern, schon springt der an.
Und stolpern tun sie alle. Tür auf.
Zwei Stolperer seh ich auch gleich: einen in Jogginghose, Kapuzenshirt; einen in Netzhemd und Jeans. Sie stellen sich ziemlich ungeschickt an: halten die Arme zur Seite gestreckt, stützen sich ab an den Wänden, schwanken und wanken. Kein Wunder – die Prüfungspumps haben sieben Zentimeter Pfennigabsatz. Freihändig müssten sie stöckeln können, ohne sich rechts und links im Gang abzufangen, ohne schwanken und wanken. Der Prüfer ist hart. Zehn Meter rennen verlangt er für einen Schein, plus eine Drehung, noch eine, noch eine, dann wieder rennen …
Ich hab’s durch. Tag für Tag mach ich hier schließlich ’nen Schein. Zwei, drei, vier. Fünf. Ich hab keine Probleme mit rennen und drehen und mich nicht abstützen dabei. Aber Jeans-Netzhemd und Jogginghose-Kapuze hier … Nee, denk ich, das schaffen die nicht. Ich muss jetzt nur noch warten, bis der Prüfer sie offiziell durchsausen lässt, sie dann rauskommen zu mir, geschlagen, vielleicht auch verheult. Der Prüfer ist ein kleiner Sadist.
Auch jetzt steht er mit ’nem höhnischen Grinsen da, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er schüttelt den Kopf, verzieht spöttisch den Mund. Dabei kann er selbst nicht stöckeln; da bin ich mir sicher. Muss er aber auch nicht; als Prüfer muss nur prüfen können.
„Sie da!“, sagt er jetzt zu dem in der Jogginghose. „Da haben Sie aber mal gewackelt auf Meter Acht. Erst sah‘s ganz gut aus, aber jetzt …“ Er schnalzt mit der Zunge, lacht. „Du meine Güte! Aber machen Sie weiter, bitte!“
Sadist!, denke ich. Immer lässt er die Prüflinge hoffen, dass sie’s doch noch schaffen. Lässt sie glauben, dass sie noch Chancen haben, irgendwie. Lässt sie Sonderaufgaben bewältigen: fiktive Kaugummis von ihren Pfennigabsätzen kratzen, sich vorbeugen, was vom Boden aufheben, tief in die Knie gehen … Oder er legt gleich das Viehgitter hin, so ein Luftschacht-Ding, in dem Absätze einfach nicht anders können als knöchelverreckend steckenzubleiben. Auch ich stak da mal fest, bekam an diesem Tag meinen Schein nicht. Dafür hämisches Grinsen. Sadist.
Wie er heißt, dieser Sadist, weiß ich nicht. Auf seinen Ansteckschild steht einfach nur „Prüfer“. Aber so nennt ihn nur Sandy. Amos sagt „Popel“, Billie „kleiner Wichser“, André auch, und ich eben „Sadist“.
Der Sadist-Wichser-Popel kommt jeden Tag zu uns, bei Ladenschluss, will etwas von unserem Geld, wenn wir die Scheine an die verkauft haben, die er hat durchfallen lassen. Das ist ja schon richtig so, denk ich, prinzipiell, aber er nimmt seinen Anteil stets mit spitzen Fingern entgegen, vermeidet es, uns zu berühren, schaut uns auch nie an, ins Gesicht. Er mag uns nicht. Wir ihn ja auch nicht. Popel. Sadist. Kleiner Wichser.
Den Besitzer vom Schuhladen dagegen mögen wir sehr. Jörg Milch heißt er. Jörg Milch weiß, was gut für sein Geschäft ist, für ihn: Wir.
Schlecht fürs Geschäft dagegen ist das Plakat an seiner Tür. Aber das muss da hängen; die Verordnung schreibt’s vor.
„Können Sie’s auch so gut wie Ihre Frau?“ Riesige, knallrote Blockschrift, ergänzt um eine Skizze von einem Mann mit einem Absatzschuh in der Hand. Der Schuh ist durchgestrichen. „Erst Schein, dann Schuh!“, ist die Skizze darunter noch mal in Worten erklärt.
