Das Weltverbesserungsmanifest

Wenn ich so durch die Straßen gehe, seh ich oft Sachen, die ich nicht mag. Da pinkelt einer in eine Toreinfahrt, einfach so; die Einfahrt stinkt schon sehr. Da sitzt ein anderer in der Bahn, belegt zwei Sitze und das sehr aggressiv und rückt für keinen Müden zur Seite. Eine Frau muss stehen. Sie ist allein und schaut sich um, denn wenn sie allein ist, wird sie doof angemacht, zum Beispiel von dem Typen gleich da. Der Typ gleich da hat eine Freundin und die trägt weiß. Das sieht toll aus, ist aber gefährlich, besonders heute, fällt ihr ein: Sie kriegt ihre Tage. Ohne provisorisch gestöpselten Tampon steht sie da, das Blut droht zu rinnen, und was jetzt?

Was jetzt?

Was geändert werden muss jetzt, denke ich, wenn ich all das so seh; und dann schreib ich und verbessere die Welt.

Weltverbesserungsgeschichten also. Literatur, Geschichten vom Alltag, wie er wäre, wäre alles ganz anders. Kurzgeschichten also, nicht einfach irgendwelche, sondern Texte, die von Alternativen erzählen. Die sind nicht immer ganz ernstgemeint – aber dann wiederum eigentlich doch, irgendwie.

Warum sollte es keine Schutztruppe geben für allein laufende Frauen („SCHAF e. V.“), keine undogmatisch abzukassierende Pinkelgebühr („Die langen Nächte der Stefanie Hain“), keine „Option C“ zur vorbildweisenden Beseitigung des Lohngefälles in Deutschland 1?

Und für eine kurze Zeit gibt es das alles – so lange die Erzählung von der verbesserten Welt begeistert und überzeugt.

Meine liebste Reaktion des Publikums nach einer Lesung ist die Frage: „Sag mal, war das jetzt echt? Gibt es das wirklich?“

Vielleicht.

 

(Apropos Lesung: Wann es „Die Welt, verbessert“ live zu erleben gibt, erfährst du hier.)

 

1 Vorbildweisende Beseitigung des Lohngefälles, aus „Option C“:

(…)
Urlaub bis zum Equal Pay Day eines Nachbarlandes. Dieses Jahr Frankreich, glaube ich. Frankreich schämte sich schon sehr, da war ich mir sicher. Da mussten die Frauen siebenundsiebzig Tage länger arbeiten, rein statistisch, um so viel zu verdienen wie die Männer im Vorjahr. Siebenundsiebzig Tage, bis zum 18. März – so lange hatten wir in Deutschland Urlaub. Bezahlt. Option B.
‚Und Option A?‘, fragte Berta.
(…)

Weiterlesen? „Option C“

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