Das Problem: Corona, die Epidemie, Shutdown und Lockdown, Kontakverbot, Treffen maximal mit Lebenspartner*innen erlaubt; dann auch noch das mit den Kontrollen über Woher und Wohin – ach, da gibt es einiges nachzubessern, find ich.

Dildo mit Maßband für zwei Meter Entfernung während Corona

Die Lösung (mehrere sogar!):

Zwei Meter oder Monogamie

Geschichte hören

Ich sitz so rum, mach nichts außer einfach sitzen halt, als ich merk, dass ich doch was mach außer einfach sitzen halt: Ich singe, „Private Dancer“, wie ’ne Erinnerung an die Party, als es Partys noch gab, wo ich Lapdance gemacht hab, oder vielleicht an das Vögeln letztens, da hab ich auch gesungen, „Fuck me, baby, one more time“, bisschen abgewandelt der Text; auch „Tent in your pants“, oder war’s „Lick it“? „My neck, my back, my pussy, my crack“? Egal, auf jeden Fall war’s ein musikalisches Treffen.
Und jetzt? Nur musikalisch, aber kein Treffen, weil Kontaktsperre im Land – kein Kontakt, kein Sex, außer mit Lebenspartner*innen, glaub ich. So was hab ich aber nicht; ich hab nur viele, das ist doch Poly-Diskriminierung. Aber gut, dann erklär ich jetzt halt eine*n von den vielen zur Partner*in und gut ist. Nur wen? Ich scroll durch meine Kontakte, sing wieder vor mich hin, „Perfect Day“ diesmal, als prompt das Telefon klingelt.
„Hey, ich dachte, ich meld mich mal wieder. Weil du weißt schon.“
„Ja, ich weiß: Du willst vögeln.“
„Ja! Du auch?“
„Ja“, sag ich und fast noch: „Und Lebenspartner*in sein?“ Aber erst mal stöhnen wir ein bisschen durch den Hörer, und als wir fertig sind damit, wollen wir mehr. „Treffen, was sagste?“
„Zwei Meter“, sag ich und denk an den Witz, den letztens jemand gemacht hat von wegen Zwei-Meter-Dildos benutzen jetzt. Liegt mir irgendwie mehr als Lebenspartnerschaft, und schwer zu basteln ist das bestimmt auch nicht, so ein Abstandshalter-Ding. Ich hab da doch noch ein paar Bretter im Keller, oder vielleicht der Besenstiel da…
„Bist du noch dran?“
„Ja. Ich überleg grad was.“ Lebenspartnerschaft? Oder Zwei-Meter-Dildo? Ich weiß nicht; ich sing erst mal wieder, „Queere Tiere“ jetzt. „Warte“, sag ich dann. „Ich muss mal kurz in den Keller, was gucken. Okay?“


„Zwei Meter oder Monogamie“ zum Hören


Cruising staatlich verordnet

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Ich fahr so rum, früh am Morgen, durch eine Stadt, die wie ein Dorf ist, alles zu, alles leer, alles wegen der neuen Gesetze. Ist irgendwie toll, die Stille, die Leere, aber irgendwie auch ganz und gar nicht, weil verordnet. Ich mag Verordnungen nicht; da sträuben sich mir die Haare; Haare, die jetzt voll lang sind, weil keine*r mehr nah genug ran darf, um die zu rasieren. Es sträubt sich also recht viel auf meinem Kopf; voll unruhig bin ich auf meinem Rad. Ich radle schneller, weiter, bis ich dann doch mal anhalte, mitten im Tiergarten, an der Amazone da. Ich lehn das Rad ans Gestein, mich auch, und als ich so stehe und lehne, merk ich erst, wo ich das eigentlich tue: Cruising-Gebiet!
Cruising jetzt, für alle, die das nicht kennen: Da steht man halt so, öfters noch aber läuft man, flaniert, spaziert; hält dabei Ausschau nach anderen, die auch so laufen, flanieren, spazieren, um dann mit denen… Tja, zack ab ins Gebüsch.
Gebüsch gibt’s hier schon, nur keine Leute. Aber dann wiederum darf man das ja jetzt auch nicht mehr, ab ins Gebüsch mit grad erst Kennengelernten; kein Wunder, dass hier keine*r ist. Liegt aber vielleicht auch dran, dass Sonnenaufgang ist. Ich glaub, Sonnenuntergang wär ’ne bessere Uhrzeit fürs Cruisen, und auch Vollmond wär gut; da kämen bestimmt Damen zuhauf hierher, weil weiblicher Mond und so. Cruisende Lesben! Und das wär sogar legal, weil cruisen darf man noch. Man soll sogar: Erst gestern Abend fuhr Polizei im Park auf und ab und rief’s durch Lautsprecher aus: Nicht sitzen, Leute! Bewegen! Laufen!
Laufen, flanieren, spazieren also sollen wir jetzt, sprich: cruisen – gesetzlich verordnet. Na dann, denk ich und fühl mich auf einmal ganz ruhig. Vielleicht doch nicht so falsch, die neuen Gesetze; man muss sie nur richtig interpretieren.


„Cruising staatlich verordnet“ zum Hören


Krass im Kopf

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Krass, denk ich, krass!, und dann gleich noch mal: Krass!, weil mehr fällt mir nicht ein, als ich so rumfahr, durch Straßen mit allen Geschäften geschlossen und ab und zu Menschen, die böse gucken, wenn man näher als fünf Meter herankommt an sie. Krass! Und dann denk ich: Und gleich hält mich eine*r an und fragt, was ich hier tu, weil ja Ausgangssperre und so. Krass, denk ich erneut und werd voll wütend. Ich tret in die Pedale, rase, das hilft, macht gute Laune.
Nur dann seh ich, wie ein Auto von der Polizei an den Rand gewinkt wird und das garantiert nicht, weil zu schnell gefahren, denn ich war schneller als das. Krass, denk ich noch mal; sofort ist es vorbei mit der guten Laune. Weil das ist schon das vierte Mal heute, dass ich Polizei seh, die auffährt, winkt, irgendwas kontrolliert, was vorher nicht kontrolliert wurde im Land, eben das Woher und Wohin; nicht in dem Umfang zumindest. Und okay, kann ja sein, dass sie den hier jetzt wegen nicht geblinkt beim Abbiegen rangewinkt haben oder so, aber die anderen drei Male heut war eindeutig: Drei Menschen auf einer Bank vor ’nem Geschäft, ein Mensch zu viel, zack Polizei; überhaupt das Geschäft, wieso noch offen, zack Polizei; da ein Grüppchen, zack Polizei; krass, krass, krass.
„Krass!“ – jetzt denk ich’s schon wieder. Viel krasser aber noch find ich all die Leute, die nach noch mehr Kontrollen rufen im Land, nach Handyortung, Bewegungsverfolgung, alles wegen – tja, dem Virus eben. Virus, aha, denk ich, und das ist jetzt doch mal ein anderes Gedankengebäude im Kopf als immer nur „Krass!“, aber ich glaub, für heut ist vorbei mit rumfahren mit Rad, so richtig toll ist das grad nicht. Also fahr ich nach Haus und mach, was alle so machen: Komm nicht mehr raus für den Rest des Tages, und das ist am allerkrassesten, find ich.


„Krass im Kopf“ zum Hören


Gesamte Playlist „Corona“

 


 

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