Das ist deutlich, denk ich. Aber anscheinend nicht deutlich genug: Immer wieder sehe ich Männer in Jörg Milchs Laden, die Geldbündel schwenken und Highheels kaufen wollen für ihre Freundin, Verlobte, Affäre, Frau – und das ohne Stöckelschein. Doch Jörg Milch bleibt hart. Er schickt sie raus, diese Männer, egal wie viel sie ihm bieten.
„Fünfzig Euro“, hat er mir erst heute morgen gesagt. „So viel wollte der extra zahlen, gestern spätabends ein Kunde. Da waren Sie leider schon weg.“ Jörg Milch siezt uns. Auch das mögen wir. „Fünfzig Euro! Das können Sie gut und gerne verlangen für Ihren Schein. Ich dachte, ich sag Ihnen das mal.“
„Danke“, sagte ich.
Dass wir schon längst mehr als fünfzig Euro für einen Schein nahmen – nicht von allen, aber doch von den ganz Verzweifelten –, sagte ich nicht. Und dann noch der Aufschlag; für bequem. Sandys Idee.
„Die laufen rum in den besten Schuhen“, sagte sie eines Abends, in unserer gemeinsamen Wohnung, als wir da anstießen auf nicht nur Arbeiten im Team, sondern jetzt auch noch Wohnen im Team. „Gel-Polster! Luftpolster! Platz für die Zehen! Nee! Genau deswegen kam das Gesetz doch ja!“ Sie zog ihr Handy raus, hielt es uns hin. „Hier. Lest nach!“
„Wissen wir doch schon alles.“ André winkte das Handy weg, etwas ungeschickt. Er war zwar erst beim dritten Schnaps – wir anderen beim sechsten –, aber doch schon ziemlich betrunken. Er vertrug nicht so viel. „Will das nicht lesen.“
„Genau! Feierabend“, sagte auch Amos.
Aber Sandy ließ sich nicht beirren. „Grund für die Verordnung“, fing sie an vorzulesen – wenn wir nicht selbst lesen wollten, dann tat das halt sie –, „Grund für die Verordnung, die sogenannte Absatzschuhabgabeverordnung, ist das Missverhältnis zwischen dem Fakt, dass Männer Schuhe kaufen, in denen sie selbst nicht laufen können, einerseits, und dem Fakt andererseits, dass sie darauf bestehen, dass andere Leute in diesen Schuhen laufen sollen, zumeist ihre Frauen.“
André hob sein Glas. „Ja, okay. Will noch ‘nen Schnaps.“
Sandy schenkte ihm ein, uns allen. Wir prosteten, tranken, und dann fing Billie an zu nicken, als hätte er grad was richtig Wichtiges entdeckt.
„Das ist aber schon heterosexuell orientiert!“
Da hatte er recht: Unsere Kunden waren ausschließlich Männer. Frauen brauchten den Stöckelschein nicht.
„Es gibt doch aber ja wohl auch Lesben im Leben.“ Er schaute zu Sandy. „Und die Hälfte von denen kann nicht stöckeln, da bin ich mir sicher.“
„Ich kann das schon“, sagte Sandy.
