Das Problem: Es rinnt, es tropft, es färbt die Hose rot – das Menstruationsblut. Und weit und breit kein Ort zum Tamponwechseln in Sicht.

Menstruationsblutfleck in einer weißern Hose

Die Lösung:

„Zupfsäule, Frankfurter Tor“

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Ich ging. Ich rannte. Es war dringend. Es tropfte. Ich rannte Richtung Humana. Bei Humana, zum Glück, hing die Second-Hand-Mode immer noch farblich vorsortiert auf den Stangen. Weiß, weiß, ich brauchte weiß, dringend weiß. Noch nie brauchte ich weiß, und schon gar nicht, wenn ich menstruierte. Aber jetzt. Eine weiße Hose musste ich haben.
Gleich am Eingang hing schon wieder so ein Plakat. Die Frauenministerin machte gut Werbung, Zupfsäulen für alle, und das überall. Ich nickte, Recht hatte sie ja, und geklappt hatte es auch, wenn schon nach langen Kämpfen. Aber eine Zupfsäule alle zweihundert Meter war seit kurzem die Norm. Überall standen sie auf den Straßen, an Ecken, auf Plätzen, in Parks, an Haltestellen und U-Bahnsteigen. Die Männer hatten Bäume zum Pinkeln, die Frauen jetzt Zupfsäulen, Tamponchecksäulen. Nur das mit dem Weiß hätte sie besser gleich mit erklärt, die neue Ministerin.
Weiß. Wenn schon, dann schick. Ich lief die Treppe hoch, ganz hoch zum Retrolook. Irgendwas ausgefallenes, in Weiß, genau. Ich kam an der zweiten Etage vorbei, Damenbekleidung. Hatte da nicht auch was von Kleidern und Röcken gestanden? Ich versuchte mich zu erinnern.
„Paragraph Zwei:“, hatte das Blatt an der Tür informiert, „Menstruierenden Frauen in weißer Kleidung ist der Vortritt zu lassen.“
Kleidung, nicht Kleid; also doch Retrolook, vierte Etage. Ich war fast da.
Auf dem Treppenabsatz gab es ein Fenster; ich riskierte einen schnellen Blick hinaus auf die Straße. Da stand sie, die Zupfsäule vom Frankfurter Tor, und blinkte. Ein einfacher Kubus, drei Stellwände mit Tür, gekrönt von einer Plastikfigur: ein gigantischer Tampon mit Goldzahngebiss lächelte aus zwei Metern Höhe auf die Schlange hinab. Heut war wohl Vollmond, oder auch Neumond, jedenfalls irgendein Mond, denn die Schlange war lang. Sechs Frauen standen da an; die Tussi an zweiter Stelle.
Die Tussi.
Die Tussi war vor mir in der Schlange gewesen. Ich hatte höflich gefragt: „Lässt du mich vor? Ich tropfe.“
„Ich will nur zupfen. Das geht ganz schnell.“ Ihre Stimme war eisig gewesen.
„Bitte! Es tropft“, hatte ich weitergedrängt. „Ich muss nicht erst zupfen und schauen, ob’s so weit ist. Es ist schon so weit, ich weiß es. Ich muss wechseln, und zwar sofort.“
Die Tussi hatte sich wortlos umgedreht.
Und ich hatte ein drittes Mal angesetzt: „Mein Tampon–“ Ich war wirklich verzweifelt.
In diesem Moment kam eine Frau in Weiß gerannt, drückte mich zur Seite, uns alle, lief hinein in die sich eben öffnende Säule und zog die Tür hinter sich zu. Ich war baff.
„Was soll das?“, fragte ich. „Wir warten hier alle!“
Ein paar zuckten die Schultern.
Die Tussi drehte sich wieder zurück zu mir und schaute mich an, von oben nach unten, ganz langsam.
„Was?“, fragte ich. Ich war irritiert. Mein Tampon drückte, ich konnte ihn fühlen, er war voll, randvoll. Mein Tampon lief über, und das ziemlich schnell. Er lief unten aus, genauer gesagt. Blut rann in Strömen, in Klumpen, in meinen Slip, in meine Hose.
Die Tussi verzog ihren Mund und lächelte, tatsächlich: lächelte. „Die Dame trägt eben weiß“, flötete sie und nickte Richtung geschlossener Tür. „Nix Bluejeans.“ Sie sagte „Bluejeans“, als ob das eine Krankheit wäre. „Wie du.“ Sie tippte mir leicht auf die Brust mit ihren langen, polierten, mit goldenen Steinchen verzierten Fingernägeln, farblich passend zur Hose. Dann schnipste sie auf das Papier an der Zupfsäulentür.
Paragraph Zwei. Frauen in Weiß ist der Vortritt zu lassen.
„Tja“, hatte die Tussi gemacht und gelächelt.
Rache, schrie es in meinem Gehirn.
In der Retroabteilung gab es ganze drei Ständer mit Weiß. Ich griff hinein in die Hosen mit Schlag. Schick, schick, genau meins, für einmal im Jahr. Ich zog ein Paar raus und dann auch gleich an, ich bezahlte und rannte, zurück auf die Straße, zur Säule. Gerade noch rechtzeitig; da war sie, die Tussi, Türklinke in Hand.
„Tja“, rief ich laut und drängte sie weg. Ich schloss die Tür vor ihrer Nase. Rache.
Innen war’s eng, aber praktisch: ein Waschbecken gab’s da, einen Hocker zum Beinaufstellen, einen Tamponautomaten. Und einen Mülleimer, überquellend mit Binden und Tampons voll Blut. Ich nickte. Das tue ich öfters, wenn in mir ein guter Plan zu reifen beginnt.
Ich zog meinen Tampon heraus und schaute ihn an. Er tropfte wirklich. Ich überlegte.
Wie fies war die Tussi noch mal gewesen?
Ich schaute auf meine Unterwäsche. Blutig. Die Hose: blutig.
Wie fies?
Ich legte den Tampon vorsichtig ab, vielleicht brauchte ich ihn noch.
Ich zog einen frischen Tampon hervor, knickte das Zellophan ab, pulte das Fädchen heraus und zog kurz daran. Ich ließ den Tampon baumeln einen Moment; hin und her schwang er vor meinen Augen. Ich fasste einen Entschluss.
Ich setzte den frischen Tampon ein, nahm meinen alten, gebrauchten und fügte ihn hinzu zum riesigen, blutigen Haufen im Eimer. Der Eimer war nicht festgeschraubt. Ich hob ihn hoch. Er war klein, aber schwer. Ich öffnete die Tür.
Da stand sie, die Tussi.
Ich lächelte.

 


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