„Du. Okay. Aber der Rest?“ Billie schüttelte den Kopf. „Die schenken ihren Frauen auch Stöckelschuhe. Keinen Deut besser sind die als die Männer!“
„Und das merkst du erst jetzt?“
Billie wurde rot. „Na ja. Also, ich …“
„Männer! Frauen!“, rief André dazwischen. „Ist doch egal.“ Er rülpste. „Und wisst ihr was? Wenn wir denen die Scheine verkaufen, lernen die nie stöckeln, wa? Das ist doch voll Scheiße!“
Sandy stand auf. „Scheiße, genau. Aber ’nen Aufschlag können wir nehmen! Müssen wir nehmen!“ Sie schaute uns an, reihum, ganz ernst. „Von denen mit den Polstern zum Beispiel. Gel-Polster! Luft-Polster! Hah!“ Sie stieß ihre Faust in die Höhe. „Ab jetzt, sag ich: Die, die extra-bequeme Schuhe tragen und ’nen Stöckelschein wollen: Zehn Euro mehr!“
„Zwanzig!“, sagte Billie und stieß ebenfalls die Faust in die Luft, grinste. Dann fügte er vorsichtig hinzu: „Bei den Lesben dann aber auch, dieser Aufschlag. Falls der Schein auch noch Pflicht wird für Frauen.“
„Klar auch bei Lesben dann. Wieso denn nicht?“
„Na ja“, sagte Billie. „Weil du eine bist.“
„Und du bist ein Mann. Also echt mal. Knalltüte! Du spinnst.“
„Glaub schon“, sagte Billie und lachte zurück, und ich glaub, in diesem Moment machte es Klick zwischen den beiden, Billie und Sandy. In diesem Moment kam Billie endgültig bei uns an – Billie, der Berlinbesucher, der blieb; Billie, der eines Tages vor uns gestanden hatte in den Arcaden, im knitterfreien Anzug, so bieder und brav aussehend, dass wir uns heimliche Blicke zugeworfen hatten: Achtung, der macht Probleme!
Aber Billie hatte keine Probleme gemacht; Billie hatte uns überrascht.
„Wetten, dass ich besser stöckeln kann als ihr?“, hatte er uns gefragt, und plötzlich war da ein Funkeln in seinen Augen gewesen, an die Oberfläche getaucht, am knitterfreien Anzug vorbei, an bieder und brav, ein Funkeln von ganz tief innen, von seinem Herzen.
Er hatte die Wette gewonnen. Wir aber auch was: Ihn. Seine Größe. Zweiundvierzig. Im Team.
Team. Zweiundvierzig. Größen.
Die dreiundvierzig, die uns noch fehlt. Ich seufze, schaue wieder zum Prüfungsraum. Tür auf. Sie stolpern noch. Noch keine Kundschaft. Aber dann sehe ich ’nen Mann vor Jörg Milchs Laden, und der ist ein Kunde, so suchend, wie er sich umschaut.
„Huhu!“, ruf ich sofort und winke ihm zu. Und dann stöckele ich los, direkt auf ihn zu, schön langsam, damit er sieht, wie gut ich das kann. Ist Shoppingcenter-Neonbeleuchtung nicht auch so ’ne Art Bühnenlicht? „Brauchen Sie einen Stöckelschein?“
Er zuckt zusammen, kräuselt die Lippen, mustert mich, Abscheu in seinem Blick. Abscheu ist nicht ungewöhnlich, wird aber teuer. Auch so ’ne Idee von Sandy: Abscheu-Aufschlag. Oder war Billie darauf gekommen? Amos? André?
Egal: Ich schlag im Geist schon mal zwanzig Euro auf den Stöckelscheinpreis drauf, während ich weiter lauf, weiter auf ihn zu, mit ordentlich Hüftschwung.
„Na, wie wär’s mit uns beiden?“, trällere ich und klimpere mit den Augen. Das fühlt sich so schön verrucht an, wie früher in den Clubs.
Nur mag er verrucht nicht, so wie er guckt. Ich seufze, schau schnell runter auf seine Füße, schätze die Größe. Dreiundvierzig. Ausgerechnet, denke ich; da hab ich doch nur noch den einen Schein. Und den soll dieser Abscheu-im-Blick-Typ bekommen?
Aber erst mal muss ich ihn ja überhaupt als Kunden gewinnen, und das wird schwierig: Er mustert mich noch immer halb entsetzt. Am besten ’ne sachliche Frage also jetzt. Sachliche Frage und sachlicher Tonfall statt kreisender Hüftschwung und tuntiges Klimpern – das beruhigt die Abscheu-im-Blick-Lippenkräusler.
„Welche Schuhgröße haben Sie, bitte?“, frage ich also, auch wenn ich in Schuhgrößenschätzung bin wie in Hüftschwungdarbietung: Eins a.
Er öffnet den Mund, und einen Moment bin ich nicht sicher, ob zum Spucken oder zum Sprechen. Dann räuspert er sich, schluckt Spucke herunter und spricht.
„Meine Größe? Die Schuhe sind für meine Verlobte. Deren Größe brauchst du, nicht meine!“
Duzen, denke ich, aha. Noch mal ’n Aufschlag.
Und aha: eine Verlobte. Die dritte heute; zwei Ehefrauen hatte ich schon, eine Affäre, eine Schwester, der Rest undefiniert.
„Also eigentlich–“, setze ich an.
Er unterbricht, hält ’ne stoppende Hand hoch. „Wart mal. Warte. Ja?“
„Ja“, sag ich, auch wenn er mich immer noch duzt, unfreundlich agiert. Aber er agiert zumindest mit mir, hat sich also entschieden, ’nen Stöckelschein von mir zu kaufen. Und ich weiß ja auch, worauf ich jetzt warten soll: Er sucht den Zettel mit der Schuhgröße seiner Verlobten drauf. Solche Zettel haben die meisten Männer dabei, als könnten sie sich die Größe nicht merken. Neben der Größe steht dann oft noch ’ne Notiz. „Schwarze Pumps mit Riemchen“, zum Beispiel. Oder: „Highheels, rot“; Dauerrenner. Und seit einem Monat vermehrt: „Vielleicht was mit Glitter“; aktueller Trend.
Mein Kunde hat seinen Zettel tief in seiner Sporttasche vergraben, wühlt danach. Das kann dauern; ich seufze ganz leise. Aber wenn ich ihm sag, dass er den Zettel mit der Schuhgröße seiner Verlobten drauf bei mir gar nicht braucht, ist das nicht gut. Dann wird er nur sauer, dass ich was besser weiß als er. Ich – ’ne Dragqueen, ’ne Tunte, Abschaum; gesellschaftlich noch immer unterste Stufe. Egal, dass wir in sieben Zentimeter Pfennigabsatz wackelfrei stöckeln können. Egal, dass wir dadurch plötzlich nützlich sind. Gebraucht werden, dringend. Das hat noch nie was geholfen, gebraucht zu werden; im Gegenteil. Putzfrauen fallen mir ein; Müllmänner. Putzmänner, Müllfrauen. So langsam werde ich wütend.
Lieber nicht, denke ich, und atme tief durch, schaue seinen Händen beim Wühlen zu, ganz meditativ. Und wenn er viel wühlt, versuche ich mich zu beruhigen, wenn ich lange warten muss, dann ist er mir extra was schuldig für meine Geduld. Dann kauft er gleich zwei Scheine auf einmal. Vielleicht sogar drei. So eine Verlobte braucht doch massenhaft Schuhe und er für jedes einzelne Paar einen Schein.
Und dann fällt mir ein, dass ich nur noch einen einzigen Dreiundvierziger hab.
„Mist“, sage ich.
„Gefunden!“, sagt er. Er hält ein zerknittertes Karoblatt hoch. „Neununddreißig.“
„Toll“, sag ich und schlucke meinen Ärger hinunter, die Wut. Ich deute auf Jörg Milchs Emporium. „Den brauchen Sie gleich da im Laden.“
Einen Moment schauen wir die Auslage an: Stilettos, Plateaus, Highheels, Pumps. Und was mit Glitter.
„Was für welche sollen’s denn werden? Vielleicht was mit Glitter?“
Er nickt, lächelt sogar ein bisschen, verträumt.
„Und Ihre Schuhgröße ist …? Dreiundvierzig?“
Er nickt nochmal.
„Hab ich da“, sag ich. „Das werden tolle Highheels für Ihre–“
„Pumps“, korrigiert er.
„ … für Ihre Verlobte. Wie heißt sie denn?“
„Was?“ Er hört schlagartig auf zu lächeln. „Wieso willst du das wissen? Das geht dich nichts an!“ Ich kann‘s sehen, wie sein Hirn arbeitet, ihm sagt, mit wem er da gerade spricht: Dragqueen, Tunte, Abschaum.
Auf einmal reicht es mir. Abschaum, anblaffen, misstrauisch gucken, duzen – ich addiere Strafen im Kopf und schlag sie auf den Stöckelscheinpreis drauf. „Einhundert Euro“, sag ich dann, halte die Hand auf.
„Wie bitte? Was?“
„Einhundert. Für den Schein.“ Ich nicke rüber zum Prüfungsraum. „Oder wollen Sie selbst stöckeln gehen?“
Auch ich hab ’ne sadistische Ader. Bewegungsmelder; Tür auf. Die drinnen straucheln, wanken, schwitzen unter dem Popel-Sadist-Kleiner-Wichser-Blick. Das Viehgitter liegt auf dem Boden; ein Schuh klemmt in ihm fest.
„Oh.“ Mein potenzieller Kunde wendet den Blick ab, ganz schnell. „Achtzig?“, schlägt er mir vor, auf einmal recht höflich.
„Zwei für Einhundertachtzig“, kontere ich, auch wenn ich nur den einen Dreiundvierziger hab. Aber wenn man den Leuten zwei Dinge anbietet, ein teures, ein billigeres, nehmen sie das billigere eher, als wenn es nur das eine Billige zu kaufen gibt. Verkaufsstrategie, von Billie gelernt.
Er schaut erneut zum Prüfungsraum, dann zu Jörg Milchs Geschäft. Peeptoes, Opentoes, Chocs, Hochfront, Schnürpumps, Slingpumps … Glitter an vorderster Front. Auch Jörg Milch weiß, was Trend ist.
„Oder drei für zweihundertsiebzig. So eine Verlobte braucht doch massenhaft Schuhe.“
„Braucht sie nicht. Die Hanne braucht jetzt nur ein Paar Schuhe.“
Nun hat er’s mir doch verraten, wie sie heißt.
„Hanne“, sage ich sofort. So ein Name zieht immer. „Kommen Sie: Nur einhundert Euro. Für Hanne!“
„Grad waren’s noch achtzig.“
„Achtzig haben Sie gesagt. Ich hab einhundert gesagt.“ Ich mach ’ne theatralische Pause. „Sie können’s natürlich auch selber versuchen.“ Ich zeige auffordernd zum Prüfungsraum.
Nur ist die Tür jetzt zu. Auf war besser. Nicht nur, weil’s da stolpernde Stöckler zu sehen gab, sondern auch weil an der geschlossenen Tür ein großes Schild hängt, ebenso wie beim Schuhgeschäft. Nur steht hier nicht „Erst Schein, dann Schuh“, sondern „Zwölf Euro fünfzig“. Der Preis für die Prüfung, den Schein.
„Ach.“ Mein Kunde dreht den Kopf zurück zu mir, ganz langsam. Seine Halsmuskeln knarzen; es klingt gefährlich.
Ich zucke mit den Schultern, lass mri das Bedroht-Sein nicht anmerken. „Einhundert. Das ist nun mal mein Preis.“ Schnell hole ich den Dreiundvierziger raus, halte ihn ihm hin.
„Da steht gar kein Name drauf!“ Er beugt sich drüber.
„Natürlich nicht“, sage ich. „Datenschutz. Deswegen werden die ja nach Größen verkauft.“ Ich tippe auf die aufgestempelte Zahl. Dreiundvierzig. Und das Datum: 21.8. „Noch zwei Wochen gültig. Hanne“, gurre ich dann, auch wenn mir grad nicht nach Gurren ist, so wie er jetzt meine Hand anstarrt, die deutenden Finger, die Nägel, die rosanen. „Ihre Hanne. Hanne wartet. Hanne in Glitter. In Pumps. Einhundert Euro.“
Die Stille nach meinem Gurren hängt wie eine Zeitbombe über uns. Eine Sekunde, zwei, drei. Er lässt noch mal die Halsmuskeln knarren, schaut zum Laden, zum Prüfungsraum, dann holt er sein Portemonnaie raus, kramt kurz, hält mir zwei Fünfziger hin. Mit ganz spitzen Fingern, genau wie der Prüfer. Popel-Sadist-kleiner-Wichser.
„Danke“, sage ich und tausche Geld gegen Schein.
„Schwuchtel“, sagt er und wendet sich ab.
„Hmm“, mach ich und zucke erneut mit den Schultern, verdrehe die Augen. Aber logisch trifft er mich, dieser Hass, und ich ärgere mich, nicht hundertzwanzig von ihm genommen zu haben. Hundertfünfzig, zweihundert! Mein letzter Dreiundvierziger – an diesen Arsch! Ich hätte ihn stöckeln lassen sollen, zum Prüfungsraum schicken, Arsch zu Popel-Wichser-kleiner-Sadist.
Ich seufze, schaue ihm nach, wie er zum Schuhladen eilt, meinen letzten Dreiundvierziger in der Hand. Aber dann muss ich lachen, denn so eilig, wie er’s hat, rennt er fast gegen den Rahmen der Tür, fast gegen Jörg Milch auch, der gerade rauskommt, mit ’nem älteren Herren im Schlepptau.
Der ältere Herr sieht verzweifelt aus. Jörg Milch aber auch.
„Tourist!“, ruft er, als er mich entdeckt, und winkt erleichtert. „Tourist!“
Tourist, alles klar. Meine Laune steigt. Touristen sind immer so schön verstört wegen der Scheine. So was gibt’s nur in Deutschland. Ich winke zurück.
Jörg Milch deutet auf mich, klopft dem Touristen auf die Schulter, schiebt ihn an in meine Richtung. Dann geht er zurück in seinen Laden, Pumps mit Glitter für Hanne verkaufen.
„Huhu!“, rufe ich und klimpere mit den Wimpern, versetz meine Hüften in Hüftschwung eins a, obwohl das gerade gar nicht gut ankam. „Huhu! Hallo!“
Der Tourist schaut mir entgegen. „Hallo?“, sagt er, halb fragend.
Ich winke noch mehr, überleg, was „Wie wär’s mit uns beiden?“ auf Englisch heißt, auf Spanisch, Französisch, Italienisch. Bevor‘s mir einfällt, winkt der Tourist auf einmal zurück, und das mindestens so tuntig wie ich. Und dann kommt er mir entgegen, und auch das nicht irgendwie, sondern … Er stöckelt! Stöckelt, jawohl – anders kann man das nicht sagen. Er stöckelt in seinen flachhackigen Herrenhalbschuhen als hätten sie mindestens sieben Zentimeter Pfennigabsatz. Und sein Hüftschwung – so wie meiner ist der: Eins a!
„Wow“, sag ich.
Und dann fällt mir noch etwas auf: Dreiundvierzig! Flachhackige Herrenhalbschuhe, tänzelnd, klack-klack auf dem Gang. Größe dreiundvierzig hat er an.
„Wow!“, sag ich noch mal, und bevor ich darüber nachdenken kann, ob er sich gut einfügen würde bei uns, bei mir, Amos, Sandy, André und Billie im Team, habe ich es bereits beschlossen: Das wird er. Und wie! Er wird einer von uns, dieser Tourist.
So war es ja auch bei Billie gewesen: vom Berlin-Besucher zum Stöckelscheindealer in Nullkommanichts. So was macht diese Stadt mit ihren Gästen.
„Yes!“, sag ich und lauf auf ihn zu, stöckele, renne, schneller, schneller, Hüftschwung eins a, und als ich dann vor ihm steh, steige ich aus meinen Highheels, halt sie ihm hin.
„Hier. Probier mal. Try! Okay?“
Und dann stehe ich und warte und hoffe und sehe es schließlich auch: ein Leuchten in seinen Augen, das aufsteigt, an seinem Touristenoutfit vorbei, an seinem Rucksack mit Stadtplan drin vorbei, ein Funkeln von ganz tief innen, von seinem Herzen. Wie bei Billie.
Stöckelscheindealer. Willkommen im Team. Stöckelscheindealer vom Prenzlauer Berg.

 


 